Elizabeth Taylor : Nachruf aus dem Totenreich

Eigentlich ist es höchst ungerecht, dass man unsterblich erst wird, wenn man gestorben ist. Dann hat man nichts mehr davon. Andererseits ist es nur gerecht, weil die Unsterblichen in der Regel schon vor ihrem Ableben reichlich genug hatten. Es erlangt schließlich nicht jeder, nicht Kreti und Pleti den Status der Unsterblichkeit. Nur die Berühmten, wie jetzt gerade die ab nun unsterbliche und gerade verstorbene Elizabeth Taylor. Nahezu unabdingbar für diese höchsten Weihen des Daseins ist ein gescheiter Nachruf. Nachrufe müssen geschrieben werden. Das geschieht sehr, sehr oft noch zu Lebzeiten des zu Sterbenden, weil es dann plötzlich schnell gehen muss, wenn der Sensenmann seinen finalen Schnitt getan hat. Wie Karl Kraus es einmal sagte: „Die journalistischen Särge müssen vorher bestellt werden, denn der Leser wartet nicht so lange wie der Totengräber.“ Nahezu immer halten sich Nachrufe an den Grundsatz de mortuis nihil nisi bene, frei übersetzt, dass man über die Toten nur Gutes reden soll. Man kann sich deshalb denken, dass in Nachrufen oft ein wenig geflunkert, auf jeden Fall viel ausgelassen wird.

Und manchmal sind sie auch etwas vorlaut. Wie der Nachruf auf Elizabeth Bowes-Lyon, besser bekannt als Queen Mum, die laut „Yorkshire Evening Post“ am 3. August 2001 das Zeitliche gesegnet hatte, inklusive entsprechenden Reaktionen aus dem Buckingham Palace, tatsächlich aber noch munter ihre Gin Tonics süffelte, bis sie schließlich am 30. März 2002 tatsächlich ihr letztes Glas leerte. Vielen Menschen ist es so ergangen, Max Schmeling, Konrad Adenauer, Ernest Hemingway, Ingrid Bergmann, Paul McCartney und, und, und, und sie alle verbindet, was Mark Twain zu seinem vorzeitigen Ableben kommentierte: „Die Nachrichten von meinem Tod sind stark übertrieben.“

Was nun Liz Taylor angeht, die schon vor der Unsterblichkeit als Halbgöttliche in einem Zwischenreich verbrachte, die ist nun wirklich am 23. März gestorben. Der Tod kam nicht wirklich überraschend, sie war lange schon schwer krank. Aber doch zu überraschend für den Nachruf der „New York Times“. Der Journalist Mel Gussow hatte ihn geschrieben, schon vor langer Zeit. Vor Jahren, genauer gesagt, vor seinem eigenen Tod 2005. Aber jetzt erst fand sein Werk Verwendung. Man kann also sagen, dass Liz Taylor ihren eigenen Nachruf lange überlebte. Und dass in Mel Gussow auch einmal ein ganz normal Sterblicher zur Unsterblichkeit gekommen ist. Helmut Schümann

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