Zeitung Heute : Elstern haben eine Vorstellung vom eigenen Ich

Die Elster kann sich ziemlich schnell unbeliebt machen. Aber sie ist schlau. Foto: Reuters
Die Elster kann sich ziemlich schnell unbeliebt machen. Aber sie ist schlau. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Unverkennbar macht sich die Elster mit ihrem Alarmruf bemerkbar, wenn sich jemand im Frühjahr zur Brutzeit ihrem Nest nähert: Tschak-tschak-tschak. Klugheit und List des eleganten schwarz-weißen Vogels sind sprichwörtlich, das Gehirn der Elster gehört zu den am höchsten entwickelten unter den Singvögeln.

Und die Elster hat möglicherweise mehr mit den Menschen gemeinsam, als sich die meisten vorstellen können: ein Ich-Bewusstsein. Den „Spiegel-Test“ hat sie jedenfalls schneller bestanden als Menschenaffen, Delfine und Elefanten: Elstern wurden bereits vor mehreren Jahren in einem Versuch mit einem farbigen Punkt im Gefieder unterhalb des Schnabels markiert, für sie selbst nicht zu sehen. Hatten die Tiere einen Spiegel in ihrem Käfig, begannen sie, sich an dem Punkt zu putzen.

Den Experimenten des Biopsychologen Onur Güntürkün (Ruhr-Universität Bochum) und des Psychologen Helmut Prior (Goethe-Universität Frankfurt) zufolge können Elstern vor dem Spiegel also ihren eigenen Körper erkennen. „Ja, laut Spiegel-Test hat die Elster Ich-Bewusstsein“, bestätigt Prior. „Ob sie über sich selbst reflektieren kann, lässt sich nach dem Test aber nicht sagen.“ „Pica pica“, wie die Biologen die Elster nennen, war im abendländischen Kulturraum noch nie gerngesehen. Als Begleitvogel der germanischen Todesgöttin Hel war ihr der Ruf einer Unheilsbotin sicher. Im Mittelalter galt die „diebische Elster“, die gelegentlich blinkende Gegenstände in ihr Nest bringt, als Hexentier und Galgenvogel.

In Asien werden Elstern als Glücksbringer geschätzt. Die Ureinwohner Nordamerikas pflegten sogar eine spirituelle Freundschaft mit der Hudsonelster.

Die hiesige Elster ist nicht gefährdet. Auf bis zu 500 000 Brutpaare schätzt die International Union for Conservation of Nature den Bestand in Deutschland. Der Brutvogelatlas der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz weist bis zu 50 000 Brutpaare allein für das Bundesland Hessen aus. Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurden die Nester der Elstern noch „ausgeschossen“. In den 70er Jahren nahm die Zahl der Vögel im freien Feld ab: Die intensive Landwirtschaft mit ihren chemischen Giften, vor allem der gebeizte Mais, machte ihnen zu schaffen.In der Stadt finden sie reichlich Nahrung. Die Elstern stochern in Kompost- und Abfallhaufen, sie fressen Fleischreste, Brot und Käse. Oder sie drehen Steine um, um an Insekten zu gelangen. Insekten, Spinnen, Würmer und Schnecken gehören zu ihrer bevorzugten Kost.epd

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