Eltern beim Abiball : Endlich einmal richtig feiern

Der Abschied von der Schule dauert Monate. Wie eine Mutter diese Zeit erlebt.

Das Abizeugnis halten unsere Tochter und ihre 73 Mitschüler seit zwei Tagen in der Hand. Aber am heutigen Tag ist noch eine letzte Herausforderung im Schulleben zu bestehen. Der Abiball steht an. Die Verabschiedung von der Schulzeit vollzieht sich über drei Monate hinweg in Etappen: Erst gab’s Ende März die Mottowoche in den letzten Schultagen, an denen man fantasievoll kostümiert den Unterricht absolvierte. Daran schloss sich die unvermeidliche Abifahrt in die spanischen Ballermann-Gebiete an. Von Eltern wegen der Exzessgefahr durchaus sehr gefürchtet. Die Bedenken waren überflüssig. Es hielt sich alles in allem im Rahmen, und Details möchte man ja eigentlich nicht wissen. Die Verleihungsfeier der Abiturzeugnisse – ein wichtiges Ereignis – war am Freitag. Und heute folgt also nun der rauschende Höhepunkt.

Der Festsaal ist seit Monaten gebucht, das Büfett steht, die Sitzordnung längst fertig. Für einige gehört die Anfahrt in der Stretchlimousine dazu. Daran scheiden sich allerdings die Geister, manche finden das prollig. Ganz wichtig ist natürlich die Frage der Garderobe. Die Jungs kommen natürlich im Anzug. Und bei den Mädels geht’s seit Wochen um Kleid, Schuhe, Haare, Make-up.

Natürlich blicke ich als Mutter zurück auf das Ende der eigenen Schulzeit. Das war im Jahr 1980. Formale Festlichkeiten waren damals verpönt. Einen Ball zum Ende der Schulzeit zu veranstalten, war völlig undenkbar. Eine Party im Atrium der Schule, das ja, aber auf gar keinen Fall irgendwelche Etikette beachten. So vergaßen wir völlig, die Lehrer oder gar den Direktor einzuladen. Wir hatten uns gedacht, wer Bock drauf hat, kommt auch so. Bis auf zwei Lehrer hatten sie wohl keinen Bock.

Unser Dresscode damals: Jesuslatschen, ausgewaschene Jeans, Schlabberblusen, wahlweise buntbedruckte WalleWalle-Kleider. Offizielle Zeugnisvergabe? Fehlanzeige! Die Zeugnisse holten wir uns am Samstagmorgen nach der Abiparty im Sekretariat ab. Viele kamen verkatert, manche nach durchfeierter Nacht noch im Outfit des Vorabends. Das war nicht besonders würdevoll, irgendwie deprimierend, eine 13-jährige, prägende Periode im Leben so abzuschließen. Dieses Gefühl hatte ich bereits damals. Im Nachhinein würde ich sagen, dass wir reichlich unreif waren, auch wenn wir uns gesellschaftlich und politisch schon sehr erwachsen fanden.

Das Abitur gemacht zu haben, ist es nämlich durchaus wert, richtig gefeiert zu werden. Auch wenn der Anteil der Abiturienten seit damals erheblich gestiegen ist, ist es immer noch keine Selbstverständlichkeit und bedeutet für jeden Einzelnen ja auch eine tolle individuelle Leistung.

Eltern waren übrigens seinerzeit schon zur Party zugelassen, auch sie kamen im Alltagsdress und verabschiedeten sich zeitig. Letzteres werden wir heute auch tun; das gehört sich so. Aber Alltagsdress geht natürlich gar nicht. Gut auszusehen wird meine letzte persönliche Herausforderung als Mutter eines Schulkindes sein.

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