Zeitung Heute : „Eltern können viel bewegen“

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Die neue PisaStudie wurde gestern vorgestellt. Herr Prenzel, sind die Schulen in Deutschland zwischen Pisa 2000 und 2003 sozial ungerechter geworden?

Nein, darauf gibt es keinen Hinweis. Die Chancen von Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten, das Gymnasium zu besuchen, sind zwischen den beiden Studien auch kaum vergleichbar. Im Jahr 2000 wurde der soziale Status der Eltern nach sozialer Schicht und Dienstklassen gemessen, 2003 nach einem neuen internationalen Index, der den ökonomischen, sozialen und kulturellen Status von Familien misst. Ein beiden Studien gemeinsamer Indikator ist die Frage nach der höchsten beruflichen Position im Elternhaus: Kinder von Eltern mit dem höchsten sozioökonomischen Status haben bundesweit eine 4,2-fach höhere Chance das Gymnasium zu besuchen als Kinder aus einer Arbeiterfamilie. Und da gibt es keinen signifikanten Unterschied zu Pisa 2000.

Ist die Chancengerechtigkeit verbessert?

Es bleibt ein Problem, dass es in vielen deutschen Ländern einen straffen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und mathematischer Kompetenz gibt. Einen Schlüssel sehe ich darin, leistungsschwache Schüler in allen Klassenstufen konsequenter zu fördern. Ansetzen könnten die Schulen bei der Problemlösekompetenz – sie nutzen das Potenzial nicht, um die Brücke zur Mathematik zu schlagen. Auch bei sozial benachteiligten Kindern kann man hier ansetzen. Wir müssen fragen, wie wir die Bildungsgerechtigkeit beim Besuch der richtigen Schulart herstellen.

Berliner Gymnasiasten sind auf dem Leistungsniveau bayerischer Realschüler. Welche Konsequenzen muss das haben?

Es zeigt sich: Nicht überall, wo Gymnasium draufsteht, ist Gymnasium drin. Wir als Bildungsforscher können aber keine Konsequenzen vorgeben. Jedes Land bekommt Informationen, wo seine Schulen stehen und muss seine eigenen Rückschlüsse ziehen, was zu tun ist. Die Länder haben unterschiedliche Voraussetzungen. Es gibt mehrere Wege aus der Krise.

32 Prozent der Schulen, die es mit Problemen zu tun haben, gehen diese aktiv an. Wie kann man „passive“ Schulen aktivieren?

Die Schulleitungen können viel tun, um ihre Kollegien zu motivieren. Dafür sollte man ihnen Anreize geben: Rückmeldungen von der Schulaufsicht bis hin zu leistungsbezogenen Bezügen. Eltern können viel bewegen. Schulen sollten sie dabei ermutigen. Lehrern kann man durch gezielte Fortbildung Impulse geben.

Manfred Prenzel ist Leiter der deutschen Pisa-Studie 2003.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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