Zeitung Heute : Eltern rumführen

Wie eine Neu-Berlinerin die Stadt erleben kann

Sonja Niemann

WAS MACHEN WIR GRÜNDONNERSTAG?

Foto: Mike Wolff

EEin Highlight meines Lebens in der Großstadt ist liebenswerter Besuch von außerhalb. So was erweitert den Horizont ungemein. Schon als ich noch in Hamburg gewohnt habe, musste ich manchmal mit Übernachtungsgästen aus meiner niedersächsischen Heimat komische Sachen unternehmen, die ich sonst nie mache: eine Hafenrundfahrt, Sonntag morgens um 6 Uhr auf den Fischmarkt gehen, einen Sexshop auf der Reeperbahn besuchen – wo schon lauter kregele Kegelvereine die angebotenen erotischen Hilfsmittel ungläubig bekichern – an der Elbe sitzend „Ick heff mol nen Hamburger Veermaster sehn“ singen und abends literweise Astra-Bier trinken. (Ich betrink mich sonst ja nur mit Qualitätsbieren).

Als ich dann hierher zog, hatte ich schon befürchtet, in Berlin müsste ich jetzt womöglich mit Besuch den Fernsehturm besteigen, ein pfiffiges Theaterstück mit Edith Hancke angucken und in Kneipen am Ku’damm Berliner Weiße mit Waldmeistersirup trinken. Aber das ist natürlich Quatsch.

Jeder, wirklich jeder, war schon mal in Berlin. Alle kennen den Fernsehturm und das Brandenburger Tor. Der Besuch aus der Provinz, d. h. dem gesamten Rest Deutschlands, will allenfalls was vom pulsierenden Nachtleben hier mitbekommen. Wir gehen dann ins „Möbel-Olfe“ in Kreuzberg, und da der Besuch glücklicherweise genauso wenig wie ich weiß, was es noch für hippe, schwer angesagte Insidertreffs in Mitte gibt, sind alle zufrieden. Insofern blicke ich Besuch sehr gelassen entgegen.

Doch neulich waren meine Eltern hier. Meine Eltern kennen ebenfalls schon das Brandenburger Tor und den Fernsehturm. Mit ihnen ins „Möbel-Olfe“ zu gehen kam nicht so richtig in Frage, fand ich. Mit ihnen genauer die Gegend um die Hermannstraße in Neukölln erkunden, wo ich wohne, hielt ich auch für keine so gute Idee.

Was sollte ich ihnen nur in Berlin zeigen? Mir brach der kalte Schweiß aus. Ich wünschte mir plötzlich, ich hätte Karten für den Friedrichstadtpalast bestellt und wüsste ein Urberliner Restaurant, wo es Buletten gibt und Bedienungen, die aussehen wie Günther Pfitzmann.

Ich beschloss, mit ihnen zum Hackeschen Markt zu gehen und planlos rumzulaufen. „ Im Reiseführer war ein tolles Schuhgeschäft hier empfohlen. Weißt du, wo das ist?“, fragte mich meine Mutter. Ich wusste es nicht. „Und wo ist diese berühmte Bonbonmacherei?“ Die kannte ich nicht. „Och Sonja“, sagte meine Mutter , „jetzt wohnst du schon ein dreiviertel Jahr hier und kennst dich gar nicht aus.“

Sie hatte Recht. Zum Glück fiel mir wenigstens ein, dass das MoMA in der Stadt ist, und so verbrachten wir den Nachmittag in der Neuen Nationalgalerie und ließen uns von Kunsthistorikerinnen in rosa T-Shirts erklären, warum auf dem Bild „Roter Vogel“ kein Vogel zu sehen ist, sondern nichts.

Dann ging ich mit meinen Eltern ein Bier trinken. Es war ein sehr netter Abend.

Nächstes Mal gehe ich mit ihnen am besten gleich ins Möbel-Olfe.

Schuhladen „trippen“ ist in den Hackeschen Höfen, Hof 4 und 6. Die Bonbonmacherei ist in den Heckmannhöfen, Oranienburger Str. 32

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