Zeitung Heute : Eltern sahen zu, wie ihr Baby qualvoll starb

Der Tagesspiegel

Von Wolfgang Swat

Cottbus/Lauchhammer. In Lauchhammer ist ein kleines Baby qualvoll gestorben. Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis wurde der Tod durch eine Kopfverletzung hervorgerufen. Die jungen Eltern waren mit der Betreuung ihres Kindes offensichtlich überfordert. Wie erst jetzt bekannt wurde, waren am Sonntag Notärzte in die Wohnung der Großeltern des Kindes gerufen worden, konnten sein Leben aber nicht mehr retten.

Die kleine Julia aus Lauchhammer, geboren am 18. Januar 2002, wurde nur 44 Tage alt. Mindestens die letzten acht Tage müssen unglaublich schmerzvoll für das Baby gewesen sein. Gerichtsmediziner stellten zwei schwere Verletzungen bei Julia fest. Der Kopf war sichtbar vergrößert: Gehirnflüssigkeit und Blut hatten die noch weichen Knochen um mehrere Zentimeter nach außen gedrückt. Was zu den tödlichen Kopfverletzungen geführt hat, ist nach Auskunft der Sprecherin der Staatsanwaltschaft Cottbus, Cäsilia Cramer-Krahforst, noch unklar. Nach bisherigen Erkenntnissen könnte dumpfe Gewalt als Ursache in Frage kommen. Am linken Oberschenkel diagnostizierten Dresdner Gerichtsmediziner einen komplizierten Bruch. Zahlreiche Knochensplitter waren in Muskel und Gewebe eingedrungen, das verwundete Bein angeschwollen und doppelt so dick wie das gesunde. Die Verletzung war mindestens eine Woche alt. Das Kind muss unerträglich gelitten haben. „Es hat sich zu Tode geschrien“, so Cäsilia Cramer-Krahforst. Darauf weise auch die stark ausgestrocknete Bindehaut der Augäpfel hin. Es sei einfach schrecklich, was passiert ist.

Die Eltern, Alexandra Sch. und Jens W., sind beide 24 Jahre alt. Sie haben eine gemeinsame Wohnung in Lauchhammer, waren aber oft auch bei den Eltern des Vaters in einem anderen Teil der Stadt. Obwohl das Kind aufgrund der Schmerzen über eine lange Zeit anhaltend geschrien haben muss, wollen die Eltern das als normal betrachtet haben. Sie hätten Julia geliebt, selbst wenn das Mädchen kein Wunschkind gewesen sei, sagen sie nach Angaben der Polizei. Die Verletzung des Beines hätten sie als nicht so ernst betrachtet. „Ich wollte die Schwellung mit Penatencreme lindern“, sagte Alexandra Sch. als Begründung, warum sie mit der Kleinen nicht zum Arzt gegangen ist. Den geschwollenen Kopf ihrer Tochter wollen weder Mutter noch Vater bemerkt haben.

Die Staatsanwältin schließt aus den Aussagen des Paares, seiner offenbar eher geringen Intelligenz und Beobachtungen von Nachbarn, dass die Eltern mit der Betreuung des Säuglings überfordert waren. Es habe sie offensichtlich auch nicht beunruhigt, dass ihr Kind keine Nahrung mehr aufnahm. Die Ärzte stellten bei der Obduktion jedenfalls ausgetrocknete Haut und einen schlechten Gesamtzustand fest. Einen Hinweis auf die hilflose Lage des Säuglings erhielten weder die Stadtverwaltung von Lauchhammer noch das Jugendamt in Senftenberg.

Der ermittelnde Staatsanwalt in Cottbus und die Haftrichterin in Senftenberg sind sich darin einig, dass die Eltern die schweren Verletzungen ihres Kindes hätten erkennen müssen. Antragsgemäß wurde Haftbefehl gegen Jens W. und Alexandra Sch. erlassen. Der Vorwurf lautet vorerst auf Aussetzung mit Todesfolge. Dieser Straftatbestand ist nach Auskunft der Staatsanwaltschaft auch erfüllt, wenn Eltern ihr hilfsbedürftiges Kind im Stich lassen. Sie hätten mit Julia einen Arzt aufsuchen müssen. Trotz der hohen Strafandrohung von mindestens drei und bis zu zehn Jahren erkannte die Haftrichterin nicht auf Fluchtgefahr und setzte den Haftbefehl außer Vollzug. Das bisher nicht vorbestrafte Paar musste Personalausweise sowie Reisepässe abgeben und muss sich täglich auf der Polizeiwache melden.

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