Eltern : Seid doch nicht immer so zielführend!

Also ich würde ja nie „zielführend“ sagen. Erstens weil ich nicht weiß, ob es nach neuester Rechtschreibung nicht doch „Ziel führend“ heißen muss, und zweitens weil es sich um ein so kaltschnäuziges, leidenschaftsfreies Wort handelt.

Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-Matwey.Foto: Mike Wolff

Ist es „zielführend“, bei Eis und Schnee mit dem Fahrrad ins Büro zu fahren? Natürlich nicht, die Chancen, das Ziel nie zu erreichen, sind viel zu hoch. Ist es „zielführend“, ernsthaft über Markus Lanz nachzudenken? Dito. Aber Hertha jetzt gleich absteigen zu lassen, faktisch zum nächsten Ersten (im fliegenden Wechsel, nur mal so als Beispiel, mit Fortuna Düsseldorf), das wäre „zielführend“! Würde viel Geld, Häme und Tränen sparen. Wobei „dito“ auch ein doofes Wort ist. Irgendwie verliert die deutsche Sprache mehr und mehr an deutscher Seele.

Angela Merkel, unsere kinderlose Bundeskanzlerin, hat vor ein paar Tagen gesagt, sie fände die Idee einiger jungscher Unionisten, für Kinderlose eine Kinderlosenstrafabgabe einzuführen, „nicht zielführend“. Was sie damit meinte, war, dass der Kollege Marco Wanderwitz, MdB, der diesen Vorstoß initiiert hat („Meine Frau und ich haben drei kleine Mädchen, die uns sehr viel Freude bereiten“), längstens Vorsitzender der Jungen Gruppe in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewesen ist, wenn er nicht ganz flugs wieder sein sächsisches Schnütchen hält. Prompt fand Wanderwitz es ganz flugs „zielführend“, sein Schnütchen zu halten. Wenn Worte töten könnten – oder: So funktioniert Politik? Inhaltlich wird mir Frau Merkel immer sympathischer.

Kinder funktionieren anders. Kindern ist mit Worten oft nicht zu helfen, und die Einzigen, die das nicht begreifen, sind ihre Eltern. Wir brauchen keine Kinderlosenstrafabgabe, keine Flensburger Punktesystemreform und auch keine U5 in Berlin, wir brauchen eine Elternhelmpflicht, am besten mit Maulkorb drin oder dran.

Kürzlich traf ich vor dem Süßigkeitenregal im Bio-Supermarkt auf Lotte, 4, und ihre Mutter, etwa 30. Die Mutter: Möchtest du Schokolade oder Schokoladenkekse? Lotte zeigte keine Reaktion. Die Mutter: Kekschen oder diese lustigen kleinen Täfelchen, schau mal, Lotte, Mäuselchen, ganz für dich allein? Lotte nestelte eine Handvoll Riesenlakritzstangen aus dem Regal. Die Mutter: Lotte, das ist Lakritz, das magst du nicht. Lotte, greinend: Schokolade! Die Mutter: Das ist keine Schokolade, Schneckelchen, das ist Lakritz, das ist bah. Möchtest du lieber Schokolade haben oder Schokoladenkekse? Oder lieber was zum Lutschen? Einen Schoko-Lutscher vielleicht? Wie Eis, nur nicht so kalt? Lotte: Eis! Die Mutter: Nein, Lotte, im Winter essen wir kein Eis, im Winter macht Eis ganz böses Halsweh. Spätestens an dieser Stelle hätte ich gerne die Maulkorbalarmtaste gedrückt, zum Wohl des Kindes.

So lange es den Elternhelm bei uns noch nicht gibt, sollten wir zwecks gesamtgesellschaftlicher Abhärtung einen Hunger- und einen Kaltwassertag pro Woche einführen. Und zwar für alle, ganz egal ob geschlechtsreif, gebärwillig oder -unwillig, Fortuna-Fan, Nerdbrillenträger, Kanzlerin, impotent, Rollkofferbesitzer oder Schwabe.

Das Ersparte fließt vollumfänglich in unsere sozialen Sicherungssysteme. Die Rentä wird wiedä sischä sein, bösä Kinderlosä wie isch leisten endlich einen handfesten Beitrag für die Solidargemeinschaft, Lottä kriegt ihr Eis, und alle Wanderwitze ziehen weitä. Raus zum Angeln oder in die Pilze oder was sie sich laut Homepage noch so alles ausdenken, um ihre kleinen Familien „nicht zu vernachlässigen“. Und abends wird dann hoffentlich mit emsigen Schnütchen über das Ehegattensplitting diskutiert.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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