Zeitung Heute : Emmas Rausch endet im Ruin

MAXIM GORKI THEATER Nora Schlocker bringt Flauberts Roman „Madame Bovary“ auf die Bühne

PATRICK WILDERMANN

Nora Schlocker hat ein paar Anläufe gebraucht, bis der Roman sie wirklich gepackt hat, zu Schulzeiten jedenfalls ist sie über das erste Drittel nicht hinausgekommen. Mittlerweile hat sie Gustave Flauberts „Madame Bovary“ vier Mal gelesen – und spricht über diese Geschichte einer Ehefrau, die an den eigenen Sehnsüchten und den Korsetten der Gesellschaft zugrunde geht, mit dem Furor der Entflammten. Preist Flauberts Differenzierungsvermögen, reflektiert über die Titelheldin, die ihr „in gleichem Maße unsympathisch und suspekt erscheint, wie ich mich auch mit ihr identifiziere“. Über die Ehe zwischen der genussgierigen Emma Bovary und dem schlicht gestrickten Landarzt Charles, in der sie keine Zuweisung von Opfer- oder Täterrolle erkenne, sondern vielmehr „das große Scheitern einer Beziehungsmöglichkeit“. Und schließlich darüber, wie sehr das Ende dieser Konventionen-Tragödie aus dem 19. Jahrhundert, die sie jetzt in einer Fassung der Autorin Tine Rahel Völcker auf die Bühne des Gorki Theaters bringt, sie tangiere: Da bleibt die Tochter der Eheleute verarmt und mehr oder minder zum Tode verurteilt zurück. Ein Schluss in Scherben also, keine Hoffnung, nirgends? „Kann man so sagen“, entgegnet Nora Schlocker, und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Aber ich bin ja eh nicht bekannt für die Komödie.“

Das stimmt wohl. Einen Namen gemacht hat die sich die gebürtige Österreicherin, Regie-Absolventin der Berliner Ernst-Busch-Schule, vielmehr mit kraftvoll zugreifendem und präzise durchdachtem Schauspielertheater. Vor allem in Weimar, wo Schlocker, Jahrgang 83, seit zwei Jahren Hausregisseurin ist und sich von der Etikettierung als bestaunenswertes Jungtalent zu emanzipieren verstand. Da gelang ihr gleich mit ihrem „Liliom“-Einstand ein großer Wurf, der die Figur der Juli mit sanftem Nachdruck ins Licht schob. In Weimar intensivierte Schlocker – mit der zweiteiligen Stückentwicklung „Studie zur deutschen Seele“ – auch die Zusammenarbeit mit der Autorin Tine Rahel Völcker. Völcker, schwärmt sie, habe sie regelrecht „in Brand gesetzt“ mit ihrer Begeisterungsfähigkeit, ihrer Ernsthaftigkeit, auch der Dringlichkeit zu fordern: Wir müssen uns verhalten, Politik findet immer statt, egal ob ausgesprochen oder nicht.

Den politischen Anspruch teilen die beiden Frauen, wobei sich Schlockers Utopienfokus mit der Zeit verschoben hat. Vor ein paar Jahren, sagt sie, „habe ich noch viel bessere Liebesgeschichten erzählt, als ich es heute tue“. „Liliom“ etwa – an der Rückwand prangte in roter Farbe Julis Glaubensbekenntnis „Liebe zählt“ – sei auch die Erkundung des Topos „Zwei gegen den Rest der Welt“ gewesen. Mittlerweile jedoch interessiere sie sich weit mehr für die Beschreibung von Gruppenmechanismen und die Frage: Was sind darin Grenzüberschreitungen, wie werden Menschen kaputt gemacht? Ihre „Geschichten aus dem Wienerwald“ kreisten mit heiterer Unerbittlichkeit um eine Frau, die ihre Fesseln sprengt und zu spüren bekommt, wie erbarmungslos ein System zurückschlagen kann. Genauso die „Medea“ nach Grillparzer: die Erzählung einer Gesellschaft, „die gnadenlos Individualismus zertritt“. Und auch aus „Madame Bovary“ liest sie die drängende Frage nach Freiheit heraus – und die Erkenntnis: „Der erste Moment, in dem die Bovary frei ist, ist derjenige, in dem sie sich umbringt.“

Immer wieder hinterfragt Schlocker in ihren Inszenierungen Frauenrollen, Frauenbilder. Was sie freilich noch längst nicht zur Feminismusbeauftragten ihrer Regie-Generation macht, es ist nur ein Aspekt ihrer Arbeit – bei wohlgemerkt vier Inszenierungen pro Jahr, in Spitzenzeiten waren es schon mal sechs. Von ihrer „Theatersucht“ spricht Schlocker einmal, und sie sagt auch, sie müsse langsam zusehen, dass es auch wieder ein Leben neben dem Theater gebe: „Man sollte Teil der Welt sein, von der man erzählt.“ PATRICK WILDERMANN

Premiere 19.2., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellung 25.2., 19.30 Uhr

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