Zeitung Heute : Emmendingen: Der magische Sound des Todes

Monika Goetsch

Vor zwölf Jahren hat er sich aus dem Staub gemacht und der Familie einen Scherbenhaufen hinterlassen, mit dem bis heute keiner richtig klarkommt. Es war im Dezember. Einer dieser starren Wintertage, an denen selbst hier, in Südbaden, kein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke dringt. Stephan, 22 Jahre alt, durfte einmal raus aus der psychiatrischen Klinik. Lief mit zwei Pflegern und ein paar Patienten das Gelände ab. Schwer stehen da die 100-jährigen Häuser mit ihren dunklen Ziegeldächern auf der Wiese. Eine Allee führt von der Pforte übers Feld. Östlich türmen sich die Berge in blauen Schatten auf zum Schwarzwald. Alle paar Minuten rasen Züge von Nord nach Süd vorbei, von Süd nach Nord, bis zu 270 am Tag, Regionalzüge, Fernzüge, Güterzüge, die kein Ende nehmen wollen. Stephan, der drei Tage zuvor im Zentrum für Psychiatrie Emmendingen (ZPE) vorgefahren war, weil er sich vor sich selbst fürchtete, rannte los.

"In unserer Familie sind wir alle engagierte Leute", sagt sein Bruder Matthias Veeser-Dombrowski heute, "und waren fest davon überzeugt, dass man das Leben hinkriegen muss." Dann habe ihnen auf einmal "diese Tat", wie er den Suizid des Bruders umschreibt, das "Selbstkonzept zerschlagen". Ein Leichtes sei es da gewesen, die Psychiatrie verantwortlich zu machen. War es nicht deren Pflicht, den Bruder drinnen zu behalten? Voll Zorn und Trauer machten sie die Schuldigen aus: Ärzte, Schwestern, Pfleger. Schließlich kamen sie wieder zu sich. Zu sich und ihren Selbstvorwürfen. "Was müssen wir für eine schreckliche Familie sein, wenn einer von uns nicht anders kann, als sich umzubringen?" Der Bruder, das Nesthäkchen, war er das schwächste Glied? Wer hätte ihm helfen können und wie?

Ein Dutzend Jahre und eine Familientherapie später, fragt Matthias Veeser-Dombrowski, Theologe und Pädagoge, längst nicht mehr nach Schuld und Unschuld, das wäre zu einfach. "Ich hatte keine Verantwortung für meinen Bruder. Er hatte Verantwortung für sich selbst." Eine Mischung aus Lebensgeschichte, Veranlagung, Versäumnis und Gelegenheit habe zum Freitod geführt, ein komplexes Geflecht, in dem niemand schuldig gemacht werden kann. Allerdings habe er, sagt Veeser-Dombrowski, diese "Altlast" zu verarbeiten. Und deshalb hat er Druck gemacht. Von der Idee, eine Lärmschutzwand zu bauen, für die er sich in Briefen an Politiker stark machte, hat ihm ein Psychiater erzählt. Der Psychiater heißt Ernst Baljer und ist ärztlicher Direktor jenes Landeskrankenhauses, das Stephan damals nicht aufhalten konnte.

Das Wetter ist einfach zu gut

Die Züge, die an seinem hellen Büro im Verwaltungsgebäude am Eingang des Psychiatriegeländes vorbeidonnern, hört Baljer längst nicht mehr. Wenn eine Notbremse quietscht, bleibt er entspannt. Es muss ja nicht immer das Schlimmste passiert sein. Und doch: Das Schlimmste passiert. Nirgendwo sonst in Deutschland werfen sich so viele Menschen vor den Zug wie in der kleinen Stadt Emmendingen im südlichen Breisgau, wo am Fuße des Schwarzwalds Rebhänge, Streuobstwiesen und versteckte Täler doch eigentlich die Lebenslust befördern.

Nirgendwo sonst sei im Übrigen die allgemeine Suizidrate so hoch wie im gesamten Dreiländereck, sagt Baljer. Vielleicht, spekuliert er, weil das Wetter einfach so gut ist. Und das könne einen psychisch kranken Menschen noch tiefer in die Depression stürzen: die Mitleidslosigkeit, mit der die Sonne so fröhlich vom Himmel strahlt. "Darüber müsste man mal forschen", sagt Baljer, der vor über fünf Jahren mit dem Amt allerdings ein noch viel konkreteres, drängenderes Problem übernommen hat: die Eisenbahnsuizide von Patienten des ZPE.

Immer wieder nehmen sich seit nun schon rund 30 Jahren Menschen wie Stephan Veeser in Sichtweite der Psychiatrie das Leben, laut Baljer durchschnittlich fünf pro Jahr, für andere Kliniken dieser Größenordnung seien jährlich ein bis zwei Suizide üblich. Personalmangel, Diagnosefehler? Mitnichten, sagt Baljer, der jeden Suizidfall sorgfältig prüfen lässt. Die Bahn dort drüben, am Ende der kleinen Allee, hinter dem zerrupften Zaun und den paar Büschen und Bäumen, sei einfach zu einem "verlässlichen Suizidmittel" geworden.

Man muss sich schon Ohren und Augen zuhalten, um davon nichts mitzukriegen. Der Zugverkehr liegt hier häufiger lahm als anderswo. In Stadt und Umland weiß jeder Bescheid. Spricht sich im ZPE eine Selbsttötung auf Schienen herum, kommt die nächste und übernächste, so Baljer, ganz bestimmt. Die Wissenschaft nennt das den "Werther-Effekt", weil nach Erscheinen der "Leiden des jungen Werther" eine Selbstmordwelle unter jungen Männern übers Land ging. In den 80er Jahren wurde dieser Nachahmungseffekt auch am Beispiel der Serie "Tod eines Schülers" nachgewiesen, als nach der Ausstrahlung die Zahl der Eisenbahnsuizide signifikant anstieg.

Psychiatrie, so Baljer, sei auch immer "eine Gratwanderung": "Suizide wären nur vermeidbar, wenn wir unsere Patienten durchweg einsperren würden." Das aber sei inhuman und vertrage sich nicht mit seinem therapeutischen Auftrag - ganz abgesehen davon, dass man niemanden 24 Stunden am Tag überwachen könne. Die Patienten des ZPE gehen natürlich auch mal im jenseits der Bahnlinie gelegenen Supermarkt einkaufen, weil sie das Freisein lernen sollen. Aber Baljer glaubt, die Zahl der Selbsttötungen senken zu können, vielleicht auf ein Drittel der bisherigen, und das auf verwirrend einfachem, direktem Weg.

Die Bahn muss weg

Hätten alle Erwachsenen einen Revolver, sagt Baljer, würden sich nicht nur mehr Menschen erschießen. Die Selbstmordrate überhaupt würde steigen. "Bei Verfügbarkeit eines Suizidmittels steigt die Zahl." Nun rasen die Züge auf der Nord-Süd-Trasse in Emmendingen an den Todeswilligen nicht einfach nur 270 Mal am Tag vorbei. Sie haben auch, wie Patienten beschreiben, eine "magische Wirkung". Die Größe und Geschwindigkeit des Zuges, der gewaltsame, fast sichere Tod, den er verspreche, ziehe, sagt Baljer, manche Patienten in seinen Sog. Darüber hinaus hätten die donnernden Geräusche der Bahn, die viele Patienten als Stimmen übersetzten, eine sehr hohe Suggestivkraft. Ein Maschendrahtzaun sei also nur "die halbe Lösung".

Seine logische Konsequenz ist eine andere: Die Bahn muss weg. Nicht richtig weg, natürlich. Aber außer Sicht- und Hörweite sollte sie sein, versteckt hinter einer Lärmschutzwand, lang und hoch genug, um sich spontanen Entschlüssen entgegenzustemmen. Natürlich werde es Patienten geben, die genug Energie hätten, an der Lärmschutzwand bis zu deren Ende entlangzulaufen, räumt Baljer ein. Die anderen aber hofft er mit der Wand vor sich selbst zu retten.

Nun ist die Lärmschutzwand ein Dauerbrenner in der politischen Diskussion der Stadt, die schon seit langem ächzt unter den Folgen des Zugverkehrs. Am liebsten zöge Oberbürgermeister Ulrich Niemann, der eines Abends in seiner Amtsstube selbst ein eindeutiges Geräusch von den Schienen her gehört haben will, eine solche Wand durch die ganze Innenstadt. Finanzierbar durch Stadt, Bund und Bahn erscheint im Moment allerdings nur eine Teilstrecke, die im Wesentlichen vier Schulen schützt.

Der Oberbürgermeister, der psychiatrische Direktor der örtlichen Klinik und einige Politiker, denen der baden-württembergische Kommunal-Wahlkampf einen neuen Schwung gab, haben nun Gelder vom Bund aufgetrieben, um die Lärmschutzwand über das Gelände des ZPE hinaus bis zur Kreisstraße 5102 zu ziehen. Die Bahn selbst plant ein Pilotprojekt, bei dem auf die Lärmschutzwand eine so genannte Beugungskante gesetzt wird, die den Lärm noch stärker reduzieren soll. Der magische Sound wäre damit verstummt.

Manchmal, wenn er Zug fährt und der mal wieder stehen bleibt "auf der Höhe von damals", geht in Michael Veeser-Dombrowskis Kopf ein alter, neuer Film ab. Ob so eine Lärmschutzwand seinen Bruder gerettet hätte? Oder ob Stephan seinem Leben zu einem späteren Zeitpunkt, an einem anderen Ort, auf andere Weise doch noch ein Ende gesetzt hätte? Auch nach der Wand, weiß Michael Veeser-Dombrowski, wird eine "Grundtraurigkeit" sein Leben begleiten.

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