Empört euch! : Was zum Fall Strauss-Kahn geschrieben wurde

Ein Politiker trägt Potenzreime vor, Feuilletonisten faseln von Brüsten: Nicht nur Frankreichs Frauen ärgern die wirren Kommentare zum Fall Strauss-Kahn. Eine kleine Auswahl.

Jens Mühling
„Das Gefühl von Macht steigert in nicht unerheblichem Maße die Manneskraft der Machthaber. In Frankreich, wo Affären im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten gut ankommen, missfällt das nicht, im Gegenteil“. Benoît Rayski, „Atlantico“, 16. 5.Weitere Bilder anzeigen
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02.06.2011 10:08„Das Gefühl von Macht steigert in nicht unerheblichem Maße die Manneskraft der Machthaber. In Frankreich, wo Affären im Gegensatz...

„Vermutlich hat er – das verwöhnte Söhnchen einer großbürgerlichen Familie – die Liebe bei einem Dienstmädchen gelernt, wie das in seiner Kaste üblich war. Vielleicht bei einer schüchtern-schlauen Marokkanerin, die sich auf die einfacheren Künste der morgenländischen Erotik verstand (und reichlich für das Opfer belohnt wurde). Kaum bei seiner deutschen Gouvernante, obwohl er sich ihrer Sprache bis zum heutigen Tag so selbstverständlich bedient, dass beim Lernen nicht nur freudlose Pflichterfüllung am Werk gewesen sein kann.“ Klaus Harpprecht, „Die Zeit“, 19. 5.

„Das Gefühl von Macht steigert in nicht unerheblichem Maße die Manneskraft der Machthaber. In Frankreich, wo Affären im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten gut ankommen, missfällt das nicht, im Gegenteil. Man muss festhalten, dass in dieser Hinsicht der derzeitige Mieter des Elysée-Palasts völlig aus der Art schlägt. Eine Frau, Cécilia, noch eine Frau, Carla – und das ist alles. Das ist gar nichts. Dagegen seine Vorgänger und Herausforderer ... Beginnen wir mit dem heißblütigsten unter ihnen (abgesehen von DSK): Chirac, ein Kerl, ein echter Mann, ein Husar. Man stellt ihn sich vor, wie er Bäuerinnen im Heuschober bumst. Er wusste, dass man die Frauen ein bisschen drängen muss.“ Benoît Rayski, „Atlantico“, 16. 5.

„Vive l’Érection! In der Affäre Strauss-Kahn stellt sich die Frage: Warum sind Frankreichs Spitzen-Politiker so spitz? (…) BILD zeichnet das Sittengemälde der sexten, pardon: fünften Republik. (…) Freiheit, Geilheit, Brüderlichkeit!“ „Bild“, 24. 5.

„Ich bin von einem internationalen Komplott überzeugt. (…) Wie konnte man so einfach in das Zimmer des IWF-Chefs gelangen? (…) Jeder wusste, dass seine schwache Stelle die Verführung ist, die Frauen. Damit haben sie ihn gekriegt.“ Strauss-Kahns Parteigenossin Michèle Sabban gegenüber „AFP“, 15. 5.

„Es geht um Sex, um Sex und Macht, um die Quellen herrischer Männlichkeit, um die geheimnisvollen Muster von Attraktivität, die, trotz aller Forschung, immer im Ungefähren und Dunkeln liegen werden.“ Ullrich Fichtner und Dirk Kurbjuweit, „Spiegel“, 23. 5.

– „Lernen wir gerade Neues über das Verhältnis von Macht und Sex?“

– „Dass über die westlichen Gesellschaften der puritanische Irrsinn gekommen ist.“ Bernard-Henri Lévy im Interview mit der „Zeit“, 19. 5.

„Befahl der Chef des Internationalen Währungsfonds anderen Ländern, den Gürtel enger zu schnallen, während er selbst die Hosen runterließ?“ Maureen Dowd, „New York Times“, 19. 5.

„In dieser Kultur gilt es gerade für Männer oft weiter als Zeichen und Zubehör von Macht, über Frauenkörper zu verfügen. (…) Das muss nicht gleich kriminell sein; jenseits der Verführung, bis hin zur Vergewaltigung, gibt es viele Schattierungen.“ Bertram Eisenhauer, „FAS“, 22. 5.

„Hatte er eine Pistole? Hatte er ein Messer? Er ist ein kleiner, fetter, alter Mann. Sie waren in einem Hotel, in dem ständig Leute am Zimmer vorbeilaufen. Wie soll er sie in dieser Situation eingeschüchtert haben? Und wenn er so einschüchternd war, warum fühlte sie sich dann sofort uneingeschüchtert genug, um bei den Behörden wegen ihrer Geschichte Alarm zu schlagen?“ Ben Stein, „American Spectator“, 17. 5.

„Jemanden nicht freizulassen, wo doch niemand zu Tode gekommen ist, jemanden nicht freizulassen, der eine bedeutende Kaution zahlt, das geschieht praktisch nie.“ Ex-Kulturminister Jack Lang, „France 2“, 16. 5.

„Nicht alle können aber so wie 1899 Präsident Félix Faure den letzten Atem beim Orgasmus in den Armen einer Mätresse aushauchen.“ Rudolf Balmer, „TAZ“, 17. 5.

„Dennoch wurde den Herrschern] zugestanden – nein, es wurde von ihnen erwartet –, dass sie den quasireligiösen Zauber des königlichen Samens mit einer gewissen Freigebigkeit nicht nur den Gemahlinnen der Bediensteten des Hofstaates oder (lieber noch) ihren Töchtern, sondern auch mancher Schönen aus dem Volke zukommen ließen.“ Klaus Harpprecht, „Die Zeit“, 19. 5.

„Wenn sich dieser Mann nicht im Klaren darüber ist, dass er sich exponiert, wenn er im Sofitel oder anderswo Zimmermädchen rannimmt, dann hat sich in seinem Bewusstsein etwas verschoben. Die Amerikaner] haben, wie Sie wissen, keinen Sinn für Humor. Die Lebensregungen des Mannes werden dort für Sünden gehalten, die Frau wird sakralisiert und ihr Opfergerede für bare Münze genommen.“ Marc Bonnant, „Radio Suisse“, 21. 5.

„Das Wissen um die Fragilität des Erfolgs oder die Einsamkeit in der Hauptstadt machen manches Alphamännchen irgendwann schwach.“ Bertram Eisenhauer, „FAS“, 22. 5.

„Ich bin sicher, praktisch sicher, dass es keinen Versuch der Vergewaltigung gab, ich kenne diesen Menschen und glaube das nicht. Dass es zu einer Unvorsichtigkeit gekommen ist, dass da, wie soll ich sagen, die Dienstmagd rangenommen wurde, ich sage es mal so ... das ist ein Eindruck.“ Jean-François Kahn, „France Culture“, 16. 5.

„Mächtige Männer haben eine hyperaktive Libido.“ „Spiegel Online“, 25. 5.

„Der zügellose sexuelle Appetit des Strauss-Kahn …“ Rudolf Balmer, „TAZ“, 16. 5.

„Kein Kind von Traurigkeit …“ Alexander von Sobeck, „ZDF“, 15. 5.

„Der Samen-Banker aus dem Sofitel ...“ „Bild“, 25. 5.

„Eine solche Tat, an einem solchen Punkt seiner Biografie, kann nur willentlich geschehen sein. Ich füge hinzu: Sie ist heroisch. Er hat diesen Absturz gewollt, er hat sich nach ihm gesehnt. Der Geist in ihm hat sich mit dem Tier verbündet, um mit einer ungestümen Geste die Maschinerie hinwegzufegen, die sich um ihn herum aufbaute wie ein absehbares und gefährliches Gefängnis. (…) Wenn das Zimmermädchen angegriffen wurde, die Arbeiterin vergewaltigt, dann haben wir es mit etwas Erhabenem zu tun, im kantischen Sinne eines ‚sprachlos machenden Jenseits der Repräsentation‘. (…) Es ist eine verrückte Geste der totalen Befreiung, fast ein Kunstwerk.“ Luis de Miranda, „Libération“, 16. 5.

„Die Maîtresse ist ein typisch französisches Genre, Meisterin und Dienerin zugleich. (…) Strauss-Kahn passte sich wunderbar in diese politische Landschaft ein, in der sich das Personal gebärdete, als sei ganz Paris eine stürmische Beziehungskiste.“ Michaela Wiegel, „FAZ“, 23. 5.

„Nicht alle Journalistinnen wurden von Dominique Strauss-Kahn belästigt. Kein Zweifel, der Mann war ein Baggerer, mitunter ein heftiger. Galanterien oder tiefe Blicke ins Dekolleté waren quasi obligatorische Zutaten, mit denen Gespräche begannen, bevor man zum Kern des Themas kam, zur Ökonomie oder Politik. Aber niemals wurden wir angegriffen oder bedroht.“ Nathalie Raulin, Virginie Malingre, Nathalie Segaunes, „Libération“, 21. 5.

„Der Chef des IWF versucht, eine Afrikanerin zu ficken? Das ist ja, als ob er für seine eigene politische Karikatur posiert!“ Jon Stewart, „CNN Daily Show“, 16. 5.

„Er liebt Sex, na und? Das scheint mir kein Verbrechen zu sein, manchmal drücken Körper mehr als Worte aus. (…) Ich möchte nicht, dass DSK zum Prügelknaben eines gewissen amerikanischen Puritanismus wird, der antieuropäisch und antifranzösisch ist.“ Carmen Llera Moravia, „Corriere della Sera“, 20. 5.

„Mächtige Männer haben im Allgemeinen ein scharfes Auge für weibliche Schönheit und Anziehungskraft, und Frauen fühlen sich im Allgemeinen von mächtigen, erfolgreichen, berühmten, reichen Männern angezogen. Jede ‚willige‘ Frau bestätigt die Macht eines mächtigen Mannes.“ Soziobiologe Johan van der Dennen im Gespräch mit „Spiegel Online“, 25. 5.

„In den heutigen Gesellschaften könnte Molières Martine das Zimmermädchen aus Molières Komödie ‚Les Femmes savantes‘, Anm. d. Red.] nicht mehr sagen: ‚Ich mag es, geschlagen zu werden.‘ Niemand würde das verstehen. Ich sage nicht, dass ich das bedaure, ich stelle es nur fest.“ Alain-Gérard Slama, „France Culture“, 19. 5.

„Niemals wäre Strauss-Kahn eine ähnliche Behandlung in seiner Heimat widerfahren, selbst wenn er das Blut von Zimmermädchen aus großen Tassen zum Frühstück getrunken hätte.“ Ullrich Fichtner und Dirk Kurbjuweit, „Spiegel“, 23. 5.

„Es ist leicht, eine Persönlichkeit in die Falle zu locken, die so wenig gegen die Reize des schönen Geschlechts gefeit ist wie Dominique Strauss-Kahn.“ Strauss-Kahns Parteigenosse Gilles Savary in seinem Blog, 15. 5.

„Dass sein größter Schwachpunkt der Genitalbereich ist, war bekannt. (…) Aber weder Ségolène Royal noch Francois Hollande oder Martine Aubry ist zuzutrauen, dass sie ein Zimmermädchen beauftragt haben, den heimlichen Hoffnungsträger der Franzosen an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen.“ Michael Kläsgen, „sueddeutsche.de“, 16. 5.

„Obwohl er schon ein reiferer Mann, zeigt Dominique Strauss, was er noch kann.“ Wolfgang Großruck (ÖVP) beendet seine Rede vor dem Nationalrat in Wien wie üblich mit einem Reim, 17. 5.

„Charles de Gaulle hat jeden Sündenfall als einen Treuebruch gegenüber seiner wahren und einzigen Geliebten betrachtet: la France, die Prinzessin, die jungfräuliche Jeanne d’Arc, seine unerbittlich keusche Marianne, der er vielleicht erlaubt hätte, sich gelegentlich die phrygische Mütze übers Haar zu stülpen, doch niemals à la Delacroix ihre strammen Brüste zu entblößen.“ Klaus Harpprecht, „Die Zeit“, 19. 5.

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