Zeitung Heute : Ende der Eiszeit

Benedikt Voigt

Tränen der Freude nach Gold und Weltrekord - nach zwei Enttäuschungen hat Anni Friesinger bei den olympischen Eisschnelllauf-Wettbewerben von Salt Lake City dem Druck standgehalten und in 1:54,02 Minuten den heiß ersehnten Olympiasieg über 1500 m gefeiert. Die bereits mit Silber und Bronze dekorierte Erfurterin Sabine Völker (1:54,97) machte mit der erneuten Silbermedaille den großartigen Triumph der deutschen Eischnellläuferinnen im Utah Olympic Oval perfekt.

Friesinger verbesserte ihren eigenen Rekord aus dem Vorjahr in Calgary um 36 Hundertstelsekunden und setzte damit eine Bestmarke, die keine Läuferin mehr erreichte. Auch nicht ihre sechstplatzierte Erzrivalin Claudia Pechstein (Berlin/1:55,93), die Friesinger über 3000 m mit einem Weltrekord geschockt hatte, oder die mit Bronze bedachte Amerikanerin Jennifer Rodriguez.

"Anni hatte heute wieder Pech mit der Bahn, und ich hatte ein schlechtes Gefühl. Sie hat enorm unter Druck gestanden, aber die Sache glänzend gemeistert. Ich möchte mich in Inzell entschuldigen, dass es nicht mit der ersten Feier geklappt hat. Dafür könnt ihr heute umso mehr saufen", sagte ihr Coach Markus Eicher.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Unter den Augen von Mannschafts-Skisprung-Olympiasieger Sven Hannawald ("Ich glaube, heute macht die Anni ihr Ding") riss Friesinger nach dem 16. Gold für eine deutsche Kufenflitzerin bei Olympia die Arme hoch, fiel ihrem Coach in die Arme, nahm die Ovationen der Zuschauer entgegen und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Die Deutsche war seit mehr als einem Jahr ungeschlagen über ihre Spezialdistanz geblieben. Die letzte Niederlage über 1500 m hatte die Weltmeisterin und Weltrekordlerin am 2. Februar 2001 beim Weltcup in Heerenveen hinnehmen müssen. Ihre Bezwingerin damals: Claudia Pechstein. Seither hatte Friesinger zwölf Siege in Folge gefeiert.

"Wir werden wieder einige schnelle Angänge erleben, aber auch, dass einige hinten wieder einbrechen. Ich hoffe, ich werde es gut dosieren", hatte Friesinger vor dem Rennen gesagt. Das tat sie auch. Eicher mühte sich vor dem 1500-m-Rennen, die Erwartungen und damit den Druck zurückzuschrauben: "Wenn Anni hier viermal Bestleistung läuft, dann kann sie zufrieden nach Hause zurückkehren." Pechsteins Coach Joachim Franke, erfolgreichster Eisschnelllauf-Trainer der Welt, meinte vielsagend: "Man sollte sich vor Olympischen Spielen mit Prognosen nicht zu weit aus dem Fenster lehnen."

Pechstein ohne Chance

Völlig entspannt ging Claudia Pechstein nach ihrem Triumph über 3000 m ins Rennen, blieb aber diesmal ohne Chance. "Ich habe nichts zu verlieren, hätte aber heute auch nichts gegen drei schnelle Runden", meinte die Berlinerin. Die dreimalige Olympiasiegerin kann einen Tag nach ihrem 30. Geburtstag über 5000 m (Samstag, 21 Uhr MEZ) im erneuten Duell mit Friesinger als erste Eisschnellläuferin überhaupt den Gold-Hattrick auf einer Distanz perfekt machen und sich damit zur erfolgreichsten deutschen Winter-Olympionikin aller Zeiten krönen.

Vor Pechstein, die bei sieben Olympia-Starts seit ihrem "silbernen" 5000-m-Debüt 1992 in Albertville insgesamt dreimal Gold, einmal Silber und zweimal Bronze sammelte, liegen nur die Erfurter Jahrhundert-Eischnellläuferin Gunda Niemann-Stirnemann sowie Karin Enke (jeweils 3/4/1).

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