Zeitung Heute : Ende der Saison

Nach dem Terror: 7000 Urlauber verlassen Bali pro Tag – und nur wenige wollen hin

Moritz Kleine-Brockhoff[Kuta]

Made Wendra kann nicht einmal mehr sprechen. Er fällt zurück gegen die Lehne seines Stuhles, wirft den Kopf in den Nacken und schreit. Die Augen hat er zusammengekniffen, Tränen laufen über seine Wangen. Der wichtigste Mann Kutas hat bereits drei Absätze von einem Blatt abgelesen. Mit zitternder Stimme sprach er Beileid aus für die Angehörigen der Opfer der Bombenanschläge. Beim vierten Absatz des Papiers – „Bali war ein sicherer Ort, aber Terroristen können überall hinkommen“ – begannen er und sein Übersetzer zu weinen.

Wendra, der so viel Gefühl zeigt, ist ein stattlicher Mann mit glatter, dunkler Haut. Er trägt einen dichten Schnurbart, ein graues Hemd mit Stehkragen und zwei bunte Tücher: ein großes ist zu einem langen Rock um die Hüfte gebunden, das kleine Tuch umschlingt seinen Kopf. Wendra ist der „Bendesa Adat“ – das stolze, würdevolle Oberhaupt der Gemeinde. Als sie den fünften Absatz vortragen wollen, brechen Wendra und sein Übersetzer zusammen. „Wir entschuldigen uns bei der internationalen Gemeinschaft und damit bei den Ländern, deren Bürger Opfer dieser Tragödie sind“, steht in Wendras Manuskript, das den Teilnehmern der Presskonferenz vorliegt. Das Gemeindeoberhaupt kann es nicht bis zum Schluss verlesen kann. „Wir Balinesen schämen uns nicht, Trauer zu zeigen“, erklärt eine Frau später. „Wer nach 200 Toten und 300 Verletzten keinen Schmerz teilt, fühlt nichts.“

Am Strand hängt die indonesische Flagge schlaff auf halber Höhe des Fahnenmastes. Daneben steht eine zehn Meter hohe elektrische Gitarre, das bekannte Symbol des „Hard Rock Café“. Dort, wo der Strand von Kuta am schönsten ist, hatte die amerikanische Restaurantkette vor vier Jahren ein Grundstück von der Größe zweier Fußballfelder bebauen lassen. Im Café können 500 Gäste essen und tanzen, um sich später in eines der Betten des „Hard Rock Hotel“ fallen zu lassen. Im Ballsaal des Hotels ist keine Disco, da sitzen Wendra und die Journalisten. Es geht um Balis Zukunft, um den Tourismus also.

In den vergangenen Jahren trafen an einem durchschnittlichen Oktobertag 5000 Urlauber auf der Insel ein, genauso viele reisten auch wieder ab. Seit den Bomben kommen nur noch 1000, gleichzeitig fliegen Tag für Tag 7000 Touristen nach Hause, mehr Plätze gibt es in den restlos ausgebuchten Maschinen nicht. Bald werden alle weg sein, die weg wollen. Dann wird Bali wieder den Balinesen gehören, nur noch wenige Touristen werden in den Abendstunden über die Uferpromenade flanieren. Noch vor zwei Wochen brummte der bei den Bali-Gästen beliebte „Hard Rock“-Komplex. Hotel und Café liegen nur ein paar Hundert Meter von der Stelle entfernt, an der die Bomben hochgingen. Sie haben die Explosion unbeschadet überstanden, trotzdem rockt hier niemand mehr: Musik gibt es nur noch in Zimmerlautstärke, die meisten Urlauber sind ausgezogen. So geht es allen Hotels auf Bali. In der großzügig angelegten Schwimmbad-Landschaft des „Hard Rock“ bräunen noch 30 Urlauber. Hunderte hätten hier Platz. Wer bei 30 Grad im Schatten liegt und noch einen Cocktail will, hat die Wahl – mit den Fingern einem Kellner zuschnipsen? Oder in den Pool springen und zu einer Bar schwimmen, an der die Hocker einen halben Meter unter Wasser stehen? John Ferguson – Mitte 40, behaarter Bierbauch und Halbglatze – liegt neben einer Hütte in der prallen Sonne. Seine Haut ist fast so rot wie seine enge Badehose, ab und an wischt er sich mit einem kleinen Handtuch den Schweiß von der Stirn. „Ich liebe Bali“, sagt er und seufzt, „trotzdem fliegen wir morgen ab. Zwölf Mal war ich hier, aber ich komme nicht wieder. Es wäre nie wieder wie früher, ich hätte immer diesen lauten Knall im Kopf. Außerdem würde ich mir nie verzeihen, wenn meiner Frau oder den Kindern etwas passierte.“ Ferguson deutet mit dem Finger auf das Schwimmbecken, wo seine Frau mit den beiden Jungs planscht.

Im Ballsaal gehen die Pressekonferenzen weiter. Jetzt ist der indonesische Sozialminister da, müde verkündet er, dass am balinesischen „Ground Zero“ eine Gedenkskulptur errichtet werde. Finanzielle Hilfe verspricht er nicht, sein geringer Etat ist längst für anderes verplant. 40 Millionen Indonesier sind arbeitslos, der Staat ist pleite. Um die Balinesen musste er sich bislang nicht kümmern. 2,5 Millionen Inselbesucher brachten Jahr für Jahr eine Milliarde US-Dollar mit. „Das wird sich drastisch ändern“, glaubt auch Peter Semone vom Reiseverband Asien/Pacific. 80 Prozent der Balinesen, also 2,7 Millionen Menschen, leben vom Tourismus, sagt Semone. Er zeigt Optimismus, spricht von Aktionsplänen und einer Erholung, die innerhalb von einem Jahr eintreten werde. Dem Chef des balinesischen Hotelverbandes, Christopher Maclean, gehört das Hotel „Jayakarta“. Fünf Gäste habe er verloren, sagt er. Sie seien in der Legian-Straße gewesen, als die Bomben explodierten und seitdem verschwunden. „Viele werden es schwer haben, auf Bali zu überleben. Es geht nicht nur um die Hotelangestellten. Es geht um Bauern, die uns Gemüse liefern, um Ladenbesitzer und ihre Mitarbeiter, die Souvenir-Verkäufer, um Taxifahrer und viele, viele andere. Und um ihre Familien“, sagt er.

Das Ex-Paradies sieht fast überall so aus wie vor den Bomben. Im „Hard Rock Hotel“ ist der Ausblick von den Balkonen der teuren Zimmer, die zum Strand hin liegen, immer noch kitschig-schön. Hinter der Promenadenstraße liegt der breite Strand, der flach ins tiefblaue Meer abfällt. Weiter, als man schauen kann, ist Sand und Meer. Von den Balkonen der billigeren Zimmer, die nach hinten heraus liegen, war nie Schönes zu sehen. Aber jetzt ist es viel schlimmer. In der Nähe fehlen auf den Dächern viele Ziegel. Etwas weiter entfernt fehlen die Dächer. Dann kommen die Ruinen.

Am Strand von Kuta geht die Sonne hinter einer Wolke unter. Die Pärchen aus aller Welt, die jeden Abend um diese Zeit Hand in Hand am Strand spazieren gingen, sind abgereist. Nur zwei Mädchen aus Bali sind ins flache Wasser gelaufen. In kurzen Jeanshosen und T-Shirts werfen sie sich immer wieder gegen die Brandung. Ein junger Mann schaut ihnen zu, Yudi, der Zweirad-Mechaniker aus Ubud, einem nahe gelegenen Ort. „Ich bin gekommen, weil ich den Ort sehen wollte, an dem die Bomben hochgingen. Aber jetzt habe ich doch keine Kraft, dorthin zu gehen“, sagt er. „Mein Chef hat mir gesagt, dass ich nicht mehr zur Arbeit kommen soll. Unsere Werkstatt hat Verträge mit vielen Motorradverleihern. Aber niemand leiht mehr aus. Nichts geht mehr kaputt.“

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