Zeitung Heute : Ende des Bildertabus

Seit Jahrzehnten hat kein deutscher Regisseur KZ-Bilder inszeniert. Volker Schlöndorff hat es nun gewagt. Und dennoch, sagt er in Locarno bei der Vorstellung seines Films „Der neunte Tag“: „Mein Hauptcharakterzug ist die Heiterkeit“

Christiane Peitz[Locarno]

Als Volker Schlöndorff sagt, dass wir alle Kannibalen sind, erntet er Szenenapplaus. Der kleine Mann mit dem Schnauzbart und den schmunzelnden Augen hatte erst eine Weile nachdenklich geschwiegen, sich über den Schädel gestrichen und dann den Kannibalensatz gesagt. Bestimmt, aber gelassen. Nein, hier sitzt kein Eiferer auf dem Podium, der unter dem Sonnensegeldach des Filmfestivalforums von Locarno am helllichten Freitagvormittag mal eben die Menschheit rügt. Sondern einer, der verwirrt ist, wie er selbst sagt.

Das ist das Entwaffnende an Volker Schlöndorff, dem neben Wim Wenders international bekanntesten lebenden Filmemacher Deutschlands: seine nicht ganz uneitle, aber immer uneingeschränkte Ehrlichkeit. Hat ein Oscar-Gewinner wie Schlöndorff ja eigentlich gar nicht nötig: diesen heiteren Selbstzweifel. Aber er ist der Motor seines Menschen-Erforschungsdrangs. Und vielleicht rührt das Entwaffnende daran ja daher, dass Schlöndorff mit Menschenmengen nicht anders redet als mit einem Einzelnen. So kriegt er sein Publikum – er hat ihm am Abend zuvor seinen neuen Film gezeigt –, selbst wenn er es beschimpft.

Wir sind also Kannibalen. Sitzen abends vorm Fernseher und wollen Fleisch sehen. Die Medien, schränkt Schlöndorff ein, sind zwar nicht die Metzger, wohl aber die, die das Fleisch ausliefern. Dabei war er, als alles anfing, von den Journalisten geradezu fasziniert. Im Alter von zwölf Jahren sah der Wiesbadener Junge in einer Zeitschrift Bilder von einer Filmcrew am Nil. „Sie hatten komische Hüte auf, erforschten eine unbekannte Welt und waren ganz weit weg von zu Hause. Ich dachte: Das will ich auch.“

Das Podium diskutiert über den Journalismus im Kino, dem die Retrospektive der 57. Filmfestspiele Locarno gewidmet ist. Zwei Schlöndorff-Klassiker zeigt die Reihe: seinen Sympathisantenhatz-Protestfilm „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von 1975 mit Angela Winkler und seinen Beirut-Kriegsreporterfilm „Die Fälschung“ von 1981 mit Bruno Ganz. Zwei Filme über Menschen, die den Lauf der Welt nicht mehr begreifen und stillen Widerstand leisten. Zwei Geschichten aus einer Zeit, in der Künstler wie Schlöndorff aus Wut Filme drehten.

Am Vorabend also hatte der Regisseur, der mit 65 immer noch etwas von einem Lausbub hat, im Café unter den Arkaden der Piazza Grande gesessen, einen Vecchia Romagna getrunken und sich erinnert. Die Wutfilme „hat uns die Gesellschaft regelrecht abverlangt“, als eine Art Gegenöffentlichkeit. Mit Michael Moore sei das heute nicht anders. Mittlerweile habe er das Gefühl, nicht mehr synchron mit der Gesellschaft zu arbeiten.

Dabei ist die späte Stunde im Café der Inbegriff einer Synchron-Veranstaltung. Auf der Leinwand der von mittelalterlichen Palazzi umsäumten Piazza Grande wird gerade Schlöndorffs jüngstes Werk uraufgeführt: „Der neunte Tag“, noch so eine Geschichte vom stillen Helden, der sich verweigert, noch so ein moralisches Drama. Eine wahre Begebenheit: Der luxemburgische Priester Henry Kremer (im wirklichen Leben hieß er Jean Bernard) wird aus dem Pfarrerblock von Dachau auf Urlaub geschickt. Er soll seinen Bischof zur Kollaboration mit den Nazis überreden, weigert sich jedoch und kehrt nach neun Tagen ins KZ zurück.

Der schnarrende Befehlston der SS. Die quälenden Dissonanzen des Soundtracks. Zwei Männer im Rededuell, im Streit über Religion und Politik, Anstand und Verrat: August Diehl als blutjunger Nazi-Offizier und Ulrich Matthes als traumatisierter Pfarrer. Die Geräuschfetzen des Films mischen sich mit dem Zischen der Espressomaschine, und Schlöndorff kommentiert. Da, die einzige Stelle, an der der Priester seinen Gegner anschreit. Diesen Gefühlsausbruch wollte Schlöndorff nicht, er fand den Widerstand stärker, wenn Ulrich Matthes den Gestapo-Mann nur schweigend mit hohlwangig großen Augen anschaut. Der Schauspieler hat ihm die Szene abgerungen.

Als Nächstes ist von der Piazza ein dumpfer Aufprall zu hören. „Da“, sagt Schlöndorff, „jetzt fällt Matthes in Ohnmacht.“ Den Ohnmachtsanfall hat Schlöndorff im Gegenzug für den Aufschrei bekommen. Wenn ein geschwächter Dachau-Insasse plötzlich losschreit, muss der hinterher einfach umfallen.

Kahl geschorene Häftlinge in gestreifter Sträflingskleidung. Eine heimliche Messe in der Baracke. Eine Kreuzigung auf dem Lagerhof, bei minus 15 Grad. Zehn Minuten lang KZ-Bilder vor 6000 Zuschauern, auf der mit 26 mal 14 Metern größten Leinwand Europas! Es sind seit Jahrzehnten die ersten KZ-Bilder, die ein deutscher Regisseur inszeniert. Jenseits des Defa-Antifaschismus hatte sich vor Publikumsfilmen wie „Schindlers Liste“ oder Benignis „Das Leben ist schön“ hierzulande keiner gewagt, das Bildertabu zu brechen.

Darf man das? Alle in Locarno wollen nun Glaubensbekenntnisse von Volker Schlöndorff. Von wegen der Moral des Filmemachers, der Rolle der Kirche in der NS-Zeit, ob er gläubig ist und wie asynchron „Der neunte Tag“ tatsächlich sei, angesichts aktueller Debatten um Holocaust-Mahnmal, Flick-Collection oder den demnächst im Kino startenden „Untergang“-Film mit Bruno Ganz als Hitler.

Schlöndorff wehrt das alles ab. Ein Filmdienstverweigerer. Nein, er macht Filme nicht aus Pflicht, sondern aus Neugier. Nein, es geht nicht um den Vatikan wie im „Stellvertreter“. Nein, der einzige Orden, dem er je beitrat, ist der Orden der Filmemacher, „mit Griffith und Eisenstein als unseren Göttern“. Nein, er hatte keine Ahnung von der jüngsten Vergangenheitsbewältigungs-Welle, als er im Herbst 2003 aus Begeisterung für diese eine, zerrissene Figur kurz entschlossen die Regie übernahm. Und nein, es sei keine Pioniertat, Lagerbilder zu inszenieren, auch wenn es entsetzlich ist, „einen Schlangenmenschen vom Zirkus an ein Kreuz zu hängen“. Die Bilder waren nur nötig, um den Konflikt des Pfarrers zu verstehen, der ja in diese Hölle zurückmuss, wenn er nicht tut, was von ihm verlangt wird.

Aber die großen Augen des jungen Törless, von Katharina Blum, von Henry Kremer? Ist der Filmemacher da nicht doch Sympathisant? Okay, gibt Schlöndorff zu, „das klingt jetzt pfadfinderhaft, aber ich erzähle es trotzdem“. Mit 16 wollte er nicht mehr Journalist werden, sondern mindestens Weltverbesserer. Weil er gerade Marlon Brando in „Die Faust im Nacken“ und dessen einsamen Kampf gegen die korrupte Gewerkschaft gesehen hatte, rannte er durch Wiesbaden und fand, man müsse jetzt wirklich was tun. „Die großen Augen sind meine eigenen, die nicht begreifen, dass es so viel Unrecht gibt.“

Bei jedem anderen würde dieser Satz pathetisch klingen. Bei Volker Schlöndorff folgt ihm ein kurzes, jungenhaft verlegenes Auflachen. Vecchia Romagna trinkt er übrigens sonst nie. Nur bei Weltpremieren. Ein Ritual, das er seit 1966 pflegt, seit der Cannes-Premiere von „Der junge Törless“. Rausgehen, einen Kognak trinken, und erst am Schluss schauen, wie das Publikum reagiert. Dummerweise hat er auf diese Weise damals verpasst, wie der deutsche Kulturattaché Türen schlagend und „Dies ist kein deutscher Film!“ schimpfend den Saal verließ.

Schlöndorff, der Komplize der radikal Anständigen? Illusionen über den Unterschied zu denen, die nicht mit Bildern, sondern mit ihrem Leben Widerstand leisten, macht er sich nicht. An diesem etwas anderen, kleineren Dilemma des engagierten Künstlers lässt er den Zuschauer von „Der neunte Tag“ übrigens teilhaben. Schließlich sind wir alle so feige, uns insgeheim zu wünschen, der Priester möge klein beigeben. Er würde uns dann erneute KZ-Bilder ersparen.

Auf der Piazza singt gerade Margot Hielscher einen alten Schlager. Gleich ist der Film zu Ende – mit erneuten KZ-Bildern. Der Filmemacher muss jetzt auch zurück, zu seinen Schauspielern. Und gesteht noch schnell, die Heiterkeit sei sein Hauptcharakterzug. Weil ihm immer das Dilemma erspart blieb, zwischen Überleben und Widerstand entscheiden zu müssen. Wir sind die dem Schicksal Entkommenen. Volker Schlöndorff, der Dankbare, springt auf und huscht kurz vor dem Abspann im Dunkeln auf die Piazza zurück.

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