Zeitung Heute : Ende einer Alleinherrschaft

14 Uhr 13: Edmund Stoiber verkündet seinen Abschied – er hatte auch gar keine andere Wahl mehr

Robert Birnbaum

Es gibt diese Tage, da ist einer einfach am falschen Platz. Für Horst Seehofer ist an diesem Morgen die Halle 23a auf der Messe unterm Berliner Funkturm entschieden der falsche Platz – oder, je nach Perspektive, genau der richtige. Ohnehin hat er keine Wahl gehabt. Der Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz kann gar nicht anders, als kurz vor der amtlichen Eröffnung der Grünen Woche die Ministeriumshalle zu besichtigen, wo er dann Pfefferbeißer kauen oder die Kurbel der „Windfege“ drehen muss, die ein knapp mannshohes Holzgerät mit Trichter ist, das in früheren Tagen dazu benutzt wurde, die Spreu vom Weizen zu trennen. So etwas ist immer ein großes Kameraereignis, nur dass diesmal auffällig viele unter den Journalisten eindeutig keine Agrarexperten sind. Sie sind gekommen, um zu gucken, wie Horst Seehofer seinen ersten öffentlichen Auftritt absolviert, seit ihn die „Bild“-Zeitung als Ehebrecher an den Pranger gestellt hat. Sie ahnen nicht, dass sie ein weit größeres Schauspiel erwartet. Seehofer ahnt es aber auch nicht. Horst Seehofer ist nicht einfach bloß am falschen Platz, sondern vorerst komplett im falschen Film.

Dieser Donnerstag, der 18. Januar 2007, wird nämlich in die Geschichte eingehen, jedenfalls die jüngere Zeitgeschichte. Es wird der Tag, an dem die vorerst letzte große Alleinherrschaft der bundesdeutschen Parteiengeschichte endet. Um 14 Uhr 13 übertönen die Klingeln der ersten Eilmeldungen sogar das Sturmgebraus des nahenden Orkans „Kyrill“. Edmund Stoiber hat in München Kameras zu sich bestellt, vor eine blaue Wand mit abstraktem Rautenmuster. Die Geschlossenheit der CSU, das Wohl und die Zukunft Bayerns seien immer sein oberstes Ziel gewesen. „Entsprechend dieser Zielsetzung habe ich mich entschlossen, bei den Landtagswahlen nicht mehr anzutreten.“ Am 30. September wird er zurücktreten, im Herbst beim nächsten Parteitag auch den Parteivorsitz niederlegen. „Diese Entscheidung habe ich getroffen“, sagt Stoiber, „weil es mir wichtig war, zum richtigen Zeitpunkt für Bayern und für die CSU zu handeln.“

Es ist vorbei. Nach 13 Jahren großer Triumphe und tiefer Niederlagen, nach quälend langen Wochen, nach zwei wirren, unentschiedenen Nächten im winterlichen Wildbad Kreuth. „Diese Entscheidung habe ich getroffen“, hat Stoiber gesagt. Die ganze Wahrheit ist das nicht. Es ist nur der Versuch, für die Geschichtsbücher die Illusion zu retten, er sei zuletzt aus eigenem Willen gewichen. Aber auch Edmund Stoiber hat an diesem Tag keine andere Wahl gehabt.

Das liegt an anderen Eilmeldungen, die wenige Stunden vorher aus dem Wildbad Kreuth gekommen waren. Der Bär, lauteten sie sinngemäß, sei zwar noch nicht ganz erlegt, sein Fell aber schon mal verteilt. Günther Beckstein und Erwin Huber hätten sich geeinigt. Beckstein, der protestantische Franke, werde neuer Ministerpräsident; Huber, der katholische Altbayer, übernehme die Partei.

Horst Seehofer verzieht keine Miene, als ihn einer nach diesen Meldungen fragt. Über sein Privatleben will er sowieso nichts sagen. Für Fragen nach der Christlich-Sozialen Union sei die Internationale Grüne Woche aber auch der falsche Ort. Seehofer betont das „Internationale“. Später versucht es einer noch mal, mitten im Gedränge am Stand der Landfrauen. Ob er jetzt nicht lieber in München wäre? „Nein!“, sagt Seehofer. Das ist wohl auch nur die halbe Wahrheit.

Zur ganzen gehört mindestens noch dazu, dass Alois Glück zornig reagiert, als er von den Berichten über Beckstein und Huber hört. Andere sind ebenfalls ungehalten. Der CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer zum Beispiel gibt in Berlin die Parole aus, so gehe das ja nicht, dass die da unten in Bayern einfach alles unter sich ausmachten. Ramsauer ahnt voraus, dass viele in der Landesgruppe toben werden. Er ahnt richtig. Wer wird schon gerne vor vollendete Tatsachen gestellt?

Tatsächlich stimmt es aber, dass sich Beckstein und Huber in der Mittwochnacht am Rand der Fraktionsklausur in Kreuth verständigt haben. Der politische Handel zwischen dem Noch-Innen- und dem Noch-Wirtschaftsminister war überdies dadurch abgesichert worden, dass andere CSU-Größen unter der Hand ihren Segen gegeben hatten. Aber eigentlich war abgemacht, dass der Deal noch geheim bleiben und so Stoiber die Chance gegeben werden sollte, ihn für seine eigene Idee auszugeben. Das hätte sogar gelingen können, hatte Stoiber doch in den Tagen, als er noch in Berlin Karriere machen wollte, beide als gleichermaßen taugliche Wunschkandidaten für den Ministerpräsidentensessel ins Rennen geschickt. Die Eilmeldungen machen die Camouflage zunichte. „Das wüsste ich gerne, wer da wieder das Wasser nicht hat halten können“, knurrt ein CSU-Spitzenmann. Von da an hat in der CSU keiner mehr eine Wahl.

Joachim Herrmann versucht noch den Schein zu retten. Der Chef der Landtagsfraktion verliest in Kreuth noch einmal den Beschluss, den die CSU-Abgeordneten Mittwoch früh per Akklamation gefasst hatten: Dass die Frage offen sei, wer die CSU als nächster Spitzenkandidat in die Landtagswahl führen werde. Dass Stoiber den Auftrag habe, eine Lösung vorzubereiten. Dass Stoiber – er dürfe das in dessen Namen mitteilen – am Montag dem Parteivorstand einen Vorschlag unterbreiten werde. „Edmund Stoiber hat nun das Heft in der Hand“, sagt Herrmann.

Der Satz an sich straft den Fraktionschef schon Lügen, selbst wenn man sein entspanntes Lächeln dabei nicht sähe. Seit Tagen hat Herrmann alles dafür getan, zu verhindern, dass Stoiber das Heft wieder in die Hand bekommt. Seit Tagen hat er zugleich alles dafür getan, dass die immer noch hohe Zahl der Stoiber-Anhänger sich nicht vor den Kopf gestoßen fühlen sollte. Jetzt weiß er, es ist vorbei; deshalb kann er nun großzügig sein mit Stoiber, muss nicht mehr drängen, nicht mehr davon reden, dass eine Lösung in Tagen und Wochen kommen müsse und nicht in Monaten. Auch andere spielen das Spiel noch kurz mit und tun so, als wüssten sie nichts von der nächtlichen Verständigung. Nur Beckstein kann es nicht ganz lassen. Der Mann, den sie im Rest Deutschlands für einen ganz harten Hund halten, in Bayern aber als ganz Verschmitzten kennen, blinzelt in den Kreuther Himmel und kommentiert die Eilmeldungen orakelartig: „Es ist selten, dass etwas völlig aus der Luft gegriffen ist.“ Nur wenige Stunden später, kurz nach Stoibers Abgang, wird er seinen Anspruch auf das Ministerpräsidentenamt offen anmelden.

Der Anspruch hat seine innere Logik. Noch in der Krisensitzung der Fraktion mit Stoiber in der Dienstagnacht in Kreuth war Beckstein ein Held der verunsicherten Abgeordneten. Nach den neun Stunden seien alle „richtig am Boden gewesen“, hat eine Landtagsabgeordnete danach berichtet. Nur Beckstein und seinen „positiven und offensiven Worten“ sei es zu verdanken gewesen, dass sich die Stimmung wieder gehoben habe. Dafür gab es dicken Applaus.

Beckstein wird ihn blinzelnd und fast etwas verlegen entgegengenommen haben, wie es seine Art ist. Die ist teils ganz fränkisch-ehrlich gemeint, teils Taktik. Seinen wahren Einfluss hat der Mann gerne etwas versteckt, der einst Stoiber ins Amt half und seither sein Innenminister war. Die Bescheidenheit ist ein Grund dafür, dass Beckstein in der CSU seit Jahren der Beliebteste ist. Das liegt an seinen strammen Innenministersprüchen, aber zugleich daran, dass jeder weiß, der Beckstein meint die gar nicht so richtig böse. Nicht der Ellbogen, sondern das Herz sei der wichtigste Körperteil, hat er selbst einmal gesagt.

Eigentlich also ein ziemlich idealer Ministerpräsident – wäre er nicht mit seinen 63 Jahren nur zwei Jahre jünger als Stoiber. Was aber, sagt am Donnerstag ein führender Christsozialer, in der gegenwärtigen Lage sogar für ihn spricht. „Wir kriegen mit ihm eine Übergangslösung“, sagt der Mann. Der verbaut den Jüngeren, Leuten wie Herrmann oder CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer oder auch Stoibers Noch-Generalsekretär Markus Söder, nicht die Zukunft. Gegen Beckstein spricht nichts.

Nur ob der zweite Mann bei dem Geschäft, der Erwin Huber, sich damit nicht vielleicht verkalkuliert hat – das ist nicht so ganz sicher. Auf Huber käme ein CSU-Parteitag nicht automatisch von selbst, wenn die Basis gefragt würde, wen sie denn gerne als Parteichef hätte. Nicht, dass der kleine Mann mit der markanten Nase regelrecht unbeliebt wäre. Nicht, dass ihm als einstigem Generalsekretär die Partei- und als Chef der Staatskanzlei und derzeit Wirtschaftsminister die Regierungserfahrung fehlte. In Berlin kennt er sich obendrein auch aus, und das so gut, dass Angela Merkel ihn eigentlich Stoiber ausspannen und zu ihrem Kanzleramtsminister machen wollte. Aber Huber ist nun mal kein Liebling des Parteipublikums; und er hat sich als loyaler Exekutor Stoiber’scher Sparpolitik nicht beliebter gemacht im Bayernland, wo sie jahrzehntelang haben glauben können, dass alle Stürme der Welt an ihnen vorbeigehen. Nennenswerte Hausmacht hat er übrigens auch nicht. Huber wirft kurz nach Beckstein trotzdem seinen Hut offen in den Ring.

Aber auch Huber blieb gar nichts anderes mehr übrig an diesem Tag. Da ist nämlich inzwischen noch einer auf dem Feld. Nichts hat er gesagt in der Messehalle, nur garantiert agrarische Bemerkungen und Weisheiten von sich gegeben, wie etwa die Erkenntnis: „Wenn Sie einen Kakao machen wollen, dann reicht Ihnen nicht alleine die Milch.“ Aber man hat förmlich gesehen, wie es in Horst Seehofers Kopf gerattert hat bei den überraschenden Neuigkeiten aus der Heimat. Eigentlich hätte er noch ein bisschen Zeit gebraucht, um seine Privatangelegenheiten wieder halbwegs in Ordnung zu bringen. Die Boulevard-Enthüllung hat ihn tagelang aus dem Gezerre hinter den Kulissen praktisch ausgeschaltet. Aber auch wenn es allmählich langweilig sein mag, das festzustellen: Auch Horst Seehofer hat keine Wahl an diesem Tag, gleich zum zweiten Mal nicht. Ein paar Telefonate später geht er in die Offensive: „Nach allem, was führende Partei- und Regierungsmitglieder in den letzten Tagen zu mir gesagt haben, erwarte ich, dass mit mir über den Parteivorsitz gesprochen wird.“

Am Nachmittag stehen sturmzerzauste Reporter vor dem Franz-Josef-Strauß-Haus in München, der Parteizentrale. Sie warten auf Gabriele Pauli. Die rebellische Landrätin kommt zum Gespräch mit Edmund Stoiber. „Der Termin steht ja nach wie vor“, sagt Pauli im Hineingehen. Irgendwie wirkt sie in diesem Moment schon wie eine Figur aus einem alten Film. Der ist gerade zu Ende gegangen. In der CSU haben zwei neue Filme angefangen. Der eine wird ein Heimatfilm mit Edmund Stoiber auf umfeierter Abschiedstournee in der Hauptrolle. Der zweite Film wird ein Krimi, der sich um die Frage dreht, wer die Hauptrolle spielen darf.

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