Zeitung Heute : Endlich erlebt Alkmene das Abenteuer der Lust

HEXENKESSEL HOFTHEATER Göttliche Verführer sorgen für Egoschwindel: Sarah Kohrs inszeniert Molières Lustspiel „Amphitryon“ als temporeiches Doppelgänger-Verwirrspiel.

PATRICK WILDERMANN
In der Inszenierung von Sarah Kohrs machen die Frauen ihren Männern die Hölle heiß – und die zweifeln eh schon an ihrer Identität.
In der Inszenierung von Sarah Kohrs machen die Frauen ihren Männern die Hölle heiß – und die zweifeln eh schon an ihrer Identität.

Ist das eigentlich komisch? Kaum ist der brave Amphitryon aus dem Haus, da nimmt der dreiste Obermotz des Olymps Jupiter dessen Gestalt an und erschleicht sich eine heiße Nacht mit Alkmene, der Gattin des Thebaners. Und Amphitryons Diener Sosias wird ebenfalls gehörig in seiner Existenzgewissheit erschüttert, weil ihm Gott Merkur als sein Ebenbild erscheint. Ich ist ein anderer – da kommt Egoschwindel auf. „Aus Sicht der Figuren gibt es natürlich einige tragische Wendungen“, bestätigt gut gelaunt die Regisseurin Sarah Kohrs. Das Pärchen Amphitryon und Alkemene gehe am Ende ja auch entsprechend bedröppelt nach Hause. „Sie gewinnen nicht wirklich – außer einen Sohn namens Herkules“, so Kohrs.

Trotzdem wird das Doppelgänger-Verwirrspiel selbstredend für die Zuschauer eine hochvergnügliche Angelegenheit. Zum einen, weil unter den rund 40 verschiedenen Fassungen dieses griechischen Mythos die Amüsementselige des großen Molière gewählt wurde. Zum anderen, weil im Hexenkessel Hoftheater, wo „Amphitryon“ über die Bretter geht, die Spieler bislang noch aus jedem Stoff das Maximum an Wortwitz und Situationskomik gekitzelt haben.

Was ja nicht ausschließt, dass große Fragen unterschwellig mitverhandelt werden. In diesem Fall die nach der Identität. Merkur, der in Kohrs' Inszenierung als eine Art Spielmacher fungiert, sage einmal so schön, er verstehe gar nicht, weshalb die Menschen so an ihrem Ich hingen. „Er als Gott weiß, dass er nicht existiert.“ Die Stelle gefällt der Regisseurin. Überhaupt macht sie sich so ihre Gedanken um die Befindlichkeiten der Überirdischen. Jupiters Allmacht etwa führe zu einer „großen Langeweile des Daseins“, glaubt Kohrs. „Deswegen stürzt er sich von einer Frau auf die andere.“ Wobei ihr wichtig ist, die Alkmene nicht als Spielball männlicher Begierden zu zeigen. Sondern als eine, „die das Abenteuer Lust erlebt“. Und darüber an Selbstbewusstsein gewinnt. Anders als bei Kleist – wo der Genasführten am Ende nur das berühmte „Ach!“ bleibt – wird in Kohrs' Deutung die Alkmene aktiv in die Schlussverhandlungen mit Jupiter eintreten. Da geht es dann um Unterhaltszahlungen. So ein Kind kostet schließlich.

Sarah Kohrs, die zum ersten Mal am Hexenkessel Hoftheater inszeniert, verspricht eine temporeiche Inszenierung. Flotte 80 Minuten wird ihr „Amphitryon“ dauern, „so dass man als Zuschauer den Spaß hat, dem rasanten Wechselspiel gerade noch folgen zu können“. Kohrs bringt auch Vorerfahrung im Freiluftgenre mit: Vor gut zehn Jahren hat sie mit der Berliner Shakespeare Company in der Klosterruine am Podewil „Ende gut, alles gut“ inszeniert. Immerhin acht Jahre stand das Stück auf dem Programm. Die Regisseurin schätzt die Offenheit der Open-Air-Arbeit: „Man darf mit großen Mitteln arbeiten, bis hin zur Clownerie ist alles möglich.“ Und auf die Frage, ob die vergleichsweise bescheidene finanzielle Ausstattung des Hexenkessel Hoftheaters nicht auch Beschränkung bedeute, antwortet sie ohne Zögern: „Nein, das fördert die Fantasie – und schafft Freiheit!“ PATRICK WILDERMANN

Amphitheater: Premiere 5.6., 19.30 Uhr

Di-Sa 19.30 Uhr, 11./12.6., 21 Uhr, 13.6., 20 Uhr

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