Zeitung Heute : Endlich in die Pedale treten

Wolfgang Lukowiak bringt Erwachsenen das Radfahren bei

Günter Bartsch

„Ich fahre, ich fahre!“ Evelyn Dopatka kann es kaum fassen: Plötzlich macht sie das, was jahrelang unmöglich schien – sie fährt Fahrrad und will überhaupt nicht mehr damit aufhören. Runde um Runde dreht sie auf dem Gelände der Verkehrsschule Steglitz, wo ihr Wolfgang Lukowiak das Radeln beigebracht hat.

Seine Radfahrschule für Erwachsene betreibt Lukowiak hier am Stadtpark Steglitz seit ein paar Monaten – und es kommen immer wieder neue „Schüler“, die endlich selbst in die Pedale treten wollen. Verschiedene Nationalitäten und Altersgruppen sind da, und „90 Prozent Frauen“, berichtet Lukowiak: „Vielleicht liegt es daran, dass die Männer nicht so gern zugeben, dass sie etwas nicht können.“

Währenddessen radeln, rollern, bremsen die Teilnehmerinnen entlang der Miniaturstraßen, auf denen sonst Schulkinder die Verkehrsregeln lernen. Ein guter Ort sei das, meint Evelyn Dopatka. Das Gelände ist von viel Grün eingesäumt, kaum jemand schaut zu: „Hier kann man in Ruhe lernen und muss sich nicht schämen, wenn es nicht gleich klappt.“ Unter Gleichen fühlt sie sich hier, anders als damals, als sie auf einer Straße eigene erste Fahrversuche auf einem gebrauchten Klapprad machte: „Das hat nicht funktioniert, irgendwie fühlt man sich als Erwachsener ständig beobachtet.“

Richtig neidisch war sie früher auf die vielen Menschen, für die Radfahren selbstverständlich ist. „Meine Eltern sind selbst nicht Rad gefahren, in der Familie gab es gar kein Fahrrad.“ Ähnliche Gründe haben die meisten Frauen über 50, die nun in der Radfahrschule trainieren. Manche Familie konnte sich nach dem Krieg kein Rad leisten, andere wollten partout nicht, dass ihr Mädchen aufs Fahrrad steigt. Viele haben auf so ein Angebot gewartet.

Doch aufs Fahrrad steigt man nicht, wenn man zur Fahrradschule kommt. Jedenfalls nicht sofort. Evelyn Dopatka erzählt von den ersten Kursstunden: „Am Anfang macht jeder Gleichgewichtstests: Auf einem Bein stehen, auf einer Linie laufen. Denn ohne ein gewisses Balancegefühl geht es nicht.“ Dann folgen Übungen auf einem Roller. Nach der ersten Doppelstunde steigt man um auf Roller mit Bremse und dann auf einen speziellen Sitzroller für Erwachsene – „damit man ein Fahrgefühl bekommt“.

Erst dann beginnen die Übungen mit dem richtigen Fahrrad, angeleitet vom früheren (Auto-) Fahrlehrer Lukowiak: Anfangs berühren noch die Füße den Boden, lassen sich die Teilnehmer ein paar Meter rollen. Bis zu dem Moment, wenn sie das erste Mal in die Pedale treten und einfach fahren – und jenes „absolute Hochgefühl“ erleben, an das sich Evelyn Dopatka wohl ihr Leben lang erinnern wird. Bei ihr hat es in der vierten Doppelstunde geklappt: „Aber das ist individuell unterschiedlich. Gelernt hat es jedenfalls jeder von uns. Und Spaß macht es sowieso von der ersten Stunde an, die Atmosphäre ist sehr freundlich.“

— Tel.: 890 90 106; Internet:

www.radfahrschule.de

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