Zeitung Heute : Endlich ist Frühling…

…und die Farbe kehrt zurück. Wenn es nach dem Architektenpaar Hutton und Sauerbruch ginge, dann wäre die Welt sehr viel bunter – auch wenn die beiden das Wort bunt hassen.

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Rot, Rosa, Orange, Blau, Grau, Gelb: Louisa Hutton, 46, und Matthias Sauerbruch, 48, bringen die Stadt mit ihren schwingenden Gebäuden zum Leuchten. Farbe ist ihr zentrales Gestaltungselement. Beruflich wie privat ein Paar, zählen die Architekten zu den innovativsten und mutigsten Vertretern ihres Standes. Ihr gswHochhaus und ihr Photonikzentrum in Adlershof gelten als Ausnahmeerscheinungen im steinernen Berlin, hoch gelobt und preisgekrönt.

Frau Hutton, Herr Sauerbruch, Sie sind eine einzige Enttäuschung!

Hutton: Warum?

Sie haben eine Jacke mit lauter verschiedenen Farben an, und Herr Sauerbruch sitzt in einem südseeblauen Hemd da. Dabei gibt es über Ihre Branche nur eine einzige Gewissheit: Architekten tragen Schwarz.

Sauerbruch: Ich finde eher, dass Fotografen alle Schwarz tragen, überhaupt Künstler. Das mag am Zwang zur Uniformität liegen, am mangelnden Mut zur Individualität, vielleicht auch an mangelnder Zeit: in Ruhe einkaufen zu gehen. Es ist…

Hutton: …so einfach, immer dieselbe Farbe zu tragen. Wie im Internat. Das Problem bei schwarzer Kleidung ist nur: Sobald sie älter wird, sieht sie schrecklich aus, schäbig.

Die Psychologin Eva Heller meint, Schwarz sei Eleganz ohne Risiko.

Sauerbruch: Vielleicht hat das bei Künstlern und Architekten auch mit einem kritischen Verhältnis zum Design zu tun. Schwarz ist: Nix. Das ist die Abwesenheit von Design.

Am Ende des Winters wird in Berlin besonders viel gejammert: Ich will Sonne, Farben, dieses ewige Grau! Geht es Ihnen auch so?

Sauerbruch: Wir gehören eher zu den Menschen, die das Glas halb voll sehen. Also freue ich mich mehr über den kommenden Frühling, als über die Tristesse zu klagen.

Hutton: Außerdem hat Berlin etwas Fantastisches im Winter: den Schnee. In London schmilzt er sofort weg, hier bleibt er auch mal eine Woche lang liegen. Mir gefällt, wie dann die ganze Stadt heller wird, wie der weiße Schnee das Licht reflektiert, die Geräusche dämpft und alles stiller macht. Besonders am Abend leuchtet die Stadt, ihre Seele verändert sich. Das ist sehr schön.

Sauerbruch: Berlin hat unglaublich viele Bäume. Deren Stämme und Äste sind im Winter tiefschwarz, und wenn die ersten Knospen kommen, knallgelb, knallgrün, und ich sehe das zusammen mit dem Schwarz der Bäume – das sind fantastische Momente.

Aber warum tragen die meisten Menschen gerade in der dunklen Jahreszeit dunkle Mäntel, so dass alles noch trauriger wirkt?

Sauerbruch: Mit den Farben passt man sich dem Klima an. Im Sommer trägt man sonnige Kleider.

Hutton: Wenn jemand im Winter einen cremefarbenen Mantel trägt, sieht das unwahrscheinlich elegant aus. So luxuriös, weil die Sachen so schnell dreckig werden. Sie sauber zu halten, ist eine Form des Luxus.

Sie sind die Experten: Wir hatten lange die gelben Telefonzellen der Post, die gut zu sehen waren. Inzwischen sind sie so merkwürdig grau-rosa.

Hutton: Man könnte dieses Rosa in ein Konzept mit anderen Farben integrieren. Doch so alleine mit diesem Grau-Silber hat die Farbe etwas Aggressives.

Sauerbruch: Es ist keine elegante Farbe, sie sieht ordinär und billig aus. Aber sie ist unheimlich erfolgreich, auch in den USA erkennt man dieses Signal des Unternehmens Telecom. Damit ist der Zweck erfüllt.

Wer denkt sich so etwas aus?

Sauerbruch: Designer einer Corporate Identity, die die Telecom beraten und sagen: Diese Farbe zwischen Pink und Violett kommt anderweitig nirgends vor…

Hutton: …und das vielleicht aus gutem Grund.

Welche Rolle spielen Farben denn für die Identität einer Stadt, einer Marke?

Sauerbruch: Eine enorme! Es gibt kaum eine Farbe, die neutral wäre, wo nicht jeder sagt: Finde ich toll. Oder: ekelhaft. Und sie stehen für Identität: Wenn Sie eine Person beschreiben, sagen Sie: Der hat braune Haare oder grüne Augen oder ein rotes Gesicht.

Emotionen sind sehr persönlich. Was ist mit kollektiven Gefühlen?

Hutton: Manchmal sind Farben von der Kultur festgelegt: Wir gehen in Schwarz zur Beerdigung, Chinesen und Japaner in Weiß. Aber es gibt auch universellere Bedeutungen. Blau etwa steht für Helligkeit, Leichtigkeit, Entspannung.

Wenn Sie an Berlin denken, welchen Ton haben Sie dann im Kopf?

Hutton: Grau. Ein schmutziges Grau.

Sauerbruch: Die Stadt hat auch was Braunes.

Das klingt ja fürchterlich. Wohin gehen Sie denn, um Ihr Auge zu erfreuen?

Hutton: Ich liebe dieses Pink am Zeughaus. Das kommt so unerwartet: so ein klassisches Gebäude in der alten Mitte Berlins in derart zartem Rosa. Aber deshalb muss nicht die ganze Stadt so aussehen. Das Pink wirkt ja gerade durch das Grau drumherum so gut.

Fällt Ihnen noch ein hübscher Ort ein?

Sauerbruch: Der Hamburger Bahnhof in der Dämmerung, das ist eine der schönsten Situationen der Stadt. Diese Installationen von Dan Flavin an der Fassade, hellgrüne und blaue Neonleuchten und je nach Witterung dahinter ein weiter roter Abendhimmel oder ein cremiges Grau. Auch wenn es neblig ist und es aussieht wie farbige Watte – toll! Man sieht das Blau als Reflexion im Himmel, aber die Quelle nicht. Es ist eins der besten Kunstwerke hier.

Sie machen keine Kunst, Sie bauen Häuser. Es wird nicht einfach sein, den Kunden Ihre farbigen Vorstellungen beizubringen.

Hutton: Ach, die Resonanz ist ganz gut. Als wir in Adlershof ein Wissenschaftszentrum gebaut haben mit 36 Farben, waren die Nutzer total begeistert. Und enttäuscht, dass sie in den Fluren nur Grautöne vorfanden.

Sauerbruch: In Magdeburg haben wir eine Fabrik gebaut, die ist pink, orange und silber, da haben die Herren vom Aufsichtsrat schon erst mal geschluckt. Es ist ein Problem, Farben zu verbalisieren, das ist wie in der Musik: Wir fasse ich eine Sonate in Worte? Ich versuche, Brücken zu bauen und spreche dann von der symbolischen Wirkung: Orange steht für Energie und Aufbruch, Silber für Technik, Pink ist verbunden mit Liebe und anderen positiven Aspekten des Lebens.

Sind Sie privat auch so farbenfroh? Was haben Sie zum Beispiel für ein Auto?

Sauerbruch: Dunkelblau.

Hutton: Aber nicht dunkel genug. Wir haben keine einzige Farbe gefunden, die richtig gut ist. Wir haben dann ein Auto genommen, das sozusagen keine Farbe hat, neutral eben. Ich möchte ja nicht irgendein rotes Auto – wenn schon, dann ein ganz bestimmtes Rot. Es gab mal ein sagenhaftes Rot beim Topolino von Fiat, so ein kräftiges Tomatenrot, das habe ich nie mehr gesehen.

Wenn Sie auf so was stehen, müssen Ihnen die bunten Häuser von Hundertwasser gefallen.

Hutton: Schrecklich! Bunt ist ein Wort, das ich hasse, ein entsetzliches Wort.

Sauerbruch: Unter Künstlern ist das ein Schimpfwort. Sagen Sie mal einem Maler, sein Bild sei schön bunt geworden! Der haut Ihnen auf den Kopf.

Und was genau ist so furchtbar an Hundertwasser und seinen Fantasiehäusern?

Sauerbruch: Das ist simulierte Zufallsarchitektur, ein Surrogat für tatsächliche Individualität: Wir machen ein Hundertwasserhaus, das spricht dann schon für uns. Ästhetisch finde ich diese Produkte fragwürdig.

Gibt es in Berlin Häuser, bei denen Sie sich die Augen zuhalten müssen?

Hutton: Was ich auf keinen Fall mag, ist der eintönige Gebrauch von Primärfarben – da ein bisschen Gelb, dort ein bisschen Rot. Das geht meist daneben.

Sauerbruch: Furchtbar ist auch der Versuch, Plattenbauten klein zu machen. Da wird eine Silhouette drauf gemalt, als wären das niedliche Häuschen. Das ist so albern. Diese Häuser haben doch bei aller Fragwürdigkeit eine Würde, ein Wesen. Man zieht seiner Oma auch keine Narrenkappe über und entstellt sie damit bis zur Lächerlichkeit.

Der österreichische Popsänger Louie Austen lebt in einer ganz weißen Wohnung. Er hat gestaunt, wie schwierig deren Einrichtung war, weil es so viel unterschiedliches Weiß gibt.

Hutton: Das glaube ich sofort. Kaufen Sie mal Waschbecken, Lichtschalter, Armaturen – alles ist weiß und nichts passt zusammen. Aber eine ganze Wohnung in Weiß ist langweilig.

Sauerbruch: Das suggeriert so eine Absolutheit, Reinheit, Radikalität. Das gibt es in der Architektur auch, wenn etwas ganz konsequent durchgezogen wird – bestimmte geometrische Formen zum Beispiel – in der Hoffnung, diese Konsequenz bringe als solche schon Qualität. Das ist ein Irrtum.

Ihr Großvater, Herr Sauerbruch, war ein berühmter Mediziner. Krankenhäuser sind ein weißes Universum, obwohl gerade Kranke eine freudvolle Umgebung bräuchten.

Sauerbruch: Inzwischen sind zumindest die Operationsräume grün, das soll beruhigen. Historisch lässt sich das Weiß erklären: Man hat einfach gekalkt, um zu desinfizieren, und die weißen Flächen sollten Sauberkeit und Hygiene ausdrücken. Aber wenn man aus der Narkose aufwacht und sieht diese weißen Geister, bekommt man einen Schreck.

Hutton: Sie schieben einen doch immer auf dem Rücken liegend durch die Krankenhäuser mit ihren endlosen Korridoren, und da hat man als Patient diese grässlichen Decken vor Augen. Dabei haben die durchaus Gestaltungspotenzial.

Ihr Haus in London ist sehr farbig, zum Himmel hin verglast. Wie wohnen Sie in Berlin?

Sauerbruch: Es gibt eine große Wand mit zehn Farben, der Rest sind natürliche Materialien, Holz, Stein; eine andere Wand ist so ein helles, warmes Steingrau, da sind auch die Küchenschränke drin – wenn man sie aufmacht, sind sie innen rot, und darauf stehen die weißen Teller.

Kein weißes Zimmer?

Hutton: Das Gästezimmer. Aber nur, bis man die Schränke öffnet. Da schauen Sie auf ein intensives Karminrot, ein rosanes Rot.

Gibt es eine Farbe, die Ihnen partout nicht ins Haus kommt? Braun etwa gilt als Symbol für Dummheit.

Hutton: Angeblich werden Kinder in der Waldorfschule zum Psychiater gebracht, wenn sie etwas Braunes malen. Dabei gibt es so schöne Brauns, Grünbraun, verbranntes Orange, Rötlich-Braun, helles Ocker. Und die Kombination von Braun mit einem hellen Blau ist wunderbar.

Und Lila? Die Farbe der Feministinnen und Kirchentage?

Hutton: Lila, Pink, Türkis, da denke ich sofort an Fahrradkleidung – schrecklich!

Sauerbruch: Aber die Farbe der Kirchen ist schön, dieses katholische Lila, vor allem in Verbindung mit Weiß oder sogar Gold, nein, dieses Purpur ist eine sehr edle Farbe.

Sie reden über Farben, die Ihnen persönlich gefallen. Goethe hat versucht, eine allgemein gültige Farbenlehre zu entwickeln.

Sauerbruch: Es gibt eine ganze Reihe von Theorien: Was darf ich mit Farben tun, wie soll man sie mischen, wie wirken sie? Das mag seinen Sinn haben, aber wir arbeiten ganz anders. Wir fangen mit vielen verschiedenen Varianten an und sortieren nach und nach aus. Am Ende bleibt eine Option übrig.

Hutton: Auch die Waldorfleute beziehen sich auf Goethe und sagen: Es gibt gute Farben und schlechte Farben. Das stimmt nicht. Farben hängen immer vom Ton ab und vom Licht und davon, wie man sie kombiniert.

Die Universität Rostock hat Regeln zur Baugestaltung entwickelt. Der Rat ist: So wenig Farben wie möglich, als obere Grenze gilt die magische Zahl Sieben!

Hutton: Sieben? Ich weiß nicht, wie die auf so etwas kommen. In Adlershof haben wir 32 benutzt , beim Umweltbundesamt in Dessau sieben Farbfamilien mit insgesamt 33 Tönen ausgesucht.

So richtig berühmt geworden sind Sie durch den Bau der GSW, ein Hochhaus in der Kochstraße. An der Westseite gibt es rote Lamellen als Sonnenschutz, so dass an manchen Tagen die ganze Fassade in Rottönen leuchtet.

Sauerbruch: Neun verschiedene.

Blau oder Grün wäre nicht gegangen?

Sauerbruch: Wir haben schon beim Wettbewerb gesagt, die Westfassade soll rot sein. Die meisten sehen das Haus ja aus der Perspektive des Fußgängers, und als Kontrast zum grauen oder weißen Berliner Himmel ist eine rote Farbfamilie gut. Außerdem geht die Nachmittagssonne mit einem warmen Orange über die Dächer und potenziert die Töne regelrecht.

Härter noch als Stahl ist die deutsche Bauordnung – ja?

Sauerbruch: Das Stadtplanungsamt Kreuzberg war angenehm experimentierfreudig.

Sie haben positive Erfahrungen mit einer deutschen Behörde gemacht? Unfassbar!

Hutton: Und doch wahr. Sie kennen England nicht, mit diesen Farben wären wir dort chancenlos gewesen.

Sie sind ein Ehepaar, Sie leben zusammen, Sie arbeiten zusammen. Wie werden Sie denn wahrgenommen?

Hutton: Ich werde ganz automatisch auf die Farben angesprochen, und mein Mann auf die technische Seite der Architektur.

Sauerbruch: Ja, Sie ist für die Küche zuständig und ich für die Fundamente – in diesen Mustern wird häufig gedacht.

Hutton: Inzwischen lache ich drüber und berichtige: Es gibt keine Arbeitsteilung, wir machen von Anfang bis Ende alles zusammen.

Sauerbruch: Das geht so seit 15 Jahren, sonst hätten wir das gar nicht überlebt.

Und Sie sind immer einer Meinung? Das gibt’s doch nicht.

Hutton: Doch. Komisch, oder?

Ihr Name wird immer in einem Atemzug genannt, HuttonundSauerbruch. Haben Sie da nicht Angst, Ihre Identität zu verlieren?

Hutton: Nein, im Gegenteil, es entsteht ja eine neue, dritte Identität.

Sie beide kommen aus Norfolk und Konstanz, keine sehr farbenprächtigen Orte. Was hat Ihnen denn den entscheidenden Kick gegeben?

Hutton: Eine Reise nach Indien. Fahren Sie hin, wenn Sie noch nicht dort waren, gleich morgen! Es ist so voller Leben, voller Farben, die ganz alltäglich sind, Gewürze und Häuser so voll mit Kraft, das Licht, Mönche in safrangelben Roben…

Der Architekturkritiker Adolf Behne sagte in den 20er Jahren: „Was den heutigen gebildeten Kunstspießer auszeichnet, ist seine Furcht vor der Farbe.“ Das gilt heute nicht mehr?

Sauerbruch: Schauen Sie mal in unsere Vorstädte: Das Spektrum pendelt zwischen Beige und Weiß. Die Devise ist: nur nicht auffallen! Und in der DDR war ja schon der selbst angestrichene Balkon ein Ausdruck des Widerstandes. Übrigens haben einige unser Rot am GSW-Haus, gegenüber vom Springer-Hochhaus, als späte Rache des Sozialismus interpretiert, das fand ich recht lustig.

Die Farben verändern sich im Laufe eines Lebens. Man beginnt in einem knallbunten Kinderzimmer…

Hutton: …und endet in Schwarz.

Vorher kommt noch das Beige als Rentner. Warum tragen Menschen über 65 so gerne Beige?

Hutton: Ich werde nicht so herumlaufen. Vielleicht möchten ältere Leute mit dieser bleichen Farbe verschwinden, nur noch Hintergrund sein?

Wie gefällt Ihnen eigentlich Farbe in einer Zeitung?

Hutton: Ich bevorzuge Schwarz-Weiß. Farbe in der Zeitung sieht weniger seriös aus.

Die Leser mögen’s bunt. Auch „SZ“ und „FAZ“ drucken inzwischen Farbbilder.

Sauerbruch: Meist ist der Druck nicht besonders gut , eine Zeitung ist kein Magazin. Für mich sollte eine Zeitung ihre Kraft aus der Abstraktion des Wortes ziehen, den Inhalt zur Form machen.

Und, Frau Hutton, was machen Sie denn, wenn Ihr Mann morgen in einem grellen Hawaiihemd nach Hause kommt?

Hutton: Dann lasse ich alle Türschlösser auswechseln. Aber das würde er nie tun, ich kenne ihn.

Das Gespräch führten Susanne Kippenberger und Norbert Thomma

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