Zeitung Heute : Endlich normal?

Harald Martenstein

Es hat wohl damit angefangen, dass es in Deutschland nach und nach immer wärmer wurde. Die Leute saßen von Februar bis November in den Gartenlokalen. Tiere und Pflanzen aus dem Süden wanderten ein, zum Beispiel Nilgänse, Feuerlibellen und Ochsenfrösche. In Mecklenburg griffen frei lebende Nandus ohne erkennbaren Grund Kälber an. Dann schlugen die Leute die Zeitung auf und stellten fest, dass sich auch in der Politik die Dinge änderten. Es gab zum Beispiel immer mehr Parteien. Es wurde auf einmal äußerst schwierig, stabile Regierungen zu bilden, mancherorts lief es auf Minderheitsregierungen hinaus. Die Obrigkeit war ein fragiles Gebilde, das jeden Tag zusammenbrechen konnte. Eine postkommunistische Partei feierte Erfolge – wie früher in Italien. Die seit 100 Jahren wichtigste staatstragende Partei dagegen wechselte alle paar Monate ihre Vorsitzenden aus und erklärte, dass sie sich an politische Versprechen nicht mehr gebunden fühle. Mitten in den Städten gab es nun Strandbars, in denen die Leute bis zum Morgengrauen feierten, in Berlin manchmal gemeinsam mit dem Bürgermeister. Die Ostsee wurde so warm, dass man sich stundenlang in ihr treiben lassen konnte, früher waren die Leute immer nur schnell ins Wasser gesprungen und dann sofort bibbernd wieder hinausgerannt.

Die Regierung versuchte, die Lage in den Griff zu bekommen. Sie verbot das Rauchen. Die Leute in den Bars und Restaurants rauchten trotzdem. Das Verbot wurde an vielen Orten einfach ignoriert, so wie man schon seit längerer Zeit das Rot an der Fußgängerampel ignorierte, wenn weit und breit kein Auto zu sehen war. Sogar ein früherer Bundeskanzler setzte sich über das Verbot hinweg. Dann kam heraus, dass ein Teil der Reichen aufgehört hatte, Steuern zu zahlen. Sie machten das einfach nicht mehr. Als Nächstes fingen die Streiks an. U-Bahnen, Flugzeuge und Züge standen still, die Müllabfuhr kam nicht mehr, zwischen den überquellenden Tonnen sah man vereinzelt Ochsenfrösche. Die Schulen schlossen an dem einen Tag, am nächsten Tag waren sie offen. Kaum war ein Streik zu Ende, zum Beispiel bei der Bahn, fing er auch schon wieder von vorne an. Die Leute gewöhnten sich daran, Fahrrad zu fahren oder zu trampen und ihren Müll irgendwie anders zu entsorgen, manche fingen sogar an, ihre Kinder selbst zu unterrichten. Wie lange würde es noch Strom geben? Einige fanden die neue Lage gut, andere fanden sie schrecklich, einige sagten, Deutschland geht den Bach runter, andere sagten, nein, Deutschland ist endlich normal. Fest stand, dass sich etwas verschoben hatte, entweder in Richtung Mittelmeer oder in Richtung Anarchie oder beides. Die Anarchie, sagten diejenigen, die sich noch an 1989 erinnern konnten, ist immer die schönste Zeit.

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