Zeitung Heute : Endlich „sichtbare“ Nachbarn? Zwei Botschafter – eine Botschaft

Marek Prawda
Partnerschaft. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premierminister Donald Tusk leiteten am 21. Juni die ersten deutsch-polnischen Regierungskonsultationen. Foto: picture-alliance/dpa
Partnerschaft. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premierminister Donald Tusk leiteten am 21. Juni die ersten deutsch-polnischen...Foto: picture alliance / dpa

Voriges Jahr wurde in den Berliner Kunst-Werken eine Installation unter dem Titel „Unsichtbare Frauen der Solidarnosc“ gezeigt. Eine junge Künstlerin wollte uns auf die heutige Marginalisierung der Frauen, die in der Freiheitsbewegung von August 1980 mitwirkten, aufmerksam machen. Sie waren als „weiße Bilder“ dargestellt, und es bedurfte einiger Anstrengung, um in ihnen die Konturen von Frauengesichtern zu entdecken. Das bringt mich zu der Beobachtung, dass es manchmal auch „unsichtbare Nachbarn“ geben kann. Wenn die Bilder voneinander weiß sind – wie in den Kunst-Werken – und nicht aus eigenem Interesse mit neuen Inhalten gefüllt werden, bleiben nur die unbewusst tradierten Denkmuster und familiär überlieferten Ressentiments übrig. Ich glaube, dass diese Beschreibung auf die deutsch-polnischen Beziehungen, vor allem in den Nachkriegsjahrzehnten, weitgehend zutrifft. Und was wir nach dem Systemwechsel 1989 erleben, ist der Prozess einer allmählichen Überwindung dieses Zustandes.

Im Mai besuchte ich eine polnische Stadt unweit der Grenze zu Deutschland, wo eine neue Philharmonie eröffnet wurde. Der Bürgermeister machte daraus einen deutsch-polnischen Abend, weil das 20-jährige Jubiläum des Nachbarschaftsvertrages kurz bevorstand. Es spielten Musiker und sangen Solisten aus beiden Ländern. Der polnische Bürgermeister erzählte in bewegenden Worten, wie lange es gedauert habe, bis die „neuen“ Einwohner dieser Stadt, fast alle aus einer Region in der heutigen Ukraine stammend (vor 1939 polnisch), sie als einen „sicheren Hafen“ betrachten und liebgewinnen konnten. Darauf antwortete ein in derselben Stadt (vor 1945 deutsch) geborener Gast aus Deutschland, dass auch für ihn diese Stadt in den vergangenen 20 Jahren zu einem „sicheren Hafen“ geworden sei. Er fühle sich dort immer willkommen und „sehr zu Hause“. Der deutsche Gast bekam an diesem Abend den lautesten Beifall.

Die Geschichte wird immer wichtig bleiben, aber zwischen uns entsteht gerade ein neuer Raum, den wir selbst gestalten können, der heute im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen sollte. Die Berliner Ausstellung „Tür an Tür“, die der 1000-jährigen deutsch-polnischen Nachbarschaft gewidmet ist, soll uns die Augen öffnen für die vielfältigen Kontakte und historischen Wechselwirkungen, die wir durch den Fokus auf die tragischen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts häufig außer Acht lassen. Vor allem aber ermutigt sie uns, die Türen weiter zu öffnen, uns selbst durch die Brille des Nachbarn zu betrachten und in unsere heutigen Beziehungen „neue Farben zu malen“.

Polen kann selbstbewusst auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung der zurückliegenden 20 Jahre schauen. Aus einem Land, das man eine Zeit lang als „Problemfall“ etikettierte, wurde ein europäischer „Ideengeber“, der sich an einem Gespräch über den Tag hinaus, über die Zukunft des europäischen Einigungsprozesses beteiligt. Viele wundern sich auch über die weitgehende Übereinstimmung der deutschen und polnischen Politik zur Stabilisierung der öffentlichen Finanzen. Es mutet geradezu „revolutionär“ an, wenn ich in den vergangenen zwei Jahren viel häufiger als nach dem Zentrum gegen Vertreibungen, nach der Schuldenbremse gefragt werde, die wir in Polen vor 14 Jahren mit viel Erfolg in unserer Verfassung installierten. Unsere Debatten werden „angenehm langweilig“.

Der Autor ist seit 2006 Botschafter Polens in Deutschland

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