Zeitung Heute : Endstation Sachsendamm

Der Bus der Linie 185 steht mitten auf der Kreuzung zwischen Polstermarkt, Tankstelle und Autobahnzufahrt. Stundenlang. Drinnen sitzen der Entführer Dieter Wurm und seine zwei Geiseln. Und dann geht alles ganz schnell.

Tanja Buntrock[Jö] Stefan Jacobs[Jö] Frank Jansen[Jö]

Von Tanja Buntrock,

Stefan Jacobs, Frank Jansen,

Jörn Hasselmann

und Dagmar Rosenfeld

Das Unglaubliche geschah in der Steglitzer Schloßstraße, einer der belebtesten Einkaufsstraßen Berlins: Ein Linienbus, ein ganz normaler gelber Doppeldecker mit Schultheiss-Reklame drauf, ist gekidnappt worden, drinnen 20 Menschen, auch ein Mitarbeiter des SFB, wie sich später herausstellt, und eine Polizistin. Statt wie geplant zum Hindenburgdamm zu fahren, wurde der 185er nun von dem Entführer durch den Grunewald gejagt, dann die Avus entlang und an Funkturm, Siegessäule und Brandenburger Tor vorbei. Fast als wäre es eine Stadtrundfahrt, nur dass die Straße vor dem Bus immer leerer wurde und dahinter immer voller: Eine Kolonne von Polizeiwagen verfolgte ihn quer durch die Stadt. Und außenherum ging gar nichts mehr. Ab und zu hielt der Bus: Der Kidnapper ließ nach und nach fast alle Geiseln aussteigen.

Mitten auf dem Sachsendamm in Schöneberg war dann Endstation. Dort wurde der Bus von dem Spezialeinsatzkommando der Polizei gestoppt: an Bord noch der Bewaffnete, der Journalist und die Polizistin. Die junge Frau war Funkstreife gefahren, als sie wegen eines Banküberfalls in der Schloßstraße alarmiert worden war. Sie folgte dem bewaffneten Täter, als er gegen zehn in den Bus sprang. Bei dem Bankräuber soll es sich um den 46-jährigen Dieter Wurm handeln. Er hatte mit seinem Komplizen eine Filiale der Commerzbank überfallen und ein paar tausend Euro erbeutet. Der Komplize rannte weg, Wurm stürmte in den Bus.

Er wollte nur zur S-Bahn

In einem Interview mit dem „Berliner Rundfunk 91,4“ gegen zwölf Uhr wird Dieter Wurm sagen, dass er ursprünglich nur ein kleines Stück bis zum nächsten S-Bahnhof fahren wollte. Die Waffe habe er erst gezogen, als die Polizei den Bus anhalten wollte. Die Entführung sei Folge unglücklicher Umstände; auch deshalb habe er die Geiseln im Laufe der Irrfahrt durch halb Berlin nach und nach freigelassen. Noch während des Interviews informieren die Radioleute die Polizei. Die Staatsanwaltschaft untersagt ihnen vorerst, das Gespräch nochmal zu senden, und die Polizei bereitet die Erstürmung des Busses vor. Dem Fahrer war da schon die Flucht gelungen – der gefangene SFB-Mann hatte seinem Sender per Handy berichtet, dass der Gangster den Fahrer aus seiner Kabine gezerrt habe.

Doch für den Journalisten und die Polizistin ist die Sache noch lange nicht ausgestanden. Stundenlang steht der Bus quer auf der Mitte der vielspurigen Kreuzung zwischen Polstermarkt, Tankstelle und der Auffahrt zur Stadtautobahn, umgeben von zivilen Polizeiautos. Hin und wieder laufen Beamte vorbei, die Ampeln spulen einsam ihr Programm ab, alle Straßen ringsum sind gesperrt. In einiger Entfernung beziehen Scharfschützen Stellung, auch auf dem Dach der Schöneberger Sporthalle. Weitere Polizisten positionieren sich neben den Gleisen auf der Brücke am S-Bahnhof Schöneberg. Die Polizei erwägt, den Bahnhof zu schließen, lässt dann aber doch einen Seitenausgang offen.

Unten auf der Dominicusstraße ist es still, kein Auto ist zu hören, nur Vogelgezwitscher. Zunächst versammeln sich nur Beamte am rot-weißen Flatterband, aber bald errichten dutzende Kamerateams mit ihren Stativen einen zweiten Sperrgürtel. Dahinter drängen sich die Schaulustigen.

„Wird ja immer verrückter“, murmelt ein Rentner, als er von der Entführung hört. Ein Mann im Anzug redet auf die Polizisten ein, sie mögen seinen Kollegen aus einem nahen, abgesperrten Büro gehen lassen, damit der noch sein Flugzeug erwischt. Bereitwillig greifen die Beamten zum Funkgerät. Ein Mann von der Stadtreinigung telefoniert seiner Frau die neuesten Ereignisse durch und verabschiedet sich. „Ick geh erstmal in die Kneipe.“ Die Brüder Schäfer haben sogar Feldstecher und Videokamera mitgebracht. Tobias und Stephan Schäfer, 20 und 23 Jahre alt, haben hinter dem Absperrband alles im Blick. Tobias berichtet, was er durch seinen Feldstecher sieht: drei Autos, die ganz nah am 185er Bus stehen, offene Türen und Polizisten in Zivil, die anscheinend mit dem Geiselnehmer sprechen. „Darf ich auch mal?“, fragen immer wieder Medienleute und neugierige Zuschauer, die sich vor der Absperrung gesammelt haben.

Tobias Schäfers Feldstecher ist fast so begehrt wie die Auskünfte vom Polizeisprecher Christian Matzdorf. Der stellt sich etwa alle zwanzig Minuten vor die Absperrung und erzählt, was es Neues gibt. Sein häufigster Satz ist „Dazu kann ich momentan nichts sagen.“ Deswegen pendeln Tobias und Stephan Schäfer hin und her: Mal hören sie bei Matzdorf rein, dann stellen sie sich wieder ans Absperrband, um den Bus nicht aus den Augen zu lassen.

Mit seiner Hündin Angie war Stephan Schäfer in der Nähe vom S-Bahnhof Schöneberg Gassi gegangen. Dann hatte er die vielen Absperrungen gesehen. „Da bin ich gleich hin, aber war kein Durchkommen.“ Also ist er nach Hause gegangen und hat sofort seinen Bruder geweckt. „So etwas darf man sich nicht entgehen lassen, wir wohnen hier seit 20 Jahren, da will man schon dabei sein.“ Die beiden sehen sich als „Zeitzeugen“, die das Geschehen dokumentieren. Ihre Eltern sitzen derweil in der Schäferschen Mietwohnung und hören Radio. „Die dachten, hier wird ein Film gedreht, als sie vom Einkaufen nach Hause kamen und die Absperrungen mit den Polizeiwagen gesehen haben.“

Im Dachgeschoss der querenden Gotenstraße 65 hängen sich drei Fotografen mit riesigen Teleobjektiven weit aus den geöffneten Fenstern. Den Bus scheinen sie von da oben am besten im Blick zu haben. „Nee, die haben da oben ein Problem“, weiß ein Fotograf, der unten an der Absperrung steht: „Die haben die blöde Dachkante von dem ockerfarbenen Wohnhaus rechts vom Bus vor der Linse.“ Mittlerweile treten sich schon an die 100 Medienleute gegenseitig auf die Füße. Die Fotografen und Kamerateams haben den Bus fest im Blick. Von ihren Kollegen lassen sie sich Trittleitern und Campingtische reichen. Wer die beste Position hat, hat das beste Bild. Diesmal kommen die Bilder aus Berlin und nicht aus Bagdad. Aber als man das Foto von n-tv-Reporter Holger Schmidt-Denker dann im Fernsehen sieht, und dazu den Ton aus dem Off hört, fühlt man sich doch wieder an die durchtelefonierten Berichte aus dem Kriegsgebiet erinnert.

In der Zwischenzeit haben sich direkt hinter dem Bus 15 Männer vom Spezialeinsatzkommando der Polizei postiert. Stundenlang werden sie dort ausharren. Zwischendurch bringt ein Polizist sogar Cola zum Busfenster, es sieht so aus, als spreche er mit einem der Insassen.

Todesschuss als letzte Lösung

Ein Bild von trügerischer Ruhe, denn tatsächlich hat sich die Lage so weit zugespitzt, dass die Polizei den härtesten Einsatz für möglich hält – einen gezielten Todesschuss. Der Geiselnehmer sei nervös und „durchgeknallt“, rufen sich Beamte über ihre Funkgeräte und Handys zu. Außerdem habe er jetzt zwei Waffen – die eigene und die Dienstpistole der Polizistin. Das bedeutet: Dieter Wurm hat mindestens acht Schuss zusätzlich. So viele Patronen, Kaliber 9 Millimeter, stecken in einem Magazin der „Sig Sauer P 6“, dem Standard-Modell der Berliner Polizei.

Der entkommene Busfahrer wird von Polizeibeamten befragt. Er erzählt, wie der Kidnapper aussieht – kräftige Gestalt, kaum Haare auf dem Kopf, dunkle Kleidung. Und er berichtet über die Angst im Bus und die Hektik des Geiselnehmers. Es ist etwa 11 Uhr 30. Bei der Polizei ist nun offenbar die Entscheidung zum Sturm auf den Bus gefallen.

Beamte inspizieren derweil einen baugleichen Doppeldeckerbus, um zu klären, wie sie am besten in solch ein Fahrzeug eindringen können – durch eine Seitentür, massiv von vorne oder durch die große Heckscheibe? Die SEK-Beamten wissen, dass sie den Täter überraschen müssen, er braucht wahrscheinlich höchstens ein, zwei Sekunden, um auf einen Angriff zu reagieren.

12 Uhr 30. Scharfschützen sind in Stellung gegangen. Dieter Wurm hat mit einer der beiden Waffen geschossen und eines seiner Hosenbeine getroffen. Die Polizisten sagen, „der Mann dreht ab.“ Aber noch setzt die Einsatzleitung auf Gespräche, um Wurm zur Aufgabe bewegen zu können. Doch der unternimmt einen letzten Versuch, aus der Falle zu entkommen. Acht Minuten nach eins probiert Wurm, den schweren Bus zu starten. Um die Absperrungen der Polizei zu durchbrechen. Doch der Doppeldecker springt nicht an. Aber Wurm gibt nicht auf. Er fordert, mit einem Hubschrauber zum Flughafen Tempelhof gebracht zu werden. Und er will einen Fallschirm, um abzuspringen.

14 Uhr 16. Ein Schuss knallt, im hinteren Teil des Busses durchschlägt ein Projektil eine Scheibe. Wer geschossen hat, kann man nicht sehen. Hat Wurm auf die Polizei gefeuert? Oder hat ein Beamter geschossen? Hektische Fragen im Funkverkehr. Die Polizei stürmt den Bus. „Beide Geiseln befreit“, ruft ein Polizist. Und ein Kollege meldet: „Der Geiselnehmer hat eine Schussverletzung im Schulterbereich, aber nur leicht.“ Es ist vorbei. Wurm ist einem Todesschuss knapp entgangen. Polizeisprecher Matzdorf tritt wieder vor die Medien. Er lächelt: „Ich darf ihnen mitteilen, die Geiselnahme ist beendet. Die Geiseln sind unverletzt.“

Wurm hat 20 Menschen Todesangst eingejagt. Einmal, vor 14 Jahren, da saß er im Gefängnis wegen eines Banküberfalls. Es waren die Tage des Geiseldramas von Gladbeck. Wurm schrieb einen Brief an die „taz“. Auch dort hatten die Entführer – die er gekannt haben soll – einen Bus in ihre Gewalt gebracht. Und einen Jungen erschossen. Wurm empörte das: Der Staat sei schuld daran, schrieb er in dem Brief an die Zeitung. Wem gibt er diesmal die Schuld?

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