Zeitung Heute : Energie durch Aufwind

Der Tagesspiegel

Von Klaus Jacob

In Australien soll in wenigen Jahren der höchste Turm der Welt emporwachsen. Die Firma EnviroMission will im Hinterland von Melbourne das erste kommerzielle Aufwindkraftwerk errichten. Ein Bau der Superlative: Der 1000 Meter hohe Kamin beschleunigt heiße Luft auf rund 50 Kilometer pro Stunde, die notwendige Wärme entsteht unter einem fast 25 Quadratkilometer großen Glasdach. Hier fände fast eine Großstadt Platz. Das Know-how liefert das Stuttgarter Ingenieurbüro Schlaich Bergermann und Partner (SBP), das in den achtziger Jahren mit einer kleinen Pilotanlage im spanischen Manzanares Erfahrungen gesammelt hat. Damals gab die Ölkrise den regenerativen Energien einen enormen Schub. „Man war euphorisch", erinnert sich SBP-Physiker Wolfgang Schiel.

Ein Aufwindkraftwerk, von Technikern schon Anfang des Jahrhunderts erdacht, schien da vielversprechend, denn seine Funktionsweise ist denkbar einfach: Unter einem seitlich offenen Glasdach, einer Art Treibhaus, erwärmt sich die Luft und strömt in den zentralen Kamin. Dort steigt sie auf und faucht durch die Röhre, wo sie eine Turbine antreibt. Ein solches Kraftwerk lässt sich sogar dem jeweiligen Strombedarf anpassen: Legt man wassergefüllte Röhren auf dem Boden des Treibhauses aus, wird darin Sonnenwärme gespeichert, so dass die Generatoren auch nachts Strom liefern.

Das Stuttgarter Büro hat in Spanien – im Auftrag des deutschen Bundesforschungsministeriums – gezeigt, dass die Idee tatsächlich funktioniert. Die bescheidene 50-Kilowatt-Anlage mit ihrem 195 Meter hohen Wellblech-Turm auf der La-Mancha-Hochebene lief sieben Jahre erfolgreich. Sie überzeugte durch geringe Betriebskosten und wenig Ausfallzeiten.

Doch im Frühjahr 1989 kippte ein Sturm den Kamin um. Kein Wunder - eigentlich hatte er nur drei Jahre halten sollen und war deshalb nicht einmal gegen Korrosion geschützt. Für eine größere Anlage mit einer Leistung von mehreren Megawatt fehlte das Geld. Der Ölpreis war wieder gesunken, die Politiker hatten das Interesse verloren.

Erst jetzt schlägt die Stunde der Low-Tech-Lösung. Denn die rasante Erwärmung der Atmosphäre hat die Regierungen weltweit aufgeschreckt, Öl und Kohle sind nicht mehr die erste Wahl. Die Australier sind zudem durch das Ozonloch für Umweltprobleme sensibel geworden. Ein Gesetz schreibt hier vor, dass ein steigender Anteil des eingespeisten Stroms aus regenerativen Energien stammen muss. So braucht das Aufwindkraftwerk nicht mit Billigstrom aus abgeschriebenen Kohlekraftwerken zu konkurrieren.

Der Bau der Anlage erfordert trotz der kolossalen Ausmaße keine technischen Meisterleistungen. Der klobige Turm aus Stahlbeton, Durchmesser 130 Meter, soll nach bewährter Manier emporwachsen, drei Meter pro Tag. Wenn alles nach Plan läuft, könnte er Ende 2005 stehen. Mit einer maximalen Wandstärke von 1,20 Meter würde er selbst einem Orkan mit 180 km/h Tempo widerstehen. Die Turbinen, am Fuß des Kamins platziert, sollen insgesamt 200 Megawatt leisten, ein Sechstel eines üblichen Atommeilers. Sie könnten eine Großstadt mit rund 250 000 Einwohnern mit Strom versorgen.

EnviroMission rechnet mit Baukosten von umgerechnet rund 440 Millionen Euro. Der Aufwindstrom würde damit etwa 20 Prozent mehr kosten als Kohlestrom – ein passabler Wert für eine regenerative Energieform. Allerdings steht die Machbarkeitsstudie noch aus. Doch Schiel ist überzeugt: „Wenn die Investitionen nach 20 Jahren abgeschrieben sind, hat man eine Gelddruckmaschine." Denn ein Aufwindkraftwerk braucht keinen Treibstoff und könnte dann Strom für gut einen Pfennig pro Kilowattstunde erzeugen – Jahrzehnte lang. Denn der aufwindige Turm soll diesmal mindestens 80 Jahre halten.

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