Energie : Viel Wind um Samsø

Eine kleine Insel und ein großes Wunder: Früher kamen Öl und Strom vom Festland. Heute exportieren die Bauern von Samsö eigene Energie aus Sonne und Wind. Ökos wollen sie nicht sein – es ist einfach ein gutes Geschäft.

Lennart Laberenz

Zum Beispiel in Nørreskifte, zum Beispiel Jørgen Traneberg. Ein paar versprengte Bauernhöfe, hohe Pappeln, Jørgen Traneberg stapelt Heuballen in der Scheune. Traneberg ist 54 Jahre alt, er hat dunkelblonde Haare, eine kräftige Figur, drei Kinder, eine Frau, 100 Hektar Land, 150 Kühe. Und eine Windkraftanlage hinterm Haus. Er springt vom Trecker, schüttelt Hände und vergräbt die eigenen in den Taschen der Latzhose. Außerdem noch eine halbe Anlage draußen auf dem Meer, sagt er. „Man muss ja vorausschauen, nicht? Klima wechselt, Welt verändert sich. Müssen wir also auch was tun.“ Sogar Freilandtomaten wüchsen hier jetzt. Daran könne doch jeder sehen, wie sehr sich alles verändere.

Traneberg ist einer von jenen, über die man in Samsø respektvoll sagt, sie seien „bauernschlau“. Er gehörte zu den ersten 50 Bauern der Insel, die eine Lizenz für eine Windkraftanlage beantragten. Ganze zweieinhalb Million Euro hat er in den letzten Jahren investiert. Das Risiko? Das sei gering gewesen, er habe der Bank „in etwa zehn Minuten“ die Sache mit dem gesetzlichen Einspeisepreis am Telefon erklärt, „dann hatte ich das Geld“. Banken in Skandinavien unterstützten derlei Initiativen, vor allem aber erkannte die Bank, dass Traneberg genau kalkuliert hatte: Die gesetzlichen Tarife für das Einspeisen von Strom liegen deutlich über den Produktionskosten, die Stromgesellschaft ist zur Abnahme verpflichtet. Und auf dem freien Markt verkauft sich Energie noch besser.

Den Feldweg hinab, hinter Tranebergs Scheune, stehen jetzt fünf Windkraft-Anlagen – die Bauern aus der Gegend haben dafür ihr Land zusammengelegt. Jede Anlage leistet eine Millionen Kilowattstunden pro Jahr und kostete 800 000 Euro. Nach etwas mehr als sechs Jahren hatte sich Tranebergs Investition amortisiert. Auch die viel größere Anlage draußen auf See produziert mehr Strom als gedacht. Mittlerweile, sagt Traneberg, verdiene er mehr mit Strom als mit Milch.

Tranebergs Hund heißt Vaks, das bedeutet „aufmerksam“. „Wir müssen das machen wie Vaks“, sagt Traneberg. „Immer einen Fuß in der Luft, immer darauf bedacht, was kommt.“

Jørgen Tranebergs Investitionen sind Teil eines erstaunlichen Gedankengangs. Um den zu verstehen, muss man durch das Kattegat. Kabbelig ist es an diesem Nachmittag, wirft Gischtwolken über das mietshaushohe Vordeck der Fähre. Eineinhalb Stunden geht die Fahrt unter Gewitterwolken, aber über Samsø scheint die Sonne. Mehr noch: Der Himmel ist fast blank über der Insel, die der eigentümlichen Geografie Dänemarks gemäß in der Mitte des Landes liegt.

Auf Samsø passieren schwer vorstellbare Dinge. Seit einiger Zeit ist die Insel unabhängig von fossiler Energie, sie exportiert sogar Strom. Elf Jahre ist es her, dass ein Ingenieur aus Århus ein Konzept erdachte, das er bei einer staatliche Ausschreibung einreichte. Die Preisfrage lautete, wie Regionen von fossilen Brennstoffen unabhängig werden könnten. Samsø war gut geeignet als Rechenexempel – viele Sonnenstunden und genügend Wind. Außerdem können bei einer Insel Verkehr und Energieflüsse leicht beobachtet werden. Der Ingenieur rechnete, plante und sein Konzept gewann schließlich den Wettbewerb. Der Ingenieur bekam eine Urkunde. Und Samsø einen Plan.

Die Fähre zieht um die Südspitze am alten Leuchtturm vorbei. Links, im Wasser, drehen die Rotoren von zehn großen Windkraftanlagen im Wind. Samsø misst an der breitesten Stelle sieben Kilometer, streckt sich nach Norden grade 26 Kilometer. Im Süden ist die Insel flach und breit, verjüngt sich dann nach Norden, läuft hügelig und naturgeschützt aus, zerfasert östlich im Meer. Etwa 4100 Bewohner verteilen sich auf kleine Ansammlungen von Häusern und Gehöften. Die Siedlungen wirken, als seien sie vom Wind zusammengeschoben und in die Falten zwischen den Hügeln gedrückt. Einige Samsinger arbeiten im Tourismus, es gibt Handwerker und ein paar Angestellte. Samsø ist klassisches Bauernland, Landwirte, von denen die wenigsten etwa mit organischem Anbau viel anfangen können. Störrisch seien sie, sagen Samsinger über sich selbst und: Man schlafe eher ein paar Nächte über Entscheidungen, als gleich etwas zu sagen. Schnell geht hier nichts.

Kein Ort also, an dem große Reden und Gesten geschwungen werden, eine Gegend, in der man kühl rechnenden Ingenieuren aus Århus misstraut. „Wenn der seine Idee präsentierte, dann hörten alle zu, aber niemand stellte Fragen.“ Søren Hermansen macht eine kleine Pause, „und mich, mich haben sie nachher alle angerufen.“ Hermansen ist 49 Jahre alt, an den Schläfen grau, braun gebrannt und von kräftiger Statur. Auch er hätte eigentlich Bauer werden sollen, wie seine Eltern und deren Eltern. Aber er ging weg, zog durch die Welt, kehrte mit einer Künstlerin zurück. Søren Hermansen passte nicht mehr in die vorgezeichneten Bahnen, in die seit Generationen ausgekerbten Lebensweisen. Hermannsen macht, was ihm gefällt.

Einen Plan hatten sie also auf Samsø und einen Preis. „Mehr nicht,“ sagt Hermansen. Bis dahin erreichte Strom die Insel durchs Kabel, Heizöl kam per Tanker. Aber Søren Hermansen fand die Aussicht, Samsø zu einer Insel mit selbstständiger und umweltfreundlicher Energiegewinnung zu machen, zu interessant, um die Idee einfach in der Schublade zu verstauen. Deshalb bildete er mit ein paar Samsingern und dem Ingenieur eine NGO, gründeten eine EnergiAkademi, sie wollten umsetzten, was der Ingenieur gerechnet hatte.

Hermansen steht in der Küche am hinteren Ende eines langestreckten Hauses. Im vergangenen Jahr hat die EnergiAkademi dieses Haus eröffnet: Sparsam ist es, wärmegedämmt, mit Solartechnik auf dem Dach. Es reagiert computergesteuert auf das Wetter. Innen riecht es nach Lärchenholz. Das hausgewordene Beispiel energiebewussten Lebens.

Ende der 90er sah es düster aus auf Samsø. Großbauern kauften kleinere Gehöfte auf, verschmolzen diese zu immer größeren Einheiten der Industrielandwirtschaft. Fast 100 Jobs verschwanden mit dem alten Schlachthof. Die Arbeitslosigkeit stieg, Siedlungen verfielen, viele zog es weg. „Wir haben mitten in die Depression hinein angefangen,“ sagt Hermansen. Und dann sagt er wieder einen dieser beiläufigen Sätze: „Wir mussten den Bauern eigentlich nur erklären, dass das alles nicht kompliziert ist. Und außerdem ein gutes Geschäft.“

Das Konzept zur Energieunabhängigkeit hat drei Säulen: Wärme, Elektrizität und Verkehr. Für den ersten Punkt auf der Liste brauchten Hermansen und seine Helfer vier Wärmekraftwerke, dazu einfache Solartechnik für Warmwasser. Die alten Bauernhäuser sollten isoliert werden, Biomasseöfen die Ölbrenner ersetzten. Im Süden richteten sie Modellhäuser ein, Nachbarn telefonierten sich zusammen, es gab Plätzchen und Tee zum Rundgang. Und damit die Samsinger sich beeilten mit der Entscheidung, setzten sie eine Frist: Wer bis zum Stichtag unterzeichnete, bekam die Fernwärmeanlage für 100 Kronen ins Haus gesetzt, den Liefervertrag gab es dazu. Heute kostet der Beitritt 35 000 Kronen – rund 4700 Euro.

Für den Strom plante die EnergiAkademi Windkraftanlagen, zudem sollte der Verbrauch kontrolliert werden. Schließlich wollten sie öffentlichen und privaten Verkehr stückweise auf Batteriebetrieb umstellen. Privatleute und die Kommune sollten das Projekt stemmen – Subventionen vom Staat gab es nicht.

Überzeugen musste Hermansen Menschen wie Jørgen Traneberg oder Arne Kremmer-Jensen. Landwirte, in fleckigen Hosen, mit kräftigen Armen, brauner Haut und hornigen Händen. Die nicht unbedacht lachen, nichts Überflüssiges reden. Kremmer-Jensen ist Großbauer, er betreibt eine Landmaschinengesellschaft. 2003 gründete er mit seinen Söhnen ein Blockheizkraftwerk, das er in eine seiner Scheunen in Onsbjerg baute. Etwa 1,1 Millionen Euro kostete die Anlage, die dänische Energie-Behörde gab ein Darlehen von 400 000 Euro. Heute verbrennt Kremmer-Jensen in der Anlage das eigene Stroh. Er versorgt 80 Familien mit Wärme. „Wenn wir noch zehn Häuser mehr hätten, wären wir richtig gesund“, sagt er und schmeißt den Brenner an.

Kremmer-Jensen vertraute Hermansen, weil er ihn kannte. Und weil er das Geschäft sehen konnte. „Wir haben mit vielen Partnern verhandelt“, sagt Hermansen. Mit Shell, zum Beispiel. Aber als der Konzern die Offshore-Anlagen per Monopol betreiben wollte, schüttelten sie den Kopf. Kooperativen sollten her, Einrichtungen mit Menschen von der Insel, Partner, mit denen sie abends ein Bier trinken konnten. In Kremmer-Jensens Gesellschaft werden zwei von fünf Aufsichtsrats-Sitzen von der Verbraucherversammlung bestimmt, Preise dürfen nur mit Genehmigung der Verwaltung verändert werden. „Lokal denken, lokal handeln“, grinst Hermansen.

Mittlerweile haben sie insgesamt 57 Millionen Euro aus öffentlicher und privater Hand investiert. Die Kommune betreibt fünf große Offshore-Windanlagen, etwa 450 Anteilseigner, einige Investoren und Einzelpersonen fünf weitere im Kattegat und elf auf der Insel. Dazu kommen noch etliche kleinere Modelle,die Hermansen „Haushalts-Turbinen“ nennt. Drei Heizkraftwerke werden mit Stroh betrieben, eines mit gehäckseltem Holz, beides wächst auf der Insel nach. 2001 hatte Samsø den Ölverbrauch um die Hälfte gesenkt, den CO2-Ausstoß um 140 Prozent, seit 2003 produziert es mehr Strom als es verbraucht.

Die Insel könnte für den Urlaubskatalog deutscher Oberstudienräte erfunden sein: Beim Fahrradverleih gibt es keine Schlösser, Haustüren werden selten abgesperrt. Vor vielen Häusern stehen Regale, die Kartoffeln und Gemüse anbieten. Man bedient sich, schmeißt das Geld in die Kasse. Niemand kontrolliert. Aber, funktioniert das Modell Samsø auch in der richtigen Welt, Herr Hermansen? „Natürlich,“ antwortet er, „nur es sieht dann anders aus: Die Energiequellen sind regional unterschiedlich.“ Hermansen machte eine kurze Pause, legt die Stirn in Falten: „Vor allem aber muss man es wollen.“

Hermansen reist viel, grade kommt er aus Japan, jetzt geht es nach Holland. Auch mit Rügen hat er über den Verbund der Ostseeinseln Kontakt. Neben den technischen Fragen erzählt er dann vor allem vom nachbarschaftlichen und kooperativen Prinzip, fragt nach den Schwerpunkten und Interessen vor Ort. „Es geht nur mit den Leuten. Wenn große Investoren diese Anlagen betreuen, fragen die Nachbarn natürlich: Und was habe ich davon?“ Gegen das deutsche Windpark-Projekt Butendiek hatten sogar Umwelt- und Naturschutzverbände geklagt, die Sylter Tourismusindustrie plagte schwere Bedenken wegen der Horizontlinie. „So was kann man durch bessere Planung und frühe Gespräche verhindern,“ meint Søren Hermansen.

In Samsø sind sie von selbst darauf gekommen, die Windkraftanlagen weiter weg von Kirchen zu stellen als gesetzlich vorgeschrieben. Außerdem haben Anteilseigener und Betreiber der Anlagen einen freiwilligen Fonds eingerichtet: Sie zahlen einen jährlichen Beitrag, mit dem Projekte für Bewohner gefördert werden sollen, die nicht bei der Windenergie mitmachen – weil diese die Anlagen ja irgendwann auch vor der Nase haben. „Natürlich gab es hier Diskussionen, aber wir haben alle irgendwie ins Boot bekommen“, sagt Hermansen.

Nun sitzen sie da, und es entscheidet sich, wie weit das Boot fahren soll. Die Mühen der Ebene haben einen anderen Geschmack als die Schwierigkeiten des Anfangs. Vom Energieplan ist viel abgearbeitet. Aber 30 Prozent der Haushalte macht noch nicht mit beim Energieprojekt. Bei der Umstellung des Verkehrs auf Batteriebetrieb gibt es Probleme, weil sich die Technik nicht bewährt hat. Und von kommunaler Seite ist das Projekt durch, mehr Unterstützung ist nicht in Sicht.

Vor einem kleinen Häuschen steht Erik Koch Andersen. Noch ein Farmer in Latzhose. Andersen ist einer von kaum einer Handvoll Biobauern auf der Insel, gerade tankt er seinen Trecker. Der Schlauch kommt aus dem Stall, darin selbst gepresstes Rapsöl. Bis zu 6000 Liter schafft er pro Jahr.

Allerdings ist Rapsöl eine mühselige Angelegenheit – die Steuervorschriften machen ökologisches Tanken kompliziert, eine Sonderregelung für umweltfreundliche Emissionen gibt es nicht. „Politik“ sagt Andersen wegwerfend, pfeift auf die Steuer und streicht sich verwegen durchs weiße Haar. „Ich bin ein Outlaw.“

Über Andersens Häuschen scheint die Sonne, der Bauer geht in seinen Gummistiefeln zu einem kleinen Kasten an der vorderen Wand. Dort hängt der Stromzähler – und er läuft rückwärts. Auf dem Dach hat Andersen Sonnenkollektoren für Warmwasser und sogar Solarzellen. Im Moment scheint die Sonne, deshalb schreibt ihm das Rädchen Kilowattstunden gut. Etwa drei Monate wärmt die Sonne hier allerdings nicht viel, da muss dann der Ofen her, sagt Andersen. Dann setzt er sich auf seinen Trecker und braust die gewundene Straße hinauf. Zurück bleibt der Geruch von Bratöl.

Hermansen und Andersen sehen, dass ein Projekt wie Samsø politisch an den Rand gedrängt wird. Zwar sind dänische Windkraft-Konzerne international erfolgreich, auch die Solarzellen-Bauer stehen nicht schlecht da. Seitdem allerdings die wirtschaftsliberale Regierung im Verbund mit rechten Parteien in Dänemark am Steuer ist, sollen die Marktmechanismen politische Entscheidungen vorgeben. Und Marktmechanismen haben eben prominente Namen aus der Öl- und Atomindustrie. Alternative Energiegewinnung findet da nur schwer politische Unterstützung.

Zudem wurden Forschungsstätten privatisiert, Programme zur Grundlagenarbeit an alternativer Energietechnik liefen aus, Kremmer-Jensen würde heute das Darlehen für die Anlage nicht mehr bekommen. Dänemark, in den 1970er Jahren von der Ölkrise hart gebeutelt und früh politisch entschlossen, keine Kernkraft zu verwenden, wandelt langsam die Prinzipien, importiert längst Atomstrom aus Deutschland.

Oben, auf Tranebergs Windanlage nickt Hermansen nachdenklich, die EnergiAkademi tut sich etwas schwer mit dem nächsten Schritt: Wie umgehen mit Fragen der nachhaltigen Ökologie, biologischer Landwirtschaft oder Müllvermeidung? Hermansen schaut über das Land, über die Küstenlinie. Er atmet durch, nach einem hektischen Tag. Als eine voreilige britische Studentin vorhin bei einer Sitzung der Akademie vorbeischaute und weitergehende Projekte anmahnte, schien sich Hermansen auf seinem Stuhl zu winden. „Wir sind keine Hippies,“ sagt er nach einem längeren Nachdenken in den frischen Wind. „Wir können von Samsø aus nicht die Welt retten. Aber sauberen Strom, den haben wir jetzt.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben