Energiebedarf : Stromfresser, überall

Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen verbrauchen wir pausenlos Energie. Noch stammt der Großteil aus fossilen Brennstoffen.

Roland Knauer
Im Jahr 2100 könnten um die zehn Milliarden Menschen auf dem Globus leben – und der Ergiebedarf deutlich angestiegen sein. Foto: picture-alliance/Lonely Planet
Im Jahr 2100 könnten um die zehn Milliarden Menschen auf dem Globus leben – und der Ergiebedarf deutlich angestiegen sein. Foto:...Foto: picture alliance / Lonely Planet

„Guten Morgen, hier ist Radio Irgendwer!“ Wenn der Radiowecker den Schläfer aus dem Traum reißt, hat der Mensch schon zum ersten Mal am Tag Energie verbraucht, weil elektrischer Strom die Stimme aus dem Gerät ertönen lässt. Das wird den ganzen Tag so weiter gehen: Die Kaffeemaschine frisst genauso Strom wie der Aufzug in die Tiefgarage. Der Motor im Bus des Nahverkehrs verbrennt Diesel, Elektromotoren treiben die U-Bahn mit Strom an. Der PC im Büro, die Neonröhre an der Decke, der Kühlschrank in der Flurküche, das wichtige Telefongespräch, alles schluckt Energie. Übrigens steckt auch jede Menge davon im Brötchen, das der Bäcker im Elektrobackofen knusprig werden lässt, oder im Bleistift, der mit einigem Energieaufwand hergestellt wird. Und selbst wer zur Arbeit läuft, braucht außer der Körperkraft noch ein wenig Energie – weil mit der Zeit zum Beispiel die Schuhe verschleißen. Das neue Paar aber hat ebenfalls Energie gekostet.

Diese Aufzählung ließe sich fast beliebig fortsetzen. Wie viel Energie ein individueller Mensch am Tag oder im Jahr nutzt, lässt sich deshalb nur sehr aufwendig berechnen. Wissenschaftler ermitteln daher lieber, wie viel Energie in einer Region oder einem Land innerhalb eines Jahres insgesamt verbraucht wird. Primärenergiebedarf heißt diese Größe. Besonders praktisch ist dieser Wert, wenn bei seiner Berechnung auch die Energie erfasst wird, die ohne Nutzen für den Anwender verpufft. So wandelt ein Benzinmotor deutlich weniger als 35 Prozent der beim Verbrennen des Sprits frei werdenden Energie in Antrieb für das Auto um, während zwei Drittel den Auspuff und die Umwelt heizen.

13 341 Petajoule Primärenergie waren nach dieser Rechnung in Deutschland im Jahr 2009 fällig. Anfangen können Laien mit solchen Zahlen nichts und auch Fachleute tun sich schwer, wenn sie sich diese Energie vorstellen sollen. Ein wenig mehr sagen da schon die 132 Kilowattstunden Primärenergie aus, die ein Mensch in Deutschland durchschnittlich an einem Tag verbraucht. Strampelt er zehn Stunden lang auf einem Hometrainer, erzeugt er gerade einmal eine Kilowattstunde elektrischen Strom. Demnach müsste jeder Mensch in Deutschland 55 Tage lang pausenlos in die Pedale treten, um die Energie als Strom bereitzustellen, die er an einem Tag verbraucht. Da man aber ab und zu auch mal schlafen muss und noch ein paar andere Bedürfnisse hat, bleibt die verblüffende Erkenntnis, dass jeder Mensch in Deutschland weit mehr als das 55-fache der Energie verbraucht, die er aus eigener Kraft erzeugen könnte.

Statt aus strampelnden Waden kamen 2009 dann auch 35 Prozent der deutschen Primärenergie aus Mineralöl. 22 weitere Prozent kamen aus Kohle und noch mal 22 Prozent steuerte Erdgas bei. Damit aber stammten knapp vier Fünftel der Primärenergie Deutschlands aus fossilen Brennstoffen und trugen somit einiges zum Klimawandel bei. Weitere elf Prozent der Primärenergie lieferten Atomkraftwerke und immerhin fast neun Prozent kamen aus erneuerbaren Quellen wie Holz, Biogas, Windkraftanlagen, Wasserkraft, Photovoltaik, Photothermie und Geothermie. Das restliche Prozent stammt aus weiteren, nicht näher bezeichneten Quellen. Der hohe Anteil fossiler Brennstoffe liegt unter anderem auch am relativ großen Anteil von Heiz- und Wärmeenergie, die Haushalte und Industrie in Deutschland konsumieren. Häuser aber werden nach wie vor meist mit Öl oder Gas geheizt.

Die Situation weltweit sieht nicht viel anders aus. Insgesamt verbrauchen zurzeit 6,8 Milliarden Menschen auf der Erde mit rund 38 5000 Petajoule beinahe das 30-fache der bei den 82 Millionen Menschen in Deutschland anfallenden Primärenergie. Rund 85 Prozent des globalen Energiebedarfs aber wird mit den fossilen Brennstoffen Kohle, Öl und Gas gedeckt. Solche Zahlen sagen aber noch wenig über die tatsächliche Situation, weil der Primärenergieverbrauch in den verschiedenen Regionen der Welt sehr unterschiedlich ist. So kommt auf einen Menschen in einem Entwicklungsland weit weniger als die Hälfte des durchschnittlichen globalen Primärenergiebedarfs, während ein US-Amerikaner oder ein Kanadier das Fünffache dieses Weltdurchschnitts an Primärenergie beansprucht.

Da die meisten Menschen in Entwicklungsländern leben, die in Zukunft ihren Lebensstandard und damit auch ihren Primärenergiebedarf vermutlich weiter steigern werden, dürfte der durchschnittliche Primärenergieverbrauch mittelfristig steigen. Realistisch scheint ein Anstieg um ein weiteres Drittel beim heutigen globalen Primärenergieverbrauch, wenn gleichzeitig alle Möglichkeiten zum Energiesparen ausgeschöpft werden.

Obendrein rechnen die Vereinten Nationen mit einem weiteren Wachsen der Weltbevölkerung, das sich langfristig aber vermutlich abschwächen wird. 2050 dürften um die neun Milliarden Menschen auf dem Globus leben, 2100 könnten es sogar zehn Milliarden sein. Allerdings sind solche langfristigen Schätzungen sehr unsicher. Insgesamt wird der Primärenergiebedarf also deutlich steigen. Besonders stark wird dabei der Stromverbrauch wachsen, der heute weltweit bei etwa 16 Prozent des Primärenergieverbrauchs liegt, 2100 aber bereits 40 Prozent erreichen könnte. Elektrizität aber scheint zunehmend eine Domäne der erneuerbaren Energien zu werden.

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