Energiewende : Die neue Planwirtschaft

Wie wird wohl der nächste Winter werden? Wenn an einem kalten Tag die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, aber die Industrie unter Volldampf produziert – und dann fällt plötzlich ein Großkraftwerk aus? Vielleicht können wir von den Amerikanern lernen, die vor acht Jahren Erfahrungen mit einem Blackout machten. Rund 50 Millionen Menschen waren vom Stromausfall betroffen, Millionen kamen nicht zur Arbeit oder nicht nach Hause, ein Festtag für Plünderer und Diebe.

In Berlin wird es nicht so schlimm kommen, es gibt hier wenig energieintensive Industrie. Anders im Süden Deutschlands, und dort wird es richtig spannend ab 2022, wenn es keinen Atomstrom mehr für Auto- und Papierfabriken, Chemie- und Pharmafirmen gibt. Spätestens dann wird sich zeigen, ob die Energiewende der Regierung ein halsbrecherisches Manöver war, das produzierende Betriebe aus dem Land treibt, die Verbraucher mit enormen Preissteigerungen belastet und dazu auch noch das Klima schädigt, weil der Ersatz der Kernenergie sauber und schmutzig zugleich ist. Es geht nur mit erneuerbaren Energien und zusätzlichen fossilen Kraftwerken, also Gas und Kohle. Aber geht es überhaupt?

Ja. Indem wir weniger verbrauchen, und indem wir mehr Ökostrom produzieren und diesen auch transportieren können. Das klingt banal und ist doch komplex und teuer. Selbst das Sparen. Das größte Potenzial liegt in der energetischen Modernisierung von Gebäuden. Mehr als sieben Milliarden Euro stellte die bundeseigene KfW dafür zwischen 2006 und 2010 als Anreizmittel zur Verfügung. Die gelb-schwarze Koalition reduzierte die Förderung, um sie nun wieder hochzufahren. An dem Beispiel werden zwei Dinge deutlich: Der Schlingerkurs ist schädlich, denn ohne Planungssicherheit keine Investitionen. Und der Steuerzahler spielt eine herausragende Rolle bei der Energiewende, er ersetzt geradezu Marktmechanismen.

Auch bei den Netzen. Es gibt eine Regulierungsbehörde, die den Einsatz und den Preis der Netze steuert. Bisher sind die Netze gewissermaßen Einbahnstraßen, auf denen Ökostrom immer Vorfahrt hat. Doch der Strom kommt zunehmend von allen Seiten und zu allen Zeiten, weil Sonne und Wind sich eben nicht nach Verbrauchsschwankungen richten. Intelligente Netze sollen das ausgleichen sowie neue Hochspannungsleitungen den Windstrom von Norden in den Süden leiten. Damit die Genehmigung für solche Trassen nicht mehr zehn Jahre braucht, erleichtert die Politik Enteignungen und Entschädigungen. Wald- oder Landbesitzer können jetzt mit 40 000 Euro pro Trassenkilometer rechnen. Diese Kosten landen am Ende ebenso beim Stromverbraucher wie die Gehälter der 240 Experten in der Regulierungsbehörde, die sich künftig um Genehmigungen kümmern.

Die Energiewirtschaft ist eben eine gigantische Planwirtschaft. Nach Schätzungen des Umweltministeriums kostet der Ausbau der Erneuerbaren bis 2030 rund 175 Milliarden Euro. Die zahlt der Verbraucher auf der Grundlage des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG). Von Rot-Grün eingeführt, hat das Gesetz zu einem Anteil des Ökostroms von aktuell 19 Prozent geführt. Das ist großartig. Und es geht ja weiter: 2020 werden es mindestens 35 Prozent sein, zehn Jahre später 50 und 2050 gut 80 Prozent. Wenn alle Pläne aufgehen.

Das Besondere dabei: Das Geschäft mit den Erneuerbaren läuft abseits von Markt und Wettbewerb. Es gibt administrativ festgelegte Preise und politisch entschiedene Privilegien für den Ökostrom. Das hat sich auch alles bewährt und kommt doch jetzt an Grenzen. Das EEG-System ist ein Monstrum geworden, fast so kompliziert wie die EU-Agrarförderung, die nur noch ein paar Bürokraten und Lobbyisten verstehen und Absurditäten wie Butterberge und Stilllegungsprämien hervorgebracht hat. Dem EEG und uns Verbrauchern muss man deshalb bald den Schritt auf den Markt wünschen. Nach mehr als zehn Jahren sollte sich der Ökostrom sukzessive dem Wettbewerb stellen. Weil der Markt für Effizienz steht – und berechenbarer ist als die Politik.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben