Zeitung Heute : Energisch sparen

Auch in Zeiten knapper Kassen kann eine Stadt wie Berlin ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten

Klaus Müschen

Die Bedrohung ist nicht mehr zu übersehen. Meeresspiegel werden steigen, Niederschläge werden sich anders verteilen – in manchen Gebieten wird zu viel Regen fallen und fruchtbares Ackerland fortschwemmen, in anderen drohen Dürren. Die Klimaforscher warnen: Wenn die Emissionen der Treibhausgase nicht bald auf einem Niveau stabilisiert werden, das für die Umwelt erträglich ist, wird sich das Leben auf der Erde drastisch ändern. Die landwirtschaftliche Produktivität sinkt, zugleich beschleunigt sich das Artensterben und Tropenkrankheiten nehmen zu. Kurz: Klimaschutz ist und bleibt ein globales umweltpolitisches Ziel.

Weltweit muss der Ausstoß klimaschädlicher Gase um die Hälfte verringert werden – aber bezogen auf die Mengen, die 1990 emittiert worden sind. Das verlangt den Industrieländern noch wesentlich stärkere Anstrengungen ab, damit die Entwicklungsländer eine Chance bekommen, ihren Menschen erträgliche Lebensbedingungen zu schaffen. International hat sich Deutschland mit Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls bis 2010 / 2012 verpflichtet, die Emissionen um 21 Prozent zu senken. Das weiter gehende nationale Ziel bis 2020 wurde mit minus 40 Prozent benannt.

Der Klimaschutz wird zwar global beschlossen, er muss aber an Ort und Stelle umgesetzt werden. Damit wird er zur kommunalen und landespolitischen Aufgabe. Das sehen auch die Gerichte so: Kein Geringerer als der Bundesgerichtshof hat dies im vergangenen Jahr fest gestellt, als er in einem wegweisenden Urteil den Anschluss- und Benutzungszwang für Fernwärme aus der umweltfreundlichen Kraft- Wärme-Kopplung bestätigte („Börnsen-Urteil“, Aktenzeichen: KZR 30 / 00). Was heißt das für Berlin?

Der Berliner Senat hat schon 1994 mit dem Energiekonzept eine Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen um 25 Prozent bis 2010 gegenüber dem Wert von 1990 beschlossen. Umgesetzt wird es durch die Landesenergieprogramme. Die Zahlen für 2001 und 2002 liegen zwar noch nicht vor, doch lässt sich jetzt schon erkennen, dass das Ziel schwer zu erreichen ist. In den ersten Jahren gelang es, die Emissionen um rund 15 Prozent zu verringern. Aber seit 1998 ist die Abnahme wieder geringer. Dabei will Berlin doch auch bis 2020 ein Minus beim Kohlendioxid von 40 Prozent schaffen.

Um das zu erreichen, muss der Anteil erneuerbarer Energien in Berlin massiv ausgeweitet werden. Zudem müssen alle Verbrauchssektoren effizienter mit den eingesetzten Energieträgern umgehen. Dazu gehört auch, dass der Anteil der Kraft-Wärme-Kopplung an der Wärmeversorgung ausgebaut wird.

Was kann man tun? Das Land Berlin hat drei Handlungsoptionen: Als Träger hoheitlicher Aufgaben nimmt es Einfluss auf Planungen, Gesetzgebung und auf andere politische Akteure. Als Bauherr, Käufer von Waren und Dienstleistungen sowie als Verkäufer von Immobilien kann es den rationellen Energieeinsatz vorschreiben. Und nicht zuletzt ist das Land Berlin auch Beispielgeber mit einer Vorbildfunktion für alle anderen Verbrauchssektoren.

Das erfordert große Anstrengungen, zumal wir uns auf die Bundespolitik allein nicht verlassen können: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat festgestellt, dass die nationalen Ziele zum Klimaschutz 2005 verfehlt werden. Auch in Berlin reicht es nicht, so weiter zu machen wie bisher.

Wo wir ansetzen:

Seit 1990 gibt es das Berliner Energiespargesetz und den Energiebeirat. 1992 wurde die Berliner Energieagentur gegründet. Betreiberlösungen für öffentliche Gebäude sind 1992 etabliert worden, seit 1995 fortgeführt mit den erfolgreichen Berliner Energiesparpartnerschaften. Das Energiekonzept Berlin wurde 1994 beschlossen.

Zwar hat das Land seine Anteile an Energieunternehmen verkauft, doch konnten wir mit den Versorgungsunternehmen umfangreiche Kooperationen schließen. Dabei wurden auch Fonds für neue Energietechnologien bereitgestellt. Der Kooperationsvertrag mit der Berliner Wirtschaft zur CO2-Minderung führte zur Gründung der Klimaschutzpartner, einem sehr aktiven Netzwerk für Maßnahmen des Klimaschutzes.

Die Basis für Informationsbörsen wurde ausgebaut: Seit 1998 findet die Messe Solar Energy in Berlin statt, die Berliner Energietage seit 2000. Für Interessierte aus allen beteiligten Branchen gibt es eigene Berliner Angebote: den Berliner Energiedienstleistungsstandard B.E.ST., den Heizspiegel und das Solar-Contracting. Senat und Bezirke gründeten Energiewirtschaftsstellen, um das Management zu verbessern. Am Ostbahnhof steht nun das Energieforum mit dem Internationalen Solarzentrum.

Die Möglichkeiten für das Land, als Marktteilnehmer Einfluss geltend zu machen, dürfen ebenfalls nicht unterschätzt werden: Für den Verkauf von Grundstücken und Gebäuden können Vorgaben zur Energieeffizienz und zum Klimaschutz gemacht werden. Das ist andernorts schon üblich, so verlangen München und Stuttgart um 20 Prozent bessere Werte als sie die Energiespar-Verordnung vorschreibt.

Einen weiteren Hebel besitzen wir mit den Vorgaben für ökologische Beschaffung von Lieferungen und Leistungen einschließlich der Energie. Allerdings müssen wir sie noch effektiver als bisher kontrollieren.

An der Anschluss- und Benutzungspflicht für die umweltfreundliche Kraft-Wärme-Kopplung sollte festgehalten werden. Und mit dem technischen Fortschritt bei stationären Brennstoffzellen für die Strom- und Wärmeversorgung von Haushalten wird es künftig möglich sein, diese Geräte zu virtuellen Kraftwerken zusammenzuschalten. Das daraus erwachsende Energiesparpotenzial muss auch genutzt werden.

Zum Berliner Exportschlager entwickelt haben sich die Energiesparpartnerschaften. Hierbei modernisiert ein fachkundiger Investor die veraltete Heizanlage eines finanzschwachen Interessenten und stellt dem Nutzer die Versorgung in Rechnung. Davon profitieren beide: Neue Geräte senken Verbrauch und Kosten immens. Diese Form des Contractings sollte in den Bezirken flächendeckend eingeführt werden. Zu den klassischen Energiesparmethoden gehört die Wärmedämmung – auch an Miethäusern. Ein durchschnittlicher Energiekennwert von 100 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr (das so genannte Zehn-Liter-Haus) muss als Langfristziel für eine effiziente Sanierung im Gebäudebestand angepeilt werden.

Zum Vergleich: Zurzeit gibt es noch viele Altbauten, die einen Kennwert von 150 bis 170 aufweisen, während Neubauten ohne große Probleme auf 30 bis 50 Kilowattstunden zu bringen sind. Wer sparen will, muss freilich zuerst den aktuellen Bedarf messen. Dazu sind die Energieverbrauchswerte umfassend zu dokumentieren.

Hilfe erhält auch die landeseigene Wohnungswirtschaft bei Energiedienstleistern (nach den B.E.ST.-Richtlinien). Dabei mag manch ein Verantwortlicher erfahren, dass die Solarenergie längst nichts Exotisches mehr ist. Das Motto: „Mehr Sonne in die Stadt!“ wird noch nicht überall befolgt, obschon der Gewinn auf Heller und Pfennig nachvollziehbar ist.

Aufgabe des Berliner ImpulsE-Programms und der Berliner Energietage ist es daher, Vorbildprojekte einem großen Publikum bekannt zu machen. Das gilt auch für die Berliner Erfahrungen etwa bei der ökologischen Sanierung von ganzen Stadtteilen: Das Interesse in anderen Städten ist sehr groß.

Im Verkehrssektor müssen noch viele Potenziale zum Klimaschutz umgesetzt werden: Erdgas beginnt als Treibstoff für Kraftfahrzeuge interessant zu werden, langfristig muss der Umstieg auf Wasserstoff gelingen. Zudem brauchen wir effizientere Verkehrsmittel - das gilt für alle Bereiche. Die Stadtentwicklungsplanung kann helfen, die Verkehrsströme gezielt zu reduzieren.

Ganz generell gilt: Die Verlagerung von Kohle und Öl zu Erdgas ist nur eine mittelfristige Perspektive, langfristig geht es um Wasserstoff, aus regenerativen Quellen gewonnen. Die Volkswirtschaft kann davon nur profitieren: Klimaschutz macht und schafft Arbeit. Diese Effekte müssen aber dargestellt werden.

Doch wie sind die Fortschritte im Klimaschutz zu bewerten? Dazu hat sich ein Fachforum im Agendaprozess Berlin auf Indikatoren geeinigt. Darunter befindet sich ein Wert, der die CO2-Emissionen pro Einwohner und Jahr darstellt, ein anderer gibt den Endenergieverbrauch sowie den Stromverbrauch pro Einwohner und Jahr wider. Zu den weiteren Parametern gehört die installierte Fläche an Solarthermie sowie die Leistung an Fotovoltaik, bezogen auf 1000 Einwohner. Nicht vergessen wurde der Anteil des Stroms aus Kraft-Wärme-Kopplung am gesamten Verbrauch.

Klimaschutz ist und bleibt ein langfristig zu bearbeitendes Handlungsfeld der Umweltpolitik. Zwar werden die Auswirkungen einer von Menschen geschaffenen Klimaänderung sehr langfristig sein und nur verzögert auftreten.

Dennoch – oder besser: gerade deshalb – sind schon heute weitere Minderungen der Treibhausgase erforderlich. Im neuesten Bericht des zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderung (IPCC) heißt es, eine vorausschauende Anpassung mit dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung werde weit weniger Kosten verursachen als eine nur reaktive. Von den Kosten ganz abgesehen, dürfen wir eines nicht vergessen: Wenn die befürchteten Klimakatastrophen tatsächlich auftreten, ist es zum Umsteuern zu spät.

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