Zeitung Heute : Engagement und politisches Denken

Harald Olkus

Vom Maurer zum Pressesprecher bei Greenpeace, vom Forstwirt zum Ausbildungsleiter beim Auswärtigen Amt - im Non-Profit-Sektor sind ungewöhnliche Karrieren möglich. Denn hier geht es eher um Berufung als um einen Beruf. Soziales und politisches Engagement, Überzeugungen und Einsatzbereitschaft sind wichtiger als Profitdenken und stromlinienförmige Lebensläufe. Und es gibt auch weniger Gehalt als in der Erwerbswirtschaft.

Gleichwohl ist das Interesse von Studenten an Jobs und Praktika im Non-Profit-Sektor groß. Die Bewerberzahlen übersteigen die vorhandenen Stellen um ein Vielfaches und Praktikanten sind durchaus bereit, mindestens acht Wochen Vollzeitarbeit für 300 Mark im Monat zu leisten. "Dafür gibt es bei uns vielfältige Mitwirkungsmöglichkeiten", sagt Thomas Schmidt von Amnesty International. Vom Organisieren von Veranstaltungen über Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising bis zur Büroarbeit gehen die Offerten, außerdem könne man sich in Themenbereiche wie Flüchtlinge, Frauen oder verschiedene Länder einarbeiten. Dabei lernen die Praktikanten die Organisation kennen und können sich so schon einmal empfehlen. Etwa 50 hauptamtliche Stellen gibt es bei Amnesty International, durch Fluktuation werde auch regelmäßig eine frei. Auch fachliche Kontakte stellen sich ein. "Wer bei uns ein Praktikum gemacht hat oder sich ehrenamtlich engagiert, hat bei anderen Organisationen gute Chancen", sagt Schmidt.

Politisches Denken ist wichtig

Ehrenamtliches Engagement erleichtert auch bei Greenpeace den Zugang. "Zwingend ist es aber nicht", sagt Pressesprecher Stefan Schurig. Der gelernte Mauer und studierte Architekt kam über die Teilnahme an Aktionen und Kampagnen zu seiner Stelle. Die berufliche Qualifikation und das politische Denken sind wichtig", sagt Schurig. Während bei Amnesty hauptsächlich Politologen gut ankommen, sind bei Greenpeace auch Naturwissenschaftler, Journalisten oder Handwerker gefragt. Laut Schurig gehört Greenpeace zu den zehn beliebtesten Arbeitgebern in Deutschland. Entsprechend viele Bewerbungen laufen dort ein. Greenpeace hat von seinen rund 120 festen Stellen in diesem Jahr 24 neu besetzt und 35 Praktikumsplätze angeboten. Dafür gingen rund 500 Bewerbungen ein, sagt Personalleiterin Ingrid Meyer.

Der Non-Profitbereich wächst, ist aber im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen relativ klein. "Es sind unglaublich interessante Arbeitsplätze", meint Meyer. Ein Problem sei die Qualifizierung. Ausbildungen, die auf den Non-Profitbereich ausgerichtet sind, seien selten, vor allem vor Universitäten werde dies zu wenig berücksichtigt.

Um einen besseren Überblick über das Stellen- und Praktikumsangebot zu schaffen, hat die Interessenvereinigung für Politikwissenschaftsstudierende IPOSS e.V. die Hochschulkontaktmesse "care & contact" organisiert, die ab Mittwoch in der Freien Universität Berlin (FU) stattfindet. Sie ist die erste Messe ihrer Art für den Non-Profitbereich. Die Studenten werden unterstützt vom Carreer Service der FU und dem Hochschulteam des Arbeitsamtes. Auf dem Podium sitzen Vertreter von Organisationen, die sich in den Bereichen Grund- und Menschenrechte, Umweltschutz, Weltwirtschaft und Entwicklung engagieren. "Eigentlich gehören wir als Regierungsorganisation nicht ganz zu diesem Kreis", sagt Volker Edner von der Aus- und Fortbildungsstätte des Auswärtigen Amtes (AA). Aber zum einen gehören die Bundesgesellschaften zu den größten Arbeitgebern im Non-Profitbereich und zum anderen bieten sie Ausbildungs- und Traineeprogramme sowie Arbeitsplätze im Ausland an.

Möglichst drei Fremdsprachen

Die Anforderungen des AA und auch die der GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) sind hoch und klingen eher wie die von Weltkonzernen: möglichst jung, beste Hochschulabschlüsse, vielleicht hat der Bewerber vorher sogar noch einen Beruf gelernt, wünschenswert sind drei Fremdsprachen. Da ist es dann sogar egal, welches Fach man studiert hat, sagt Edner. "Das Studium ist nur Mittel zum Zweck. Wir brauchen Leute, die flexibel genug sind, sich schnell in einen völlig anderen Bereich einzuarbeiten." Nur so könnten sich die Mitarbeiter unter den schwierigen und unbekannten Umständen in anderen Ländern zurechtfinden. Die Nachfrage ist riesig: "Wir stellen jedes Jahr 40 Bewerber ein, an unserem Auswahlwettbewerb haben in diesem Jahr aber knapp 1000 Bewerber teilgenommen."

Daneben hat das AA noch seinen "klassischen Stellenmarkt", in dem traditionell Juristen, Politologen, Historiker und Betriebswirte gefragt sind. Bei der GTZ gibt es ein weit reichendes Nachwuchsprogramm. Für Studenten werden dreimonatige Praktika im Inland oder Hospitationen im Ausland angeboten, daneben gibt es ein Projektassistenten-Programm für Berufseinsteiger. In zweijährigen Trainee-Programmen sollen sie als Führungskräfte ausgebildet werden.

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