Zeitung Heute : Entenhausen liegt gleich nebenan

Der Tagesspiegel

Von Lars von Törne

Soll es Goofy mit dem löchrigen Surfbrett sein, der auf dem Titel für die Sommerserie wirbt? Donald in der Wüste? Oder doch lieber Micky auf Wasserskiern. Zehn Redakteure sitzen um einen runden Konferenztisch im sechsten Stock des Ehapa-Verlagshauses in der Wallstraße in Mitte, trinken Kaffee aus Micky-Maus-Tassen und mustern Entwürfe, die Artdirector Sigi Hepner in die Höhe hält. Wägen ab, welcher Bildwitz sich schnell genug erschließt und was man jungen Lesern zumuten kann. Am Ende gefällt allen das Bild von Donald am besten, der am Strand in der Sonne döst – während Tick, Trick und Track eine Krabbe über seinem Gesicht baumeln lassen.

Peter Höpfner ist zufrieden mit der Wahl. Seit Anfang des Jahres ist der 32-Jährige Chefredakteur der deutschen Disney-Comics. Vor kurzem war er noch Lokalreporter von Springers „Morgenpost“. Jetzt ist er unter anderem dafür verantwortlich, welches Bild Woche für Woche Titelfoto des größten Comic-Magazins der Welt wird, der „Micky Maus“.

Wer beim Besuch der Redaktion Dutzende von Zeichnern erwartet, die von morgens bis abends bunte Bildgeschichten aufs Papier bringen, hat sich getäuscht. „Wir bekommen regelmäßig einen dicken Stapel Geschichten von der Verlagszentrale in Kopenhagen, aus denen wir auswählen, was uns gefällt“, sagt Höpfner. Das einzige, was in Berlin gezeichnet wird, sind Entwürfe für Titelbilder. Die Reinzeichnung übernimmt dann jedoch wiederum ein Illustrator in Holland. Daneben entwickeln Höpfner und sein Team auch Ideen für eigene Geschichten, die ebenfalls im Ausland umgesetzt werden. „Es gibt nur wenige Zeichner, die die Feinheiten des typischen Disney-Stils hinbekommen“, sagt der Chefredakteur. Immerhin: Die Worte, die den Figuren in die Sprechblase gelegt werden, kommen von Höpfner und seinem Team. „Diese Texte zu übersetzen, macht enormen Spaß – und es ist verdammt schwierig, den richtigen Ton zu treffen.“

Gemeinsam mit Comic-Chef Joachim Stahl, der beim Umzug vor einem Jahr am alten Verlagsstandort Stuttgart geblieben ist, ist Höpfner für die Sprache der Entenhausener verantwortlich. Eine Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne: „Wir versuchen, eine moderne Sprache zu finden, die sich aber nicht zu sehr an den Jugend-Slang anbiedert“, sagt der Chefredakteur. „Das Wort ,geil’ wird es in der Micky Maus nicht geben, ,cool’ oder ,fett’ schon.“

Unter Höpfners Regie erlebt die traditionsreiche Zeitschrift derzeit die größte Frischzellenkur seit zehn Jahren, im Fachjargon Relaunch genannt. Der gesamte redaktionelle Teil, der neben den klassischen Comic-Strips etwa 40 Prozent des Heftes ausmacht, erscheint ab dieser Woche in neuer Form, mit mehr Seiten und mit neuen Inhalten. „Wir wollen das Magazin noch relevanter für Kinder machen“, sagt Höpfner und zeigt auf eine große Pinnwand in der Micky-Maus-Redaktion. Hier hängen bunte Seiten voller Informationen, Fotos, Witze und redaktioneller Texte über Themen, die Kinder um die zehn Jahre so interessieren: „Cooles Wissen“, mit dem man seine Freunde verblüffen kann, witzige Geschichten aus aller Welt, Spiele- und Fernsehtipps, kuriose Jahrestage, Geschichten über Tiere, Achterbahnen oder Popstars, Scherze, die man Lehrern oder Eltern spielen kann. „Ein ,Spiegel’ für Kinder“, sagt Höpfner.

Er hat sichtlich Spaß daran, seine Tageszeitungserfahrung auf die bunte, kurzweilige Welt der Micky Maus zu übertragen. „Hier können wir Themen fast so plakativ behandeln wie bei einer Boulevardzeitung.“ Berichte über Fußball und Formel 1, den Maifeiertag oder die Bundespolitik. Und wenn im Herbst Bundestagswahl ist, wird auch in Entenhausen der Bürgermeister gewählt: „Was in der Welt passiert, passiert auch in Entenhausen.“ Höpfner und sein Team wollen das Heft wieder zu einem „must“ für Kinder machen. Etwas, worauf nicht verzichten kann, wer auf dem Schulhof mitreden will.

Genau da lag in jüngster Zeit das Problem: Immer mehr kleine Leser konnten sehr gut auf Micky Maus verzichten. Gingen in früheren Jahren schon mal 700 000 bis eine Million Hefte pro Woche über die Ladentische, hat sich die verkaufte Auflage nach Verlagsangaben jetzt bei rund 500 000 Exemplaren eingependelt. „Wir stehen beim Taschengeld der Kinder in starker Konkurrenz zu Computerspielen und Gameboys“, sagt Jörg Risken (34), Marketing-Leiter der Zeitschrift. „Mit dem Relaunch wollen wir jetzt wenigstens die Leserzahlen stabil halten.“ Wenn Höpfner und Risken von ihrer Arbeit erzählen, merkt man schnell, dass sie nicht nur ein x-beliebiges Produkt an die junge Kundschaft bringen wollen. Die idyllische, witzige und wertkonservative Welt von Micky, Goofy und Donald gefällt ihnen offenbar auch persönlich ganz gut. „Entenhausen verkörpert etwas, mit dem ich mich persönlich identifizieren kann: Hier siegt immer das Gute“, sagt der Geschäftsmann Risken ernst. Und Chefredakteur Höpfner, dessen Lieblingsfigur seit Kindertagen der vom Schicksal gebeutelte Donald Duck ist und der sich noch heute königlich über dessen Abenteuer amüsieren kann, sagt: „Entenhausen ist eigentlich nur einen Fußmarsch entfernt.“

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