Zeitung Heute : Enthemmt im Rausch

Der Wiener Walzer galt einst als revolutionär und wurde deshalb vielerorts verboten

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Er ist von keinem Ball wegzudenken, am wenigsten vom Wiener Opernball und auch nicht von den anderen „Wiener Bällen“, die seit geraumer Zeit in aller Welt eine Renaissance feiern. Dabei ist kaum einem Tanzenden bewusst, dass dieser Tanz wie kein anderer in der Weltgeschichte für eine Revolution steht – die große bürgerliche Revolution, die nach 1789 in Frankreich auch die europäischen Nachbarn erfasste. Der Tanz war vielerorts im 18. und 19. Jahrhundert verboten, um so mächtiger aber setzte er sich durch. Zuvor war es undenkbar gewesen, dass Mann und Frau sich beim Tanzen eng umfassen. Dass das Publikum bei den schwingenden Bewegungen gar die Knöchel der Frauen sehen konnte – unfassbar in der damaligen Zeit.

Es ist heute nur schwer zu verstehen, dass der Wiener Walzer, bei dem sich die Menschen scheinbar wie ein großes Kollektiv im Gleichschritt drehen, einst als individualistisch angeprangert wurde. Genau dies war der eigentliche Kern der Revolution, politisch und gesellschaftlich. Die Paare, die sich als Individuen finden, gehen dem individuellen Bedürfnis nach, sich auf der Tanzfläche dem Rausch hinzugeben. Noch mehr: Der Wiener Walzer hob den Gegensatz der Stände auf. Individuelle Freiheit und Gleichheit, es waren die zentralen Themen der damaligen Zeit, die sich im Wiener Walzer fokussierten und es ist deshalb nicht verwunderlich, dass er als Ausdruck dieser gewaltigen historischen Veränderung Ziel obrigkeitlicher Verbote wurde.

Das höfische Menuett der vorrevolutionären Zeit mit seinen festgelegten Schrittfolgen hatte dem Individuum keinen Spielraum gelassen, vor allem fehlte diesem Tanz gänzlich die Enthemmung des Walzers. Bei ihm legen die Tänzer ihre gesellschaftliche Rolle ab, sobald sie die Tanzfläche betreten, der soziale Status wird bedeutungslos.

Der Walzer hat seine Vorfahren in Volkstänzen. Auch sie wurden oft verboten, was sie wahrscheinlich am Leben hielt. Anfang des 20. Jahrhunderts, der Walzer hatte längst keine Gegner mehr, da kam er gänzlich aus der Mode, wurde fast vergessen. Erst 1951 wurde er wiederentdeckt und findet sich seither auf allen Tanzturnieren – und Bällen. os

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