Enthüllungsreport : Die Geheimnisse meines toten Nachbarn

Unser Autor hat eine fremde Wohnung entrümpelt, er fand Verstörendes: Sprengstoff, Nacktfotos – und eine geschändete Thorarolle. Rekonstruktion einer Familiengeschichte.

So hat sich der Nachbar gern selbst fotografiert - hier ausnahmsweise von hinten in der Eingangstür seines Wohnhauses mit Blick auf das Tübinger Neckarufer.
So hat sich der Nachbar gern selbst fotografiert - hier ausnahmsweise von hinten in der Eingangstür seines Wohnhauses mit Blick...privat

Wir saßen am Frühstück, es war der zweite Weihnachtsfeiertag, und wir hatten gerade „hoch soll er leben, 13 Mal hoch!“ gesungen. Denn unser Sohn feierte Geburtstag. Als es an unserer Wohnungstür klingelte.

Vor der Tür stand eine unbekannte Frau, in der Hand eine Bäckertüte mit frischen Brötchen, und sie sagte: „Können Sie bitte die Polizei rufen, mit Herrn Mayer stimmt etwas nicht. Er macht nicht auf. Er ist sonst sehr zuverlässig.“ Während meine Frau die Polizei anrief, lief ich im Treppenhaus ein Stockwerk höher und klingelte. Aber nichts rührte sich. Herr Mayer lag, das sah ich, als die Feuerwehr schließlich die Wohnungstür geöffnet hatte, nackt auf dem Fußboden und war tot. „Herzinfarkt“, diagnostizierte die Notärztin. Herr Mayer, mein Nachbar, war 66 Jahre alt geworden.

Gegen Mittag war schließlich der Bestatter eingetroffen, da waren Polizei, Feuerwehr, Notarzt und die Frau mit den Brötchen schon wieder verschwunden. Auch der Bruder von Herrn Mayer, der von der Polizei informiert worden war, hatte nur kurz vorbeigeschaut, einen Blick auf den Toten geworfen und etwas gemurmelt von „nichts mit dem zu tun“. Dann war er schnell wieder gegangen. So stand ich allein mit dem Bestatter vor dem Leichnam auf dem Fußboden und half ihm, den 125 Kilogramm schweren Körper in einen Leichensack zu schieben. Anschließend schleppten wir ihn auf einer Trage vom dritten Stock hinunter zur Straße.

Meine Familie und ich waren erst drei Monate vorher in das Haus am Tübinger Neckarufer eingezogen. Wir hatten das große, alte Gebäude zusammen mit Freunden gekauft. Herr Mayer, der ältere Mieter in der Wohnung über uns, war mir nur ein paar Mal im Treppenhaus begegnet. Er wohnte allein auf 170 Quadratmetern, ein Zimmer seiner Wohnung hatte er an eine Studentin untervermietet. Herr Mayer war mir unsympathisch. Er grüßte nur mürrisch und suchte ständig Streit. Einmal hatte ich seinen Besen im Keller benutzt und mit den Borsten nach unten wieder abgestellt. Ein anderes Mal störte ihn ein Stuhl, den ich in die Gartenlaube stellte. Das sei seine Laube. Er schrieb mir einen vorwurfsvollen Brief, ich wisse wohl nicht, „was man unter guter Nachbarschaft“ verstehe.

Der Nachlassverwalter der Stadt, der immer dann gerufen wird, wenn keine Angehörigen auffindbar sind oder diese das Erbe ablehnen, scannte wenige Tage später die mit Schränken vollgestellte Wohnung. Mit dem Blick eines erfahrenen Viehhändlers suchte er nach allem, was noch einen gewissen Wert versprach. Schließlich verschwanden eine Handvoll Schmuck und die Autoschlüssel in seiner Aktentasche. „Mehr ist da nicht“, sagte er, „den Rest können Sie entsorgen.“ Dafür sei der Staat nicht zuständig.

Aus den Schränken quoll alte, muffelige Wäsche. Eines der Zimmer hatte Herr Mayer als Werkstatt für Modellbau genutzt. Er war Elektromeister und seit vielen Jahren arbeitslos. In seiner Freizeit baute er maßstabsgetreu Panzer, U-Boote und Kampfhubschrauber nach. Überall lagen Kabel herum, in einer Ecke stand, sauber nachlackiert, eine entkernte amerikanische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg.

Der Vater 1941 in einem Krakauer Lazarett.
Der Vater 1941 in einem Krakauer Lazarett.privat

Die Weihnachtsferien verbrachte unsere Hausgemeinschaft vorwiegend mit dem Ausräumen seiner Wohnung. Wir trennten Elektroschrott vom Alteisen, warfen die Pornofilme in den Sack für recycelbaren Müll und verschenkten die Möbel. Als wir mehrere, in Plastik eingeschweißte Päckchen fanden, holten wir einen Sprengstoffexperten, der das Kaliumpermanganat und das Magnesiumpulver sachgerecht entsorgte. Herr Mayer war offenbar ein Waffennarr, alle Bücher, die wir fanden, handelten von Krieg und Kriegsgeräten. Die Menge an Sprengstoff, sagte der Experte, hätte genügt, unsere Straße in die Luft zu jagen.

Herr Mayer hatte fast sein ganzes Leben in diesem Haus verbracht. Er war noch ein Kind, als seine Eltern einzogen. Eine eigene Wohnung nahm er nie, er blieb unverheiratet. Als seine Eltern starben, wechselte er nur vom Kinderzimmer in das Ehebett seiner Eltern. Alfred und Hedwig Mayer, die Eltern, hingen als Ölporträts an der Wand des Wohnzimmers. Mit ausdruckslosen Gesichtern schauten sie auf eine Landschaftstapete mit Gebirgssee vor Herbstwald. Vater Alfred, abgebildet in der Uniform eines Wehrmachtssoldaten, dekoriert mit dem Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse mit Schwertern, Mutter Hedwig in Zivil.

Wir nahmen die Bilder von der Wand und sahen auf die Rückseite. Der Maler hatte als Leinwand für beide Porträts das Pergament einer Thorarolle verwendet. Ein Doppelbild: vorne der Nazi, hinten das zweite Buch Mose, Exodus, Kapitel 34: Vor deinem ganzen Volk werde ich Wunder wirken, wie sie auf der ganzen Erde nie geschehen sind. Das Dokument einer Demütigung.

Nur wenige hundert Meter von unserem Haus entfernt, in derselben Straße, liegt der Platz der ehemaligen Tübinger Synagoge. In der Reichspogromnacht ging das jüdische Gotteshaus in Flammen auf, Tübingen, die Stadt des Geistes, war schon früh dunkelbraun. Augenzeugen berichteten, dass die Einrichtung und Kultgegenstände der Synagoge in den Neckar geworfen wurden. Alfred Mayer hatte zu dieser Zeit keine Funktion in der NSDAP. Er war damit beschäftigt, zusammen mit seinem Bruder Fritz ein Elektrogeschäft als „Lichtgestalter und Radiospezialist“ in Tübingen aufzubauen. Dafür, dass er bei der Schändung der Synagoge anwesend war, gibt es keine Belege.

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