Zeitung Heute : Entlassen oder was?

Der Tagesspiegel

Von Thomas Loy

Gewerkschafter Norbert Kolm hat vor kurzem seinen fünften Sozialplan hinter sich gebracht. Diesmal sollen 113 Leute entlassen werden. Im „Paket“ des „Sanierungstarifvertrages“ ist auch ein neues Arbeitsmodell enthalten – Gruppenarbeit mit Prämienlohn – und flexiblere Arbeitszeiten, das heißt: Überstunden werden nicht mehr bezahlt, sondern übers Jahr ausgeglichen. „Wir bauen den Betrieb um“, sagt Kolm. Mal wieder. Der Betrieb heißt Pierburg, baut für Opel Motorteile, und ist laut Kolm der letzte große Metallverarbeiter im Wedding. Trotz „Sanierungstarifvertrag“ könne von akuter Krise keine Rede sein. Die Kennzahlen für Umsatz und Investitionen stimmen, nur braucht man für die Fertigung einfach immer weniger Leute. In das vereinte Deutschland ging man noch mit 1600 Kollegen, nach 12 Jahren ist die Belegschaft auf rund 500 geschrumpft. Es gibt Recherchen, die sind einfach deprimierend. Wir wollten wissen: Auf was für Ideen kommen Berliner Unternehmen, um Personalabbau zu verhindern? Wir dachten an Job-Sharing, Genossenschaftsmodelle, Beteiligung der Mitarbeiter, flexible Arbeitszeit. Wir stellten fest: Allgemeine Ratlosigkeit. Zwar lassen sich Berliner Unternehmer viel einfallen, aber entlassen wird trotzdem. Im Fall Pierburg klingt das so: Immerhin, so Betriebsratsvorsitzender Kolm, habe man mit den Sozialplänen Schlimmeres verhüten können. Auf jeden Fall das Schlimmste: die Schließung. Fragen wir mal in der Bauwirtschaft nach. Keine gute Idee, findet Rolf Sterzel, Geschäftsführer der Fachgemeinschaft Bau. Eine Baufirma, die nicht entlasse, sei so etwas wie die „Eierlegende Wollmilchsau“. 500 bis 700 Arbeitsplätze würden sich jeden Monat in Luft auflösen. „Intelligente Modelle zum Erhalt von Arbeitsplätzen setzen ja voraus, dass zumindest Aufträge da sind.“ Höchstens Hochtief, sagt ein Gewerkschafter. Da sei es bis vor kurzem noch ganz gut gelaufen. Hochtief-Betriebsrat Wolfgang Bodenstedt klingt da weniger optimistisch. Erst im Februar hätten 60 Beschäftigte gehen müssen, im Mai 2001 seien es 100 gewesen – trotz eines innovativen Arbeitszeitmodells: Wer auf einer Baustelle rackert, kann bis zu 150 Überstunden ansparen, die irgendwann im Winter abgebummelt werden. Schöne Sache für beide Seiten, aber „nützt alles nichts, wenn keine Aufträge reinkommen“, sagt Bodenstedt. Gucken wir mal in die Chemie. Der soll es ja noch ganz gut gehen. Der Dame von der IG Chemie fällt ad hoc Schering ein, und tatsächlich läuft dort alles bestens. Im vergangenen Jahr wurden sogar 326 neue Arbeitsplätze geschaffen – insgesamt sind es nun stolze 6041. Man habe sich ein „Produktivzeitmodell“ zugelegt, sagt Pressesprecher Robert Ungnad. Je nach Auftragseingang wird viel oder wenig gearbeitet – so dass übers Jahr gerechnet genau 37,5 Stunden herauskommen. Das Modell sei aber eigentlich nicht wegen der vielen Arbeitslosen eingeführt worden, sondern um wettbewerbsfähig zu sein und die „Ressourcen sinnvoll zu nutzen.“ Die zusätzlichen Arbeitsplätze gingen vor allem auf die gute Auftragslage zurück. Ähnlich verhält es sich beim Erfolgsmodell BMW. Weil Motorradfahrer ihre Maschinen gerne im Frühjahr kaufen, um die Saison voll ausfahren zu können, fällt in den ersten Monaten des Jahres besonders viel Arbeit an. Deshalb schloss man schon 1996 eine „Standortvereinbarung“, und zwar zum „gegenseitigen Vorteil“, sagt Betriebsratschef Rainer Knirsch. Im ersten Halbjahr wird in der Montage an sieben Samstagen gearbeitet – ohne Zuschläge. Dafür gilt von August bis Dezember die Vier-Tage-Woche. Und: In den Betriebsferien werden pro Woche nur vier Tage als Urlaubstage angerechnet. In der Summe bleiben die BMW-Leute sogar unter der tariflich vorgeschriebenen 35-Stunden-Woche. Das Geschäft mit den BMW-Zweirädern brummt. Es wurden Fertigungskapazitäten ausgeweitet und innerhalb von 4 Jahren 800 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen – „einige hundert“ davon möchte Knirsch dem Modell der flexiblen Arbeitszeit gutschreiben. „Da haben wir was gekonnt.“ Schering und BMW, das sind natürlich global players, vom Berliner Nullwachstum kaum betroffen. Was macht aber der Mittelstand? Achim Rothe von der IHK weiß von einer Firma, die sich vehement gegen Personalabbau wendet und keinen Betriebsrat braucht: Bartelt & Sohn, Flachglasveredler aus Marienfelde. Der Chef, Knut Horn, sagt Ungewöhnliches: „Ich halte gar nichts von Entlassung“ – die Mitarbeiter auch nicht, also bleiben alle 120 an Bord, obwohl es seit vergangenem Herbst nicht mehr ganz so rund läuft wie bisher. Die Vereinbarung zur Jobsicherung wurde schon vor sechs Jahren geschlossen: Überstunden werden auf einem Konto gutgeschrieben. Sind sie bis Mitte des Jahres nicht abgebummelt, werden sie ausbezahlt. Nicht überaus originell, die Regelung, aber effektiv. Im Übrigen entwickele man laufend neue Produkte, passe sich dem Markt an und lasse Unternehmensberater das Haus durchleuchten, sagt Horn. Das sind wohl die wirksamsten Arzneien gegen Personalabbau.

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