Zeitung Heute : Entscheidende Positionen wurden neu besetzt - aber nicht alle

Ulrike Simon

Wie bereits in einem Teil unserer Mittwoch-Ausgabe berichtet, entschied der Aufsichtsrat des Axel Springer Verlages am Dienstagabend, dass "Welt"-Chef Mathias Döpfner bereits am 1. Juli, also zur nächsten Hauptversammlung, Vorstand Elektronische Medien/Multimedia wird. Überraschend kam die Nachricht, dass Christian Delbrück, 55, schon seit langer Zeit der Kritik ausgesetzt, im Zeitschriftengeschäft sei keine Bewegung, ausscheiden wird. Abgelöst wird er vom 18 Jahre jüngeren Andreas Wiele, der von Gruner + Jahr USA in den Springer-Vorstand wechselt. Wiele kommt mit Döpfners Unterstützung zu Springer. Beide waren früher Assistenten von G + J-Vorstandchef Gerd Schulte-Hillen.

Döpfner, der seinen "Welt"-Erfolg nicht zuletzt dem Vorstandsvize Claus Larass zu verdanken hat und der sich von Anfang an mit seinem Online-Engagement hervortat, bekommt also nicht das Zeitungsressort von Larass, auf das er bereits ein Auge geworfen hatte.

Vor allem wird Döpfner aber großes Interesse an der so genannten "blauen Gruppe" nachgesagt, neben der Tageszeitung "Welt" also auch "Welt am Sonntag". Das Liebäugeln dürfte jedoch vergeblich gewesen sein. Auch wenn neben Döpfner und mit ihm Großaktionär Leo Kirch "WamS"-Chef Kai Diekmann gern an der Spitze von "Bild" gesehen hätten. Döpfner mehr aus Gründen der Karriereplanung, Kirch aus (partei-)politischen Gründen, ist Diekmann doch linientreuer als etwa der derzeitige "Bild"-Chefredakteur und Mundharmonika spielende Blues-Liebhaber Udo Röbel. Zudem kränkelt die "Bild"-Auflage, was nicht nur mit den Druck- und Vertriebsschwierigkeiten seit dem Brand der Kettwiger Druckerei, sondern mit dem allgemein schwachen Markt der Boulevardblätter zusammenhängt. Die Überlegung liegt also nah, den "Bild"-erfahrenen Diekmann, der die "WamS" sehr erfolgreich führt (und zwar mit weniger Marketinginvestitionen als Döpfner die "Welt"), zu "Bild" zu hieven.

Allerdings stellt sich die Frage, warum Diekmann nach nur anderthalb Jahren ein von ihm erfolgreich geführtes Blatt verlassen soll, bei dem er je nach Bedarf "Spiegel", "Stern", "Bunte" oder "Bild" spielen kann. Warum sollte er sich diesen Spaß nehmen lassen, zumal ihm "Bild" keinen Erfolg garantieren kann und er noch nicht bewiesen hat, bei "WamS" auch kontinuierlich Erfolg zu haben. Abgesehen davon hat Diekmann bisher noch keinelei Anzeichen von Internet-Euphorie gezeigt. Die "WamS" hat nach wie vor keinen Online-Auftritt, verweist lediglich auf "Welt Online". Dagegen setzt Springer größte Hoffnungen auf das neuartige "Bild"-Online. 30 Leute werkeln direkt neben dem "Bild"-Produktionsraum an Deutschlands größtem Internet-Portal in spe, das durch den Gang an die Börse eine noch bessere Melkkuh als die "Bild"-Mutter werden soll. Dieses "Projekt Z" läuft unter Federführung von "Bild"-Chef Röbel. Den Arbeitsfluss zu unterbrechen und noch dazu mit einem Wechsel an Deutschlands auflagenstärkster Zeitung für öffentlichen Wirbel zu sorgen, wäre wenig sinnvoll.

Bleibt die Frage, ob die Verjüngung des Vorstands die Springer-Räder schneller zum Laufen bringt, welche Personalentscheidungen der Vorstand auf Chefredakteursebene fällen wird - und wann, vor allem wer Vorstandschef August A. Fischer ablöst.

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