Zeitung Heute : Entscheidungen treffen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Andreas Austilat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Groß werden kann wirklich verdammt hart sein. Neulich zum Beispiel, da kam die Kleine vollkommen fertig aus der Schule. Wollte nichts essen, ist dann ziemlich schnell auf ihrem Zimmer verschwunden. Was ist passiert? Ist sie verhauen worden? Hat ein Junge sie geärgert? Hat sie eine Lernerfolgskontrolle in den Sand gesetzt – so nennt man die Arbeiten bei den Erstklässlern. Nein, nichts von alledem. Es war noch ärger. Vanessa sammelt keine Diddl-Mäuse mehr!

Das ist wirklich ernst: Vanessa zählt zu ihren besten Freundinnen. Und Diddl war im vergangenen Jahr der Schulhofhit, eine gezeichnete Maus mit großen Füßen und ebenso großen Ohren, die irgendein geschäftstüchtiger Mensch auf Schreibblöcke druckt und die dann vor allem unter Mädchen gesammelt und getauscht wird. Ich kenne keinen erwachsenen Menschen, der sich erklären kann, warum. Der Kleinen ist das schnurz. „Diddl ist niedlich“, sagt sie. Und deshalb hat sie auch monatelang immer wieder ihren Ordner mit den Sammelhüllen in die Schule geschleppt. Obwohl das Ding inzwischen schon so dick ist, dass sie es kaum noch heben kann. Was aber soll sie denn jetzt mit Vanessa anfangen? Muss man doch auch mal so sehen: Da bahnt sich womöglich eine Entscheidung an. Vanessa oder Diddl?

Abends ging es dann wieder ganz gut, sie hat auch was gegessen, und ich habe ein bisschen mit ihr im Diddl-Ordner geblättert. Leider hat sie schnell gemerkt, dass ich auf diesem Gebiet nicht zum Gesprächspartner tauge, weil ich Pimboli nicht von Arkatobo unterscheiden kann, auch zwei Gestalten aus dem Diddl-Kosmos.

Am nächsten Tag soll sie nach der Schule wieder sofort nach oben auf ihr Zimmer gestürmt sein – hat mir ihre Mutter berichtet. „Lass mich“, soll sie gesagt haben. Dann hat sie sich aufs Bett gelegt und einfach nur die Decke angestarrt. Und natürlich wollte sie wieder nichts essen. Was passiert ist? Charlotte sammelt nicht mehr. Und oberhalb der dritten Klasse ist die Schule nahezu Diddl-frei. „Warum nur“, hat sie gesagt, „Diddl ist doch so süß“. Am Abend hatte sie sich wieder ganz gut gefangen. Sie sieht die Sache jetzt ganz pragmatisch. Es bleiben ja noch Katja, Emma, Anouk und Sarah – die sammeln. Trotzdem, die Zeichen der Krise sind unübersehbar. Wenn ich der Diddl-Drucker wäre, ich würde mir Riesensorgen machen. Nicht wahr, was da alles dran hängt, auch ökonomisch. Ich habe meiner Tochter jedenfalls geraten, langsam schon mal daran zu denken, die Sammlung abzustoßen. So lange sich jemand noch dafür interessiert. Okay, war vielleicht ein bisschen unsensibel.

Trotzdem, es ist wohl so, groß werden heißt immer wieder Abschied nehmen. Und auch wenn sich unser Mädchen noch ein wenig dagegen wehrt, sie lernt es gerade. Darum sage ich schon mal: Leb wohl, kleine Diddl-Maus.

Wer gerade ein Mitbringsel für ein kleines Mädchen sucht: Die Diddl-Maus könnte inzwischen riskant sein. „Dogz“, kleine Plastikhunde mit Riesenköpfen, könnten ein Treffer sein. Der Hit sind aber Nici-Stofftiere mit Anhänger, die an Ranzen oder Federtasche befestigt werden.

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