Zeitung Heute : Entsorgt wird nach unten, unterrichtet wird ohne Qualitätskontrolle

Der Tagesspiegel

Von Hermann Horstkotte

Alle Wolkenkuckucksheime deutscher Schulpolitiker sind am 4. Dezember mit Veröffentlichung der Pisa-Studie über das international dürftige Leistungsniveau unserer 15-Jährigen zusammengestürzt. Während viele Fachleute noch rätseln, warum die Deutschen bei der Lesekompetenz sowie im Verständnis von Mathematik und Naturwissenschaften im letzten Drittel der Industrieländer landen, benannte ein Experte auf einer Fachtagung der Kultusministerkonferenz mutig die Ursachen: Helmut Fend, zwanzig Jahre Pädagogik-Professor in Deutschland, inzwischen in Zürich und einst Schüler in Österreich.

Fend markiert sechs Todsünden des deutschen Schulsystems: Es fördert mit seinen Verzweigungen von der Hauptschule bis zum Gymnasium eine „Entsorgungsmentalität nach unten“. Die Schwächeren werden von der höheren in die nächst niedere Schule verwiesen; abstoßen heißt die Devise, wo Förderung angesagt wäre.

Statt der Schüler werden Lernstoffe unterrichtet, die vorwiegend für das Kurzzeitgedächtnis bis zur nächsten Klassenarbeit geeignet sind. In den Klassenarbeiten ist viel zu viel Expertenwissen gefragt und viel zu wenig grundlegendes Orientierungswissen. Lernen braucht Zeit, aber die Schulstunden sind am Tag, über die Woche und das Jahr zu stark komprimiert.

Schließlich fehlt der deutschen Schule eine öffentliche Qualitätskontrolle – im Unterschied etwa zu Zürich, wo jeder Lehrer während sechs Unterrichtsstunden von Vertretern der „Schulgemeinde“, also den Eltern, begutachtet wird. „Bei uns“, ergänzt Renate Hendricks als Vorsitzende des Bundeselternrates, „ist Unterricht immer noch ein Stück Intimsphäre oder Hoheitsgebiet des Lehrers und eine laufende externe Evaluation längst überfällig.“ Kritik von außen an der einzelnen Schule oder ihren Lehrern ist meist noch tabu, aber es fehlt auch an einer Selbstkorrektur von innen, sagt Fend. Die Pisa-Studie mit ihren offensichtlich überraschend schlechten Ergebnissen sei der beste Beweis für die „kollektive Selbsttäuschung“ der Pädagogen.

Jürgen Baumert, Leiter der deutschen Pisa-Erhebung, belegt die Fehleinschätzung statistisch: Ein Viertel aller Schüler ist auffällig leseschwach; 88 Prozent dieser Risikogruppe waren aber nach Vormeinung ihrer Lehrer nicht schwach. Schließlich lähme die „Gleichversorgungsorientierung“ den Leistungswettbewerb unter den Schulen, so Fend: „Vor Ort muss und kann der Schulleiter nur die planmäßige Versorgung mit Stellen, Räumen und Ausstattung sichern, aber nicht die Lehr- und Lernleistung verbessern.“

Fend nennt seine Thesen „Provokationen“, als ob man gegen die Missstände nur noch provokatorisch, aber nicht ernstlich reformatorisch auftreten könne. So auch der Widerhall unter den Zuhörern, zumeist amtliche Bildungsverwalter und Verbandsvertreter: viel Heiterkeit während des Vortrags, Glückwunsch zum gelungenen Auftritt als Tabubrecher, dann aber verbreiteten sie im Verlauf der Tagung weiter die festgefügten Positionen. Für Eva-Maria Stange, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kommt eine zwingende Lehrerfortbildung wie etwa in Österreich und der Schweiz nicht in Frage, auch nicht im Bereich der elektronischen Medien. Lebenslanges Lernen ist für alle angesagt, aber offenbar nicht für Lehrer. Peter Heesen vom Deutschen Beamtenbund (und Philologenverband) nennt sogar eine Flexibilisierung des „Beschäftigungsverhältnisses“ mit negativen Sanktionen für Leistungsverweigerer abwegig.

Überhaupt sei weniger die Schule als vielmehr die vorschulische Entwicklung in den ersten fünf oder sechs Lebensjahren für den späteren Lernerfolg oder Misserfolg maßgeblich. In dieser Erkenntnis waren sich die meisten Schulexperten in Bonn einig. Deshalb ihre Hauptforderung: Jedem Kind müsse im Sinne der Chancengleichheit ein gebührenfreier Platz im Ganztags-Kindergarten gewährt werden. Danach soll es dann eine bessere Grundschule besuchen. Kindergärtnerinnen, fordert Stange, sollen künftig ein Universitätsstudium wie Grundschullehrer absolvieren. Noch nie sprachen Sekundarschullehrer in so hohen Tönen über Kindergarten und Grundschule wie heute. Womit gesagt ist: Was in den ersten acht Jahren versäumt wurde, das kann auch bis zum 15. Lebensjahr nicht mehr einfach ausgebügelt werden. „Wir übernehmen Verantwortung für Pisa, obwohl wir nicht schuld sind“, erläuterte die GEW-Vorsitzende Stange.

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