Zeitung Heute : Entspannen im Sandraum

Stefan Quante

Der Wüstensand schmiegt sich warm an den Körper. Der Tag beginnt, und erstaunlich schnell wird aus dem Dämmerlicht des Morgens gleißender Sonnenschein. Trotzdem steigt die Temperatur nicht über 28 Grad und die UV-Strahlung ist auch eher schwach zu nennen. Zur Rechten ein spitzes Holztor wie aus einem jordanischen Wüstenpalast. Und gleich dahinter beginnt der Spessart. Die halbstündige Wüstenillusion im Sabbiamed genannten Sandraum gehört zum Angebot des orientalisch gestalteten Vital Resorts im Schlosshotel Weyberhöfe vor den Toren Aschaffenburgs.

Noch vor zehn Jahren herrschte hier nicht der Charme des Orients, sondern trister Verfall. Das ehemalige Jagdschloss der Erzbischöfe von Mainz war in den Jahrhunderten seit seiner Gründung im Jahr 1265 ziemlich verwohnt worden. Nach dem Tode der letzten gräflichen Besitzerin stand es nicht gut um seine Zukunft, bis sich ein jetzt 75-jähriger Steuerberater an seine Jugendliebe erinnerte. Denn Edmund Weber hatte als Kind auf dem riesigen Gelände der Weyberhöfe gespielt und war dem alten Bau rettungslos verfallen. In jahrelanger Arbeit entstand ein rundum saniertes Schmuckstück, das sich große Mühe gibt, bei allem Komfort nicht als Luxushotel zu wirken.

Obwohl jedes der 40 Zimmer sehr individuell gestaltet ist, manche in satte Grün- oder Rot-Tönen, andere eher mediterran angehaucht, aber immer mit antiken Möbelstücken, moderner Technik und Fußbodenheizung. Doch um in dieser Größenordnung erfolgreich zu sein, müssen verschiedene Gästeschichten angesprochen werden.

Scheune für Bankette

Die alten Scheunen der geschlossenen Hofanlage werden für Bankette genutzt, im 100 Hektar großen Park am Ufer der Laufach tummeln sich Firmenbosse und ihre Teams bei Abenteuerspielen, in der Wellness-Oase überwiegt der Frauenanteil bei Qi-Massage und "Ganzkörperschlamm-Peeling mit Tropenregen", in der angeschlossenen Hausbrauerei locken moderate Preise auch den Gast mit kleinerem Geldbeutel.

Die nach einem Abenteuertag mit Kletterparcours und Tarzan-Liane sichtlich geräderten aber frisch motivierten Manager fühlen sich hier wohl, denn je nach Wetterlage sehen die Herren unrestauriert aus wie frisch einem Schlammbett entstiegen.

In den beiden Restaurants der Weyberhöfe dagegen wird große Küche zelebriert. Vor allem im Carême (benannt nach dem legendären französischen Koch Antonin Carême, 1783-1833) spielt sich gastronomisch Unerhörtes ab: Der junge schwäbische Katalane Juan Amador (den seine Köche "Monsieur" nennen) entwirft eine tollkühne Kreation nach der anderen - im ehemaligen Hühnerstall, der zur Küche umgebaut worden ist. Kostprobe? Blumenkohl Cous-Cous mit Ocietra-Kaviar und Schweinskopf auf Schnittlauchnage oder Atlantik-Steinbutt mit Pata Negra-Schinken und Herbsttrüffeln auf Maronencrème. Geht das? Kaviar mit Schweinskopf??? Es geht - gut sogar.

Keinesfalls schlechter, nur geradliniger und im rustikaleren Ambiente des Schlossrestaurants kocht Amadors langjähriger Souschef Thorsten Huckschlag eine regional angehauchte Richtung mit ebenso erstklassigen Produkten. Wer im Herbst kommt, kann hier sogar in den Genuss der selten gewordenen, aber einzigartig wild schmeckenden Schnepfe kommen - punktgenau gegart mit einer kongenial wilden Sauce. Angesichts so massiver Verlockungen kommen die meisten Gäste auch zum Schlemmen hierher. Der Food & Beverage-Bereich trägt mit stolzen zwei Dritteln zum Gesamtumsatz bei. Aber unter der künstlichen Sonne des Morgenlandes verschwinden solche Einsichten. Draußen blühen die Bäume und drinnen schmiegt sich der Sand an den Körper. Nur eine Sorge schwebt im Raum: "Hoffentlich gibt das keinen Sonnenbrand."

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