Zeitung Heute : Entspannen unter vollen Segeln

Michael Segbers

Dem Seglerlatein zufolge mag am Mast kratzen, wer den Mut dazu hat. Vielleicht hilft es, und die Flaute verliert sich in einer frischen Brise - vielleicht aber kommt auch ein Sturm auf. Crew und Passagiere der neuzeitlichen Luxussegler bleiben von derart schwierigen Entscheidungen verschont: Starke Motoren und modernste Navigationstechniken sorgen für eine Pünktlichkeit in den Fahrplänen, die denen der klassischen Kreuzfahrtschifffahrt nicht nach steht.

Die Kreuzfahrt "unter Tuch" mit festen Fahrplan ist ein kleines, aber wachsendes Segment im Kreuzfahrttourismus. Viele der Schiffe sind erst in den vergangenen Jahren gebaut worden. Gemeint sind nicht die klassischen Aktiv- und Jugendsegler wie die legendäre "Alexander von Humboldt", sondern echte Kreuzfahrtschiffe, auf denen seglerisches Können für die Passagiere weder Voraussetzung noch zwingender Unterrichtsstoff ist.

Diese Segelschiffe können grob in drei Kategorien eingeteilt werden. Zum einen gibt es die High-Tech-Segler wie die "Wind Song", die "Wind Star" und die "Wind Spirit" der Reederei Windstar-Cruises in Seattle im US-Bundesstaat Washington. Sie alle wurden erst Ende der achtziger Jahre gebaut und eher auf amerikanischen Geschmack getrimmt. Hier muss kein Matrose mehr in die Schwindel erregenden Höhen der Masten steigen - die Segel werden mit Motorkraft ausgefahren. Die Bordsprache ist Englisch.

Eine weitere Kategorie sind die Großsegler mit allen üblichen Einrichtungen eines großen Kreuzfahrtschiffes: 228 Passagiere kann zum Beispiel der im Jahr 2000 fertig gestellte "Royal Clipper" mitnehmen, nach Angaben der Reederei White Star Clipper in Miami im US-Bundesstaat Florida das "größte wahre Segelschiff, das jemals gebaut wurde". Mit fünf Masten und 5200 Quadratmetern Tuch bietet es wohl auch die größte Segelfläche, mit der je ein Schiff ausgerüstet wurde. Auf der "Star Clipper" und der "Star Flyer" der selben Reederei finden je 170 Passagiere Platz. Neben Englisch wird auch Deutsch gesprochen. Eine Einführung in die Segelkunst ist möglich. Die Schiffe haben Pools an Bord, die "Royal Clipper" gleich drei.

Um deutschsprachige Kundschaft mit individuellem Urlaubsinteresse bewerben sich vor allem Hapag-Lloyd Kreuzfahrten in Hamburg mit den beiden Schiffen "Sea Cloud" und "Sea Cloud II" sowie die Reederei Deilmann in Neustadt/Holstein mit ihrer "Lili Marleen".

Pate für die Idee der luxuriösen Nostalgietouren stand die "Sea Cloud", die 1931 in Kiel unter dem Namen "Hussar" für eine amerikanische Millionärserbin gebaut wurde. Auf dem Schiff trafen sich nicht nur Schauspieler und Banker, sondern es diente auch diplomatischen Verhandlungen, bis es im Zweiten Weltkrieg der US-amerikanischen Marine als Pa-trouillenboot zugeteilt wurde. 1978 wurde die Viermastbark zum Luxussegler umgebaut und von Hapag-Lloyd als Kreuzfahrtschiff eingesetzt. Das Schiff bietet 3000 Quadratmeter Segelfläche. 60 Besatzungsmitglieder kümmern sich um bis zu 69 Gäste - fast ein Verhältnis eins zu eins.

1994 trat als Neubau die "Lili Marleen" konkurrierend an die Seite der "Sea Cloud", ein nostalgischer Dreimaster mit 1200 Quadratmetern Tuch, der 50 Kreuzfahrtgäste und 26 Besatzungsmitglieder beherbergt. Die weiße Barkentine im Stil der dreißiger Jahre fand rasch ein Publikum, das mit Massentourismus nichts im Sinn hat. Die "Sea Cloud II" schließlich, ebenfalls im Stil der dreißiger Jahre gebaut, ging erst im Februar 2001 auf Jungfernfahrt. Maximal 96 Gäste finden auf dem von Hapag-Lloyd gecharterten Dreimaster Platz. Die Besatzung zählt 56 Köpfe, die Segelfläche misst 2400 Quadratmeter.

Die Tagesstrecken dieser Schiffe sind so berechnet, dass größere Entfernungen auch tatsächlich gesegelt werden können - doch muss der Wind schon mitspielen. So bleibt es denn letztlich eher den Launen der Natur überlassen, wie lange tatsächlich gesegelt wird.

Die Unterschiede zu den großen Motor-Kreuzfahrtschiffen sind beträchtlich: Smoking und Abendkleid können zum Beispiel zu Hause bleiben. Sportliche Kleidung tagsüber und sportlich elegante am Abend, heißt die Devise. Hier kennt jeder jeden, hier geht es eher familiär zu. Auf einen Pool müssen die Passagiere auf den kleinen Luxusseglern verzichten, ebenso auf ein ausgefeiltes Showprogramm. In den Lounges werden eher Shantys gesungen, als dass eine Band auftritt und Seemannsknoten gelehrt als Musicals aufgeführt. Einkaufspassagen, wie sie auf vielen größeren Schiffen üblich sind, sucht der Reisende hier ebenfalls vergebens.

Die "Lili Marleen" hält sich auch den Sommer über im Gewässer um die Galapagos-Inseln auf (zwölf Nächte inklusive Landgänge 4177 Euro). Die "Sea Cloud" ist im Sommer im westlichen und östlichen Mittelmeer unterwegs, bevor sie wieder Kurs nimmt auf die Karibik. Die "Sea Cloud II" kommt im Mai aus der Karibik und bleibt im westlichen Mittelmeer, um im Spätherbst von den Kanaren zurückzukehren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben