Zeitung Heute : Entwurf für eine grüne Stadt

Forscher entwickeln lebensfreundliche, bezahlbare und energieeffiziente Viertel für den Iran

Sybille Nitsche
Bau-Boom. Um die Wohnungsnot zu lindern, wird im Iran derzeit viel gebaut – wie hier bei Teheran. Oft sind die neuen Städte jedoch unfreundliche Wohnsiedlungen und wahre Energieverschwender. Ein Modellviertel soll jetzt zeigen, dass es auch anders geht. Foto: Ali Farnam
Bau-Boom. Um die Wohnungsnot zu lindern, wird im Iran derzeit viel gebaut – wie hier bei Teheran. Oft sind die neuen Städte jedoch...

„New Towns“, „Neue Städte“ werden sie genannt. Sie sollen Irans Megacitys wie Teheran, wo fast acht Millionen Menschen leben, entlasten. Diese Städte haben mit Überbevölkerung, Luftverschmutzung und Wohnungsnot zu kämpfen. 20 solcher „New Towns“ sind seit Mitte der 1980er Jahre im Entstehen, allein fünf im Großraum Teheran-Karaj.

Die Crux der neuen Städte jedoch ist, dass sie eines der eklatantesten Probleme der alten Städte nicht lösen: den enormen Energieverbrauch. Vielmehr setzt er sich dort ungehemmt fort. Nahezu der gesamte Energiebedarf wird im Iran über das Verbrennen von Erdöl und Erdgas gedeckt. Dementsprechend hoch ist die Luftverschmutzung in Ballungsgebieten wie Teheran und Karaj und überschreitet die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Werte um ein Vielfaches. Hauptverursacher sind neben der Industrie und dem nahezu alternativlos auf das Auto fixierten Verkehr vor allem die Gebäude. Nach Berechnungen des TU-Wissenschaftlers Farshad Nasrollahi gehen darauf allein in der Provinz Teheran 40 Prozent des Kohlendioxidausstoßes zurück. Dabei könnte dieser Wert um mehr als die Hälfte verringert werden, wenn anders geplant und gebaut werden würde.

Genau hier setzt das deutsch-iranische Forschungsprojekt „Young Cities – Entwicklung energieeffizienter Städte in der Region Teheran-Karaj“ an. „Unser Anspruch ist, etwas komplett anderes zu entwickeln, als das, was bisher in den iranischen ,New Towns’ gebaut wird, um zu zeigen, dass die Verschwendung von Ressourcen vermieden werden kann“, sagt Sebastian Seelig, Stadtplaner und wie der Architekt Farshad Nasrollahi wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem Projekt.

Die Philosophie der Forscher ist, hauptsächlich durch kluge Planung und Gestaltung des Stadtraums Energie zu sparen. Von Beginn an werden alle Bereiche des Städtebaus einbezogen, um geografische, klimatische, wirtschaftliche, finanzielle und soziale Gegebenheiten zu berücksichtigen. „Stadtplaner, Architekten, Soziologen, Verkehrs- und Landschaftsplaner sowie Ökonomen und Ingenieure arbeiten gemeinsam an einer bezahlbaren, energieeffizienten und lebenswerten Stadt“, erläutert Seelig. „Dieser integrierte Ansatz ist für Irans Stadtplanung neu und wird nirgends im Land praktiziert.“ Was bisher in den „New Towns“ gebaut wurde und wird, sind in die Fläche ausufernde Siedlungen, Gebäude von mangelhafter Qualität, gewaltige Verkehrsachsen, die dem individuellen Autoverkehr huldigen, und überdimensionierte Freiflächen. Den geografischen und klimatischen Gegebenheiten ist diese Art zu bauen nicht angepasst.

Für ihre Idee eines energieeffizienten Stadtteils steht dem deutsch-iranischen Forscherteam ein 35 Hektar großes Areal am Rande von Hashtgerd New Town zur Verfügung. Hashtgerd New Town liegt 80 Kilometer westlich von Teheran am Fuß des Elbrus-Gebirges in einem semi-ariden Klima. Die Winter sind kalt, die Sommer heiß und trocken. Hier sollen 2000 Wohnungen für 8000 Menschen entstehen sowie ein Zentrum mit einer Moschee, Schulen, Kindergärten, einem Einkaufszentrum und einem Bürohaus. So lauteten die Vorgaben an die Stadtentwickler.

„Wir haben einen kompakt gebauten Stadtteil entworfen, der sich an der traditionellen regionalen Stadtstruktur mit seinen engen Straßen und Gassen orientiert. Auch die Architektur der Häuser, die alle nur dreigeschossig sind, lehnt sich an die Tradition an und adaptiert auf moderne Weise das regionale Hofhaus mit seiner nach außen verschlossenen, sich aber nach innen öffnenden Typologie“, erläutert Seelig. Der Rückgriff auf die Tradition geschah nicht aus einer folkloristischen Laune heraus, sondern weil Energie gespart werden kann. „Die dichte Bauweise – unsere Gassen sind nur sechs Meter breit – ermöglicht eine Selbstregulierung des Mikroklimas durch Verschattung und Thermik. Das wirkt sich positiv auf das Heizen und Kühlen aus.“

Neben dem energiesparenden Effekt hat die Hofhaus-Architektur noch einen anderen Vorzug. Sie schafft jene Privatheit, die in der iranischen Gesellschaft sehr bedeutsam ist. Umso seltsamer ist es, dass in den New Towns bislang hauptsächlich solche Gebäude hochgezogen werden, die dem westlichen Baustil folgen. Der aber wird dem Bedürfnis nach Privatheit nicht gerecht. Das habe zur Folge, dass die allen Blicken freigegebenen Gärten und Loggien verwaisen, abgehängt oder zu Abstellflächen umfunktioniert werden, sagt Seelig.

Ein weiteres Resultat der integrierten Planung ist, dass die räumliche Organisation des Stadtteils sich den klimatischen Bedingungen anpasst. Die Häuser, Straßen und Plätze werden so ausgerichtet, dass der frische Nachtwind vom Elbrus-Gebirge durch das Areal hindurchweht und die Freiflächen kühlt, die meist von Südwest kommenden heißen Tageswinde jedoch abgeblockt werden.

Die Philosophie der integrierten Planung lässt sich auch an der Gestaltung der Freiflächen verdeutlichen. Stadt-, Landschafts- und Abwasserplaner sowie Architekten saßen an einem Tisch. Auch Meteorologen der FU Berlin sind eingebunden. Sie errechneten, wie sich die Anordnung der Bäume auf die Oberflächentemperatur und die Luftfeuchtigkeit auswirkt. Gebäude wurden so gruppiert, dass durch Verschattung innerhalb der Freiflächen ein angenehmes Mikroklima entsteht.

Anstelle überdimensionierter grüner Bereiche sieht der Bebauungsplan kleinere, unterschiedlich gestaltete und weniger wasserverbrauchende Areale vor. Und bewässert wird nicht mehr mit wertvollem Trinkwasser, das aus 300 Metern Tiefe nach oben gepumpt werden muss, sondern mit aufbereitetem Brauchwasser. Die konzipierten Freiräume sind nicht mehr wasserverschlingende Flächen, um die lediglich der Verkehr kreist, sondern Orte, an denen die Menschen sich aufhalten und treffen können.

„Das Moderne an unserem 35 Hektar großen Pilotprojekt ist auch, dass wir ein Maximum an Energieeffizienz mit einem Minimum an Technik erreichen“, sagt Seelig und registriert wohlwollend die Verstörung auf dem Gesicht seines Gegenübers. Er weiß, dass eine solche Aussage von einem Wissenschaftler überrascht. „Zu Beginn unserer Forschungen standen unsere iranischen Kollegen und wir schon vor der Frage, sollen wir eine energiegerechte Stadt nach den modernsten Regeln deutscher und internationaler Ingenieurskunst planen – hypermodern, visionär, futuristisch – ähnlich der Null-Emissions-Stadt Masdar-City, die derzeit in der Wüste Abu Dhabis entsteht?“, erzählt Sebastian Seelig. „Oder suchen wir nach einer regional und kulturell angepassten Lösung?“

Die Wissenschaftler entschieden sich gegen Hightech. Zu Masdar-City einen Gegenentwurf zu kreieren – also mit wenig Technik trotzdem viel Energie zu sparen –, darin sahen sie schon bald die größere Herausforderung. Auch waren die Forscher zunehmend davon getrieben, etwas zu entwerfen, das im Iran auch umsetzbar ist. An einer Hightech-Ruine hatte niemand Interesse. Bei jeder Idee wurde geprüft: Wird ein iranischer Investor das finanzieren können?

Wie ein energieeffizientes Haus zu vertretbaren Kosten gebaut werden kann, zeigt das von TU-Architekten entworfene New-Quality-Gebäude (kleines Bild). Es wurde im vergangenen Jahr in Hashtgerd New Town fertiggestellt und ist Teil des Forschungsprojektes. Die Außenwände und das Flachdach des fünfgeschossigen Wohnhauses wurden mit expandiertem Polystyrol-Hartschaum gedämmt, einem Material, das auch im Iran erhältlich ist; die Fenster doppelt verglast.

„Allein durch diese vergleichsweise simplen Maßnahmen lässt sich der Energieverbrauch der Häuser halbieren, verglichen mit dem der herkömmlichen Fünf-Geschosser in den New Towns“, sagt Jan Grunwald vom Fachgebiet Tragwerksentwurf und -konstruktion. Die Suche nach angepassten Lösungen ist für die Umsetzung des Projektes aber noch aus einem anderen Grunde existenziell: In einem Land, in dem im wahrsten Sinne des Wortes das Verheizen der Ressourcen bislang billiger ist, als Dämmstoffe oder mehrfach verglaste Fenster einzubauen, haben teure Energiesparmaßnahmen keine Chance.

Das Gebäude unterscheidet sich noch in anderer Hinsicht wesentlich von den iranischen Häusern. Es ist erdbebengerecht gebaut. Mit relativ einfachen Konstruktionsveränderungen wie dem Einziehen von Stahlbetonwänden und Stahlbetondecken wurde die Sicherheit des Gebäudes und damit der Bewohner erheblich verbessert.

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