Zeitung Heute : Epsteins Berlin

Seine Bilder sind wie Kino: groß, dramatisch, tragisch und komisch. Wenn der Fotograf Mitch Epstein Berlin entdeckt, wird Vergangenheit gegenwärtig. Ein Besuch im Atelier des Künstlers aus New York.

Susanne Kippenberger

Wie merkwürdig sich die Figuren durch die Stadt bewegten. Wie Schlafwandler, so kam es Mitch Epstein vor, als er Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“ im Kino ansah. Auch jetzt, in der Wirklichkeit angekommen, hatte er wieder dieses Gefühl: dass die Menschen durch die Straßen schlafwandelten. „Wahrscheinlich hält man den Winter hier sonst gar nicht aus“, sagt der New Yorker und lacht.

Seit er im Januar als Fellow an die American Academy gekommen ist, hat Mitch Epstein nicht allzu viel Sonne gesehen. Aber dafür vieles andere: das Olympiastadion, den Flughafen Tempelhof oder das Finanzministerium, das einst Reichsluftfahrtministerium war, dann Haus der Ministerien der DDR und nach der Wende Treuhand. Orte, an denen der jüdische Amerikaner die verschiedenen Schichten deutscher Geschichte und Gegenwart entdeckt.

Der Fotograf hat die Stadt erforscht, hat stapelweise Bücher gelesen, im Internet recherchiert und mit Leuten gesprochen. Und er hat gemacht, was er gar nicht wollte: Berlin fotografiert. Erst einmal war er nur dankbar für die Gelegenheit, aus der Routine rauszukommen, Abstand zu kriegen zu seinem großen Projekt „American Power“, an dem er seit fünf Jahren arbeitet. Aber vielleicht, sagt er irgendwann und lächelt ironisch-vergnügt, war das auch nur eine Schutzbehauptung: nicht fotografieren zu müssen. Um dann fotografieren zu können. Er merkte: Jetzt weiß ich genug.

Denn Mitch Epstein ist niemand, der einfach loszieht und drauf los knipst. Das ginge auch gar nicht, sein Fotoapparat passt in keine Hosentasche. Der 55-Jährige arbeitet mit einer großen Plattenkamera auf hohem Stativ, „im Prinzip so, wie sie im 19. Jahrhundert erfunden wurde“. Das sperrige, auch teure Gerät zwingt ihn zu Konzentration und Genauigkeit. Auf eine Platte passen nur zwei Bilder, und wenn er durch die Scheibe guckt, sieht er alles auf dem Kopf. „Dadurch achtet man mehr auf den formalen Aufbau.“ Die Kamera zwingt ihn zum konzeptuellen Arbeiten – um gleichzeitig offen zu bleiben für Überraschungen. So wie neulich, als er auf dem Weg nach Marzahn die Elefanten zwischen den Plattenbauten in Lichtenberg entdeckte.

Mitch Epstein redet, wie er fotografiert: sehr überlegt, um Genauigkeit bemüht. „Um Ehrlichkeit“, wie er sagt. Er gibt nicht viele Interviews. Aber wenn, dann richtig. Fast einen ganzen Tag nimmt er sich Zeit. Mit Klebestreifen hat er die 1,78 mal 2,34 Meter riesigen Abzüge seiner Berlin-Bilder übereinander an die Wand der Kreuzberger Altbauwohnung geheftet, die ihm als Atelier dient, hat hohe Scheinwerfer aufgestellt, um sie richtig auszuleuchten. Mit Hilfe seiner Assistentin rollt er die Fotos nach und nach auf. Von rechts nach links, von links nach rechts. Es ist als würde er die Schichten Berlins freilegen, Seite für Seite ein Buch aufblättern.

Epsteins Bilder sind wie Kino: Groß, dramatisch, tragisch, komisch, berührend. Der menschliche Faktor, auf den legt er wert, auch und gerade, wo kein Mensch zu sehen ist. Im Krisen-Konferenzraum des Außenministeriums zum Beispiel, dem einstigen Tresorraum der Reichsbank, freute er sich über die Wasserflasche und das Namensschild in der Ecke: „Herr Doldi, Studiosus-Reisen“. Mitten zwischen den verwitterten, gebeugten, von Efeu überwucherten Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof Weißensee, den knorrigen Baumstämmen und Ästen, zwischen all dem Grün und Braun steht ein weißer Laptop, den man erst auf den zweiten Blick entdeckt: Ein Forscher hat hier seinen Arbeitsplatz aufgeschlagen, die Gegenwart in die Geschichte gepflanzt. Auch in Epsteins Kreuzberger Atelier wirkt der kleine Strauß Ranunkeln auf dem Tischchen im Erker wie ein persönlicher Pinselstrich, ein Stillleben am Arbeitsplatz.

Epsteins Kino hat Breitwandformat. Erst auf den großen Abzügen kann man all die Details und Nuancen der Bilder entdecken, die oft etwas von Gemälden haben. Der Künstler streicht mit den Fingern über die endlosen Reihen der Plattenbaufenster, „da sieht man genau, was für Gardinen da hängen, dass da Familien wohnen“. Von „Landschaften“ spricht er, selbst wenn er von Innenräumen redet.

Sein Kino leuchtet in kräftigen Farben. Damit hat Epstein, ein Fassbinder-Fan, schon zu einer Zeit gearbeitet, als Farbfotografie noch als ordinär und kommerziell verschrieen war. Wahre Kunst kam in den 70er Jahren schwarz-weiß daher. Heute gilt Epstein, dessen Bilder im Museum of Modern Art und im Getty Museum zu sehen sind, als einer der Pioniere des Genres. Mit Hollywood freilich hat Epsteins Kino nichts zu tun. Dazu ist es zu leise. Zu anspruchsvoll. Auch vom Betrachter verlangt der Künstler, „dass er seine Hausaufgaben macht“. Die Titel verraten nichts außer dem Ort. Die Geschichte hinter einem Motiv muss der Betrachter schon kennen, um die Fotos „lesen“ zu können, wie Epstein das nennt. Nicht zufällig sind Bücher für ihn ein wichtiges Medium seiner Fotografie, die sich so in der Sequenz entfalten kann. Sie sind so unbequem wie seine Kamera, passen in keine Handtasche rein.

Epstein ist New Yorker durch und durch, intellektuell, ironisch, schnell. Noch immer scheint er leicht schockiert zu sein über den Ortswechsel mit seiner Frau, der Schriftstellerin Susan Bell, und Tochter Lucia von der Bowery an den abgeschiedenen Wannsee. Hier singen ihn morgens um fünf die Vögel wach. „Bei uns hört man höchstens Besoffene singen.“

Weggehen, um wieder anzukommen, das ist der Rhythmus seines Lebens. Wie eine Welle, hin – und mit noch mehr Kraft zurück. Mit 18 und fliegenden Fahnen hat er seine Heimatstadt Holyoke in Massachusetts verlassen, um Künstler in New York zu werden. Mit 48 und seiner Kamera kehrte er zurück: in eine zerstörte Stadt, in der auch die eigene Familie vor den Trümmern des Amerikanischen Traums stand. Das Möbelgeschäft seines Vaters, einst eins der größten der Region, stand vor dem Ausverkauf; nachdem Jugendliche eins seiner leerstehenden Häuser angezündet hatten und das Feuer einen ganzen Block zerstört hatte, drohte eine Schadensersatzforderung ihn in den endgültigen Ruin zu treiben. Drei Jahre begleitete Epstein die Krise mit der Kamera. „Eine sehr schmerzhafte Zeit“ – am Ende eine Annäherung an den gefürchteten, distanzierten Vater und ein Buch, wie es so noch keins gegeben hatte: „Family Business“. „Einen visuellen Roman“ nannten Kritiker den Band, der mit Fotos, sehr persönlichen Texten und Dialogen seine Geschichte erzählt, und dem später noch ein Film folgte: „Dad“.

Als Teenager hatte Mitch Epstein in den Ferien im Geschäft seines Vaters gejobbt, hatte, schmächtig und unsportlich, Kühlschränke und schwere Sessel ausgeliefert. In fremde Wohnungen zu kommen, das hat ihn so fasziniert, dass er später in fremde Welten aufbrach. In den 70er Jahren heiratete er seine erste Frau, die Regisseurin Mira Nair auf einem Elefanten in Indien, arbeitete dort und in Vietnam – um Jahre später, nach New York zurückgekehrt, die Stadt seines Herzens zu portraitieren. „The City“ hat er seine Fotoserie genannt. Als gäbe es nur diese eine Stadt. Gefragt, wie der 11. September New York verändert hat, sagt er, dass die wirtschaftliche Entwicklung, die explodierten Immobilienpreise größere Auswirkungen hatten. Und doch, im ersten Jahr: Da seien auch die New Yorker wie Schlafwandler durch ihre Stadt gelaufen.

In Indien hat Epstein mit Mira Nair zusammengearbeitet, als Kameramann bei ihren Dokumentationen, als Set Designer bei ihren Spielfilmen „Salaam Bombay“ und „Mississippi Masala“. Als enorm befreiend hat der Fotograf die Arbeit erlebt. Schon vorher hatte er sich nicht als Dokumentarfotograf verstanden, sondern als Künstler, der ein Bild der Wirklichkeit, kein Abbild zeigt. Heute erlaubt er sich, in Szenen einzugreifen – nicht zu inszenieren, aber zu verdichten, Menschen und Dinge zu verschieben, auszublenden. Bei der Arbeit an „Family Business“ etwa fand er eine amerikanische Flagge auf einem Bügel, in Plastik gepackt, so wie man Hosen aus der Reinigung bekommt. Er nahm sie und hängte sie vor eine rosa Wand, um ein noch intensiveres Bild zu erzeugen. Oder in Lichtenberg: dass die Elefanten dort zu einem kleinen Zirkus gehörten, hat ihn nicht interessiert, also hat er das Zelt dazu gar nicht erst gezeigt.

2001 ist Epstein das erste Mal nach Deutschland gekommen, um mit Gerhard Steidl ein Buch zu drucken. Seitdem bringt er all seine Bücher im Steidl Verlag heraus, hat in Köln einen Galeristen, Thomas Zander. Was ihn in Deutschland beeindruckt hat, das ist die ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, aber auch mit der Kunst. Wenn er in Berlin, wo die Academy ihm viele Türen öffnet, an sicherheitstechnisch sensiblen Orten wie Ministerien mit seinem archaisch anmutenden Gerät auftaucht, erzählt Epstein, scheinen die Deutschen das für ein Zeichen eines seriösen Anliegens zu betrachtet. In Washington macht er sich damit verdächtig, kommt nicht mal in die Nähe des Capitols, geschweige denn hinein. Die Unbefangenheit, mit der die Amerikaner dem Fotografen in den 70ern begegneten, ist verschwunden. Heute, erzählt er, wird er mit großen Misstrauen beäugt, auch vom FBI verhört. „Man muss immer seine Unschuld beweisen.“

www.mitchepstein.net. Im Steidl Verlag sind drei Bücher von Mitch Epstein erschienen: „Work“, „Family Business“ und „Recreation“. Am 20. Mai um 20 Uhr hält der Künstler einen Vortrag mit Bildern aus der Serie „American Power“ an der Humboldt-Universität (Unter den Linden 6). Einige Bilder aus „Family Business“ sind bis zum 22. Mai im Laden von Andreas Murkudis zu sehen (Münzstraße 21, auch am heutigen Sonntag von 12 bis 18 Uhr).

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