Zeitung Heute : „Er hat direkten Zugang zum Präsidenten“

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William R. Timken soll USBotschafter in Berlin werden. Wiesoschickt Bush einen Unternehmer, Herr Smith?

Die offizielle Ernennung steht zwar noch aus, doch eine solche Personalentscheidung ist nichts Ungewöhnliches. Rund ein Drittel aller US-Botschafter kommt nicht aus dem diplomatischen Dienst. Viele von ihnen sitzen in wichtigen Staaten. Und viele sind überaus erfolgreich.

Welche Rolle hat ein Botschafter in der amerikanischen Diplomatie?

Ein Botschafter macht keine Politik, aber er sorgt dafür, dass Politik umgesetzt wird. Deshalb muss auch der neue Botschafter für Deutschland vor allem ein guter Kommunikator sein und eine Brückenfunktion zwischen Washington und Berlin übernehmen. Wenn William R. Timken tatsächlich nach Berlin kommen sollte, hätte er gute Voraussetzungen, um diese Rolle auszufüllen. Er hat direkten Zugang zum Präsidenten.

Im Wahlkampf war der Mann aus Ohio ein wichtiger Geldgeber und Spendensammler für Bush. Sind die beiden auch privat befreundet?

Soweit ich weiß, kennen sie sich gut und sind sich oft begegnet.

Timken ist deutschstämmig, hat er noch einen Bezug zu Deutschland?

Timken ist ein erfolgreicher Geschäftsmann mit weltweiten Verbindungen. Sein Unternehmen unterhält eine Stiftung, die auch schon Projekte in Deutschland gefördert hat. Timken ist außerdem Mitglied des amerikanisch-japanischen Wirtschaftsrats und wurde in Frankreich als Ritter der Ehrenlegion ausgezeichnet. Das spricht für sein internationales Interesse.

Wird sein wirtschaftlicher Hintergrund für das neue Amt nützlich sein?

Es ist sicher von Vorteil für Deutschland, wenn ein Mann mit dieser Expertise US-Botschafter wird. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: Wann immer Wirtschaftsexperten oder Unternehmer aus den USA nach Deutschland kommen, ist das Interesse, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, groß – besonders in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation Deutschlands.

Welche politischen Themen werden auf der Agenda des Botschafters stehen?

Er muss sich zunächst dafür einsetzen, dass die Differenzen, die das deutsch-amerikanische Verhältnis in der ersten Amtszeit von Präsident Bush geprägt haben, endgültig der Vergangenheit angehören. Schließlich gibt es eine ganze Reihe von internationalen Problemen, die eine vertrauensvolle Zusammenarbeit beider Staaten erforderlich machen. Beispiele sind die Auswirkungen der Globalisierung sowie der Nahe und Mittlere Osten. Europa und die USA brauchen eine gemeinsame strategische Agenda.

Was tut die US-Regierung, um die Beziehungen zu verbessern?

Es gibt viele positive Signale aus Washington. Das zeigt nicht zuletzt der Besuch von Präsident Bush in Deutschland gleich nach dem Beginn seiner zweiten Amtszeit. Wichtig sind aber nicht nur die diplomatischen Ouvertüren, sondern auch konkrete Impulse, dazu gehört, dass die USA nun die europäische Iranpolitik unterstützen.

Können Deutschland und die USA auch in der Russlandpolitik zusammenarbeiten? Wladimir Putin und George W. Bush sind ja unmittelbar vor den Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Moskau heftig aneinander geraten.

Deutsche und Amerikaner haben dieselben Ziele in ihren Beziehungen zu Russland. Beide wollen die demokratische Entwicklung Russlands fördern und auch seine Wirtschaft stärken. Die Feiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 60 Jahren sind eine gute Gelegenheit, um offen darüber zu diskutieren, wie das Verhältnis zu Russland aussehen soll. Das betrifft auch die schwierige Thematik der unterschiedlichen Geschichtswahrnehmung der Osteuropäer in Bezug auf den Jahrestag.

Gary Smith ist geschäftsführender Direktor der American Academy in Berlin. Das Gespräch führte Ulrike Scheffer.

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