Zeitung Heute : "Er hat nie jemanden...": Papa ist der Beste

Jan Schulz-Ojala

Dieses Buch ist wie eine Kladde, die du auf dem Dachboden findest. Braunschwarzer Einband, innen ein braunstichiges Foto, und auch die Schrift ist braun auf weiß, verblasste Tinte oder altes Blut. Eine Kinderschrift, zu Druckbuchstaben geronnen, Kritzelkram, und plötzlich liest du dich fest. Geht ganz schnell. Und ist schnell ausgelesen. Merkt keiner, dass du weg warst in einer fremden Erinnerung, einer anderen Welt.

"Er hat nie jemanden umgebracht: mein Papa", steht auf dem Einband, und das stimmt. Fast zumindest. Denn einen hat er doch umgebracht, sehr langsam, planmäßig und unbeirrbar: sich selbst. "66 Beweise" hat Jean-Louis Fournier mit verstellter Kinderstimme zusammengetragen - 66 Beweise für einen immergleichen Tatbestand: dass sein eigener Vater, Landarzt in Nordfrankreich, sich totgesoffen hat. "Mein Vater ist im Alter von 43 Jahren gestorben, als ich fünfzehn war. Heute bin ich älter, als er jemals wurde. Ich finde es schade, dass ich ihn nicht besser gekannt habe," schreibt Fournier in einem knappen Nachwort. Und: "Ich mache ihm keinen Vorwurf."

Fournier, bislang nicht als Romancier hervorgetreten, arbeitet als TV-Dokumentarist und Sachbuchautor - und vielleicht aus jener Prägung heraus hat er jene nüchterne Perspektive eingenommen, die einen beim Lesen zuerst packt. Denn man muss schon ein sehr kleines Kind sein, um einen solchen Vater so lieben zu können. Denn dieser Papa taumelt durchs Leben: eine Katastrophe von Mensch. Droht im Suff, seine Frau umzubringen und wirft dann überreife Pfirsiche an die Wand. Fährt im Suff das Fahrrad in den Graben und das Auto ins Rübenfeld. Schläft den Patienten auf dem Arztstuhl was vor oder bleibt gleich sturzbetrunken hinterm Klavier im Wohnzimmer liegen. Rettet Kranke, ist aber zu zittrig, ein Huhn zu schlachten. Hat drei Söhne, aber - und das ist wichtiger - drei Bistros. Da kippt er einen Lieblingsschnaps namens Byrrh und macht die Wirte reich. Eine Schnapsleiche, die, wenn sie abends antanzt, "müde" ist, so heißt es für die Kinder, aber die sind dann besser schon im Bett. Eine Schnapsleiche, dieser Papa. Und irgendwann: eine Leiche.

Was mag von solch vaterloser Kindheit bleiben? Anderswo eine Anklageschrift. Mindestens aber ein Vakuum. Etwas, um das man später herumschreibt. Etwas, das Jean-Louis Fournier mit schmerzhaft zärtlichen Annäherungswerten füllt, mit dem ewig betrunkenen Kapitän Haddock aus "Tim und Struppi" zum Beispiel oder mit "Dr. Jekyll und Mr. Hyde." Dieses Buch zählt auf, gegen die Stille: Zwei oder drei Dinge, die ich von dir weiß, Papa. Dass du unheimlich warst, wenn du da warst, andererseits warst du fast nie da. Meist spricht da das Kind, manchmal der Jugendliche, der den Vater schon tot weiß, und dann wieder schweigt durch alle Rollenprosa der Erwachsene durch. Psycho-chronologisches Durcheinander einer nachgetragenen Liebe. Aber das stört nur, wenn man sehr genau liest. Also stört es nicht besonders.

Einmal, wir sind bei Beweis Nummer zwei, ist Papa noch am Leben. Fournier beschreibt das braunstichige Foto, das vorne im Buch abgebildet ist. Papa liest auf der Couch, und das Kind, vielleicht ein Jahr alt, teilt sich mit ihm das Kopfkissen, sehr zufrieden. "Warum ist der heutige Papa alt?", fragt das älter gewordene kindliche Ich. "Warum ist er traurig, warum redet er nicht mehr mit uns, warum ist er nicht nett zu Mama und macht uns manchmal sogar Angst? Wo ist er nur hin, der Papa auf dem Foto?" Ja, warum ist dieser Vater hineingestürzt in seine Sucht, warum flieht er seine Familie, warum bereitet er so kaltblütig seinen Tod vor? Das wüsstest du gern, Leser auf dem Dachboden; aber das wäre eine andere Geschichte.

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