• Er ist ein Romantiker. Einer, der für die Schönheit plädiert und im Alten das Neue entdeckt. Trotzdem, seine Documenta ist nichts für Träumer: Wer ist Roger M. Buergel?

Er ist ein Romantiker. Einer, der für die Schönheit plädiert und im Alten das Neue entdeckt. Trotzdem, seine Documenta ist nichts für Träumer : Wer ist Roger M. Buergel?

Nicola Kuhn

WARUM WURDE AUSGERECHNET DER GROSSE UNBEKANNTE ROGER M. BUERGEL MIT DEM WICHTIGSTEN JOB BETRAUT, DEN DER DEUTSCHE KUNSTBETRIEB IN DIESEM JAHR ZU VERGEBEN HAT?

Wenn im Anschluss an eine Documenta die Findungskommission über den nächsten Documenta-Leiter berät, dann hat das eine gewisse Ähnlichkeit mit einem vatikanischen Konklave, auch wenn am Ende kein weißer Rauch aufsteigt. Ein bisschen kommt diese Berufung tatsächlich einer künstlerischen Papstwahl gleich, denn der auserkorene Kandidat ist geistiges Oberhaupt dieser international wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst. 100 Tage lang pilgert dann alle Welt nach Kassel, um sich den für die nächsten fünf Jahre geltenden Kunstkanon anzuschauen.

Als Ende 2003 die Wahl der Berufungskommission auf Roger M. Buergel fiel, war das Staunen groß. Den damals 41-jährigen Kurator kannte im internationalen Ausstellungsbusiness kaum jemand. Weder einen Kunstverein noch ein Museum hatte der Absolvent der Wiener Kunstakademie sowie studierte Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler je geleitet, geschweige denn eine Blockbuster-Show gestemmt. Der einstige Privatsekretär des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nitsch und Mitbegründer der Kunstzeitschrift „Springerin“ hatte sich aber fernab der Kunstzentren mit Ausstellungen über das Verhältnis von Kunst und Politik einen Namen gemacht. In Ljubljana, Leipzig und Lüneburg organisierte er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Ruth Noack Gruppenausstellungen unter so vielsagenden Titeln wie „Dinge, die wir nicht verstehen“ oder „Gouvernementalität“. Ins Berufungsjahr 2003 fiel auch die Verleihung des Walter-Hopps-Awards, den die renommierte Menil-Collection im texanischen Houston für Verdienste als Kurator verleiht. Die Ehrung wird wohl seine Einladung zum Vorstellungsgespräch in Kassel befördert haben. Der gebürtige Berliner mit Wohnsitz Wien kommentierte seine Berufung augenzwinkernd: „Als einziger Kandidat habe ich in den Bewerbungsgesprächen keinen Künstlernamen genannt. Das hat sie überzeugt.“

Was die sieben Leiter zeitgenössischer Museen letztlich zu Buergels Wahl als Documenta-Leiter bewogen hat, bleibt wie bei einem richtigen Konklave geheim. Allerdings lässt sich vermuten, dass sich die Jury von ihm eine gewisse Kurskorrektur des Kasseler Mammutunternehmens erhofft hat: Nach den theorielastigen Documenta-Ausgaben von Catherine David (1997) und Okwui Enwezor (2002) verspricht Buergel eine stärkere Rückbesinnung auf die Kunst. Schon in seinen ersten Interviews kurz nach der Wahl plädierte er vehement für die Schönheit, was die Community sogleich in zwei Lager schied: Die einen nahmen diese Ankündigung als ersehnten Abschied von der trockenen PolitKunst der letzten beiden Documentas auf, die anderen befürchteten die reine Oberflächlichkeit.

WAS WILL ER ANDERS MACHEN ALS SEINE VORGÄNGER IN KASSEL?

Zunächst hat der Mann mit dem Menjoubärtchen das ursprüngliche Führungsmodell des Documenta-Leiters nebenbei außer Kraft gesetzt. Die Statuten der Weltausstellung sehen zwar vor, dass nur eine Person berufen wird, doch das entspricht nicht dem Stil Buergels, der seine Ausstellungen stets gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Ruth Noack zu organisieren pflegt. Mit einem klugen Schachzug hat er seine Partnerin doch noch ins Boot geholt: Er tritt als Leiter auf und repräsentiert nach außen das Großunternehmen, sie trägt offiziell den Titel Kuratorin und besitzt intern bei Fragen der Künstlerwahl und der Ausstellungskonzeption das gleiche Stimmgewicht.

Vor zwei Jahren nun ist das Paar mit seinen beiden Kindern von Wien nach Kassel umgezogen – anders als viele Vorgänger, die sich mit der hessischen Provinz nie wirklich anzufreunden suchten. „Eine Ausstellung kann nicht wie ein Ufo völlig bezuglos irgendwo landen“, lautet das Credo des Kuratorenduos. Entsprechend haben sie die Documenta mit der Stadt vernetzt. Ein Bürgerbeirat wurde berufen, und für die Dauer der 100-Tage-Ausstellung gibt es einen Arbeitslosensalon. Darin veranschaulicht sich auch eine der drei Documenta-Leitfragen: „Was tun?“ Buergel will die Bevölkerung ganz praktisch zum Handeln auffordern, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – animiert durch die Kunst. Allerdings stieß der Documenta-Macher mit seinem Sympathiefeldzug auch an Grenzen. So wurde der Bau eines provisorischen Ausstellungsgebäudes in Gestalt eines Gewächshauses gegenüber der Orangerie befehdet – mit drei Millionen Euro viel zu teuer, eine Verschandelung der Karlsaue, hieß es. Buergel nahm es gelassen: „Kassel ist auf Basalt gebaut, da bewegt sich nichts. Aber das ist auch gut so. Eine gewisse Widerständigkeit ist das Salz in der Suppe der modernen Kunst.“

Gerade mit dem sogenannten Kristallpalast der französischen Architekten Lacaton & Vassal knüpft Buergel an die Geschichte der Weltausstellung an – so stark wie kein Documenta-Macher zuvor. In den vergangenen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, hat sich die Mammutschau stets als Forum für die allerneueste Kunstproduktion verstanden. Buergel erinnert jedoch mit dem Kunst-Gewächshaus an die Anfänge der Documenta, die in ihrem Gründungsjahr 1955 nur eine Begleitveranstaltung der Bundesgartenschau war. Damals wurden in dem noch nicht vollends wiederaufgebauten Fridericianum die Bilder vor den Wänden platziert, eingespannt zwischen stählernen Drähten. An diese Aufhängung erinnert auch die jetzige Präsentation im Fridericianum. Das von nachträglichen Einbauten befreite Museum erhielt temporäre Wände, die mit Schraubzwingen zwischen Decken und Boden befestigt sind. Eine solche Rückschau ist auch in der Kunst selbst zu erleben. Anders als seine Vorgänger zeigt Buergel historische Werke. Das älteste Bild stammt aus dem 14. Jahrhundert, eine persische Miniatur aus dem Berliner Pergamonmuseum. „Warum sollte es darauf ankommen, wann ein Kunstwerk entstanden ist? Wichtig ist doch nur, dass es uns heute aktuell erscheint“, sagt Buergel.

WORAN GLAUBT BUERGEL IN DER KUNST?

Buergel bezeichnet sich selbst als Romantiker; die von ihm ausgewählte Kunst besitzt stets einen utopischen Kern, der den Betrachter dazu animiert, seine eigene Situation zu reflektieren und Verantwortung zu übernehmen. Zwar wird es diesmal in Kassel nicht wie bei den beiden letzten Documentas zahllose Videos und Dokumentarfotografien zu diversen Krisengebieten der Welt geben, aber Buergel holt Künstler von den verschiedenen Kontinenten in seine Schau, um sie international zu vernetzen. Schon jetzt ist ein gigantisches Mohnfeld der Kroatin Sanja Ivekovic vor dem Fridericianum angelegt, und der Thailänder Sakarin Krue-On versucht auf 7000 Quadratmetern vor Schloss Wilhelmshöhe Reis anzubauen. Dieser Kulturmix ist auch in der Miniatur aus dem 14. Jahrhundert zu erkennen. Sie zeigt einen chinesisch gemalten Fluss mitten in persischer Landschaft; der aus Persien stammende Künstler hatte sich auf einer Chinareise dazu inspirieren lassen. In vielen Documenta-Beiträgen werden sich die unterschiedlichen Strömungen mischen, allein durch das Nebeneinander der gezeigten Werke diverse Kulturkreise kreuzen. Buergel nennt das „Migration der Formen“ und erhofft sich daraus Erkenntnisgewinn auch für ein globales Zusammenleben.

Das zweite große Anliegen, das Buergel über die Kunst zu transportieren sucht, ist das Thema Bildung, ästhetische Erziehung. In den vergangenen Wochen hat er in seinen Vorträgen landauf, landab gepredigt, dass seine Documenta kein Spaziergang wird. Das Publikum bekäme bei ihm viel zu lernen, sollte sich auf die geistige Anstrengung einlassen können. „Ich will die Daumenschrauben anziehen, so fest es geht“. sagt er. Gleichwohl hat Buergel das Picknicken auf dem Gelände explizit erlaubt und mit der Einladung des spanischen Starkochs Ferran Adria das Kulinarische in die Kunst geholt.

WAS WIRD AUS EINEM DOCUMENTA-MACHER AM ENDE DES 100-TAGE-KUNSTMARATHONS?

Aus Erfahrungsberichten ihrer beiden Vorgänger wissen Roger Buergel und Ruth Noack sehr genau, dass zunächst das große schwarze Loch auf sie wartet. Von Catherine David und Okwui Enwezor, die beide ebenfalls keinen Institutionen mehr angehörten, war lange Zeit erst einmal nichts zu hören. Den Kunstgipfel Documenta als Ausstellungsmacher, zumal als Überraschungskandidat, erklommen zu haben, macht zunächst einsam. Buergel hat bereits damit kokettiert, zumindest als der Kurator mit dem Menjoubärtchen in Erinnerung zu bleiben.

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