Zeitung Heute : Er legt sich nie fest

Hu Jintao wird das Erbe von Staats- und Parteichef Jiang Zemin antreten – aber keiner weiß, für welche Politik er steht

Harald Maass

Seine Haare sind tadellos gescheitelt, die dunklen Anzüge sitzen perfekt, der Gesichtsausdruck ist unverbindlich. Auf den ersten Blick sieht Chinas Vizepräsident Hu Jintao wie ein Diplomat aus. Doch der 59-Jährige ist Pekings Kronprinz. Er soll das Erbe des bisher starken Mannes, das Erbe Jiang Zemins antreten. Und die Welt fragt sich: Wird sich mit Hu Jintao Chinas Politik verändern?

Die Antwort: Niemand weiß es. Obwohl sein Aufstieg an die Spitze seit Jahren feststeht, ist Hu Jintao für Beobachter ein Rätsel. Seine Karriere verlief glatt. 1942 in Schanghai geboren, studierte Hu in Peking Wasserwirtschaft. Nach dem Parteieintritt machte er rasch Karriere: Vom Sekretär des kommunistischen Jugendverbandes der Provinz Gansu stieg er 1988 zum Parteichef von Tibet auf. 1992 wurde der Reformpolitiker Deng Xiaoping auf ihn aufmerksam. Mit 49 wurde Hu das jüngste Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros der Partei.

Seinen Aufstieg verdankte Hu Jintao der Fähigkeit, sich nicht festzulegen. In seiner steilen Parteikarriere trat Hu nie aus der Reihe, und legte sich nie auf eine politische Linie fest. So ist unklar, ob er eher ein liberaler KP-Führer oder ein Hardliner ist. Als Parteichef von Tibet ließ er 1989 Proteste tibetischer Mönche mit brutaler Polizeigewalt niederschlagen. An der Spitze der KP-Parteischule präsentierte er sich als Reformer.

Auch im Ausland war Hu Jintao lange ein Unbekannter. Kein anderer chinesischer Spitzenpolitiker wurde so gut gegen den Westen abgeschirmt. Erst 2001, als Hus Aufstieg feststand, besuchte er die USA und Europa, wobei er sich auch in Berlin vorstellte. In den Gesprächen präsentierte er sich wie immer: unverbindlich. „Man hat den Eindruck, dass er von seinen Notizen abliest, selbst wenn er es nicht tut“, erinnert sich ein Diplomat.

Nur eine einzige Anekdote ist über ihn bekannt, und die stammt noch aus seiner Studienzeit. Zusammen mit Kommilitonen führte Hu damals ein kommunistisches Putzfrauen-Ballett auf: Zu revolutionärer Musik wischten sie den Fußboden der Uni und nahmen heroische Positionen ein. „Ich hätte nie gedacht, dass einer von ihnen eines Tages China regieren würde“, erinnerte sich ein Mitschüler.

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