• Er liebt den Fußball, das Singen und die Macht. Als Minister in Stuttgart gab er sich volksnah. Nun könnten Selbstherrlichkeit und Mangel an Erfolg dem DFB-Präsidenten gefährlich werden. Wer ist Gerhard Mayer-Vorfelder?

Zeitung Heute : Er liebt den Fußball, das Singen und die Macht. Als Minister in Stuttgart gab er sich volksnah. Nun könnten Selbstherrlichkeit und Mangel an Erfolg dem DFB-Präsidenten gefährlich werden. Wer ist Gerhard Mayer-Vorfelder?

Martin Hägele

MV PERSÖNLICH – IST ER WIRKLICH WIE ER ÖFFENTLICH WIRKT?

Viele Menschen, vor allem Lehrer und Anhänger des VfB Stuttgart, die zum ersten Mal direkt mit dem Kultus- und Sportminister oder dem Patron des schwäbischen Traditionsklubs zu tun hatten, schwärmten geradezu von dieser Begegnung, und erzählten davon, wie doch der persönliche Kontakt ihr Bild von Gerhard Mayer-Vorfelder verändert hätte. Auch er selbst hat oft berichtet, wie angetan Menschen von ihm gewesen seien: „Sie sind ja ganz anders, als wir Sie aus Fernsehen und Zeitung kennen“, habe es oft geheißen. MV trug immer Goldkettchen, Rolex und Boss-Anzüge und tut das bis heute. Äußerlich der Sohn einer Kiezgröße und einer Multimillionärin, ist der wahre Mayer-Vorfelder anders: bemüht volksnah. Häufig bot er schon nach wenigen Minuten das Du an, als kenne er alle neuen Gesprächspartner seit Jahren vom Stammtisch. „Ich bin der Gerd.“

Zu seinen guten Zeiten hat den Rechtsaußen der CDU im Ländle auch nie die politische Coleur seines Gegenübers gestört. Er wurde nicht nur wegen seiner Kampfeslust im Parlament und im Kabinett gefürchtet, wenn er mit offenem Hemdkragen und markanten Sprüchen auf die Opposition losging, ebenso berühmt war die Art seiner Streitkultur. Ein Zank war nicht selten von kurzer Dauer. MV konnte sich heute wieder auf ein paar Viertele mit dem Gegner von gestern zusammensetzen.

In geselligen Runden war Gerhard Mayer-Vorfelder stets ein glänzender Unterhalter. Er kennt sich in historischen Sachverhalten ungewöhnlich gut aus. Er liebt es, wenn er sein Wissen in die Gegenwart übersetzen kann. Fühlte er sich in einer solchen Runde wohl – und das war meistens rasch der Fall – gab er gern ein Liedchen zum Besten. Singen, auf einer Bühne stehen, ist ihm der größte Genuss. Der unerlässliche Abschluss vieler großer Parties im Mayer-Vorfelder’schen Bungalow im Stuttgarter Stadtteil Muggensturm war ein Frank-Sinatra- Songs dahinschmachtender Hausherr.

Dieser Wunsch nach Nähe wich, als Mayer-Vorfelder aus dem Ministeramt ausschied, er ist um einiges reservierter geworden. Empfindlicher, vor allem sturer ist er geworden und schottet sich immer mehr in seinem „inner circle“ ab. Kritiker werden von seiner Frau Margit, dem persönlichen Referenten Jan Lengerke, den er aus dem Neuen Schloss mitgenommen hat sowie Gerhard Meier-Röhn, ehemals Sportchef des Süddeutschen Rundfunks und nun Direktor in der DFB-Kommunikationsabteilung, in schwarzen Listen geführt. Und Frau Wagner, seit Urzeiten Sekretärin bei Mayer-Vorfelder, muss heute noch bei jeder Generalversammlung des VfB Stuttgart stenographieren, wenn irgendein Mitglied dem Ehrenpräsidenten vermeintlich Böses will.

WAS TREIBT IHN AN?

Mayer-Vorfelder ist ein Machtmensch. Er muss ganz an der Spitze stehen, alle anderen haben sich nach ihm zu richten. Für ihn war es Ausdruck der eigenen Bedeutsamkeit, wenn die übrigen Mitglieder des VfB-Präsidiums und des Aufsichtsrats bei einer Sitzung drei Stunden und gelegentlich bis Mitternacht warten mussten, ehe MV endlich auftauchte.

Für die Macht braucht er Symbole – solche, die ihn als Mächtigen ausweisen. Das war der Schreibtisch von Hans Filbinger, den der junge Staatssekretär sofort beanspruchte, nachdem der baden-württembergische Ministerpräsident und politische Ziehvater MV’s, mit seiner Vergangenheit als Marinerichter nicht mehr haltbar war im Amt. Das waren auch die modernen Gemälde und jener 30000-Mark-teure, antike Bauernschrank, die unbedingt angeschafft werden mussten, um dem Amtszimmer im Roten Haus des VfB, repräsentative Ausstrahlung zu verleihen – während der Klub riesige Schulden hatte und kaum mehr Kredite erhielt. Das ist heute das Büro im EnBW-Hochhaus an der Kriegsbergstraße gegenüber dem Stuttgarter Hauptbahnhof, wo MV, Frau Wagner, Herr Lengerke, ein Fahrer und häufig auch Meier-Röhn sitzen.

Vorgänger Egidius Braun, der den DFB ehrenamtlich und gegen 25 Mark Tagesspesen geführt hat, ist für wichtige Dienstgeschäfte aus Aachen in die Verbandszentrale nach Frankfurt gereist. Mayer-Vorfelder aber bekam neben einem Manager-Gehalt auch noch den entsprechenden Apparat, über den er von seinem Wohnort aus alles kontrollieren kann.

HAT ER SEINE ZIELE ERREICHT?

Gerhard Mayer-Vorfelder ist nie Ministerpräsident geworden. Lothar Späth besaß weit mehr politisches und wirtschaftliches Gewicht. Gegen Erwin Teufel und dessen klare konservative Linie hätte MV niemals antreten können. Für Bonn hat es auch nicht gereicht, von diesen Karriereplänen hat der im Badischen aufgewachsene Jurist früh Abstand genommen. Weil er begriff, dass er sich nur in dem Biotop um Stuttgart richtig ausleben konnte. Hier hatte er über seinen CDU-Ortsverein und seine VfB-Anhänger die Szene im Griff. Auf diese Weise hatte er ein Vierteljahrhundert etliche Affären überstanden.

Das Ende war nicht schön: Teufel musste seinen Finanz-Minister loswerden; innerhalb der CDU-Landesführung und erst recht an der Basis hatten die Solonummern MVs für immer mehr Ärger und Parteiaustritte gesorgt. In der öffentlichen Wahrnehmung ließ sich da nicht länger trennen zwischen der politischen Figur und dem Sportfunktionär. Als VfB- Präsident hat er ein Chaos hinterlassen, wenn man Personalentscheidungen (mehr als 20 Trainerentlassungen) und die fast 40 Millionen Mark Schulden als Kriterium nimmt und gegen zwei Deutsche Meisterschaften (1984, 1992) und einen Pokalgewinn rechnet. Mayer-Vorfelder wollte immer in Cannstatt den zweiten FC Bayern München aufbauen, und er selbst hätte in seinem Traumfilm so gerne Beckenbauer gespielt. Schlecht für sein Fußball-Ego, dass die „jungen Wilden vom VfB“ im abgelaufenen Jahr, dem Rekordmeister Konkurrenz machten – mit einer Stuttgarter Mannschaft, auf die er keinen Einfluss gehabt hatte.

WIE VIEL MACHT HAT ER?

Nun steht er da, als Präsident von Franz Beckenbauers Gnaden. Auch weil er fühlt, dass der Präsident des größten Fachverbandes der Welt mit seinen sechseinhalb Millionen Mitgliedern nicht mehr viel zu sagen hat, weil die großen Geschäfte im DFB vom Organisationschef der WM 2006 und von den Strippenziehern aus der Bundesliga (DFL) erledigt werden, hat MV die Bundestrainersuche zu seiner Privatsache gemacht. Er wollte zeigen, dass nur er den Mann nach Völler holt, so wie er sich vor vier Jahren bei einer Task-Force-Sitzung das Idol Rudi ausgeguckt hat.

Dass er den alten Volkshelden nicht hat halten können, liegt wohl auch daran, dass Völler seinem Vorgesetzten nicht mehr blind vertraut hat. Den neuen Wunschtrainer des Landes, Ottmar Hitzfeld aber hat MV nicht gekriegt, weil er dem nicht schnell genug sein volles Vertrauen ausgesprochen hat. Der hätte sich sonst wohl kaum eine Bedenkzeit erbeten und hätte vermutlich nicht abgesagt.

All das wird Mayer-Vorfelder am Montag bei einer außerordentlichen Präsidiumssitzung den Kollegen erklären müssen. Falls dieses Gremium seinem Chef überhaupt noch einmal richtig zuhören will. Die älteren Herrschaften sind verbittert, weil sie zu oft übergangen worden sind.

Falls der 59-jährige Jurist Theo Zwanziger, im Verband bisher Schatzmeister , seinen Hut in den Ring wirft, würde eine Wiederwahl Mayer-Vorfelders beim Verbandstag im Oktober in Osnabrück unwahrscheinlich. Die Frage, die eine südwestdeutsche Zeitung vor vier Jahren an ihre Leser gestellt hatte, wäre ganz einfach beantwortet: „Wer entlässt Gott?“ hat es damals über dem Porträt Mayer-Vorfelders geheißen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben