• Er sucht den Höllenjob und macht Karriere dabei. Viele sahen in ihm schon den DaimlerChrysler-Chef der Zukunft– dann wurde er überraschend gefeuert. Jetzt will er VW sanieren. Wer ist Wolfgang Bernhard?

Zeitung Heute : Er sucht den Höllenjob und macht Karriere dabei. Viele sahen in ihm schon den DaimlerChrysler-Chef der Zukunft– dann wurde er überraschend gefeuert. Jetzt will er VW sanieren. Wer ist Wolfgang Bernhard?

Alfons Frese

WAS MACHT BERNHARD EINZIGARTIG?

Es ist die Kombination aus Herz und Verstand. Bernhard ist mit Spaß bei der Sache, weil er sich für Technik begeistert, für schnelle Autos und Motorräder. Und er ist analytisch stark. Die ersten Berufsjahre als McKinsey-Berater haben ihn geschult: Probleme identifizieren und benennen und dann die entsprechenden Maßnahmen ableiten und umsetzen. Mit diesen Fähigkeiten hat sich Bernhard das Image eines der besten Automanager der Welt erarbeitet. „Er ist sehr gradlinig und gut strukturiert“, sagt einer, der ihn aus gemeinsamen Zeit bei Daimler-Chrysler kennt. Und der gebürtige Allgäuer sei international ausgerichtet – nicht unwichtig in der Autoindustrie, die so global aufgestellt ist wie keine zweite Branche.

Bernhard ist schnell. Unendliche Gremiensitzungen mit dem Verschieben eines Themas von links nach rechts und dann wieder zurück gibt es bei ihm nicht. „Der Bursche ist verdammt umsetzungsstark“, sagt der Gelsenkirchener Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer. Kurvenreiche Fahrten mit dem Ziel, nirgendwo anzuecken, sind seine Sache nicht. „Er erzeugt Reibung und fühlt sich dabei wohl“, sagt Dudenhöffer.

Das enorme Selbstbewusstsein lässt ihn vor keinem Konflikt zurückschrecken. „Er ist ein guter Kumpel, manchmal etwas rüde“, sagt ein ehemaliger Bernhard-Kollege. Die hohe Schule der Diplomatie hat er in der Tat nicht besucht, „der freche Hund“. Aber es lief ja auch alles super: Bei McKinsey von Mercedes abgeworben, half der damals 30-Jährige beim Sparen. „Innerhalb von drei Jahren haben wir 2,7 Milliarden Mark reingeholt, das ist brutal gut gelaufen“, erzählte Bernhard später. Gut lief auch die nächste Station im Mercedes-Stammwerk Sindelfingen, wo Bernhard die Fertigung der S-Klasse leitete. Die praktische Erfahrung dazu holte er sich drei Tage im Monat am Band. „Am ersten Tag ließ ich mich anlernen, am zweiten unterstützen, und am dritten musste ich es können.“

Das erinnert an eine weitere Legende der Autoindustrie, den baskischen Kostenkiller Jose Lopez, der sich als Einkäufer bei General Motors und VW gerne bei Zulieferern rumtrieb und ihnen Produktionsveränderungen und Preissenkungen aufdrückte. Mit bisweilen dramatischen Folgen für die Qualität. Das würde dem Perfektionisten Bernhard nicht passieren. Im Gegenteil.

Als Vizechef von Chysler drückte er zwar auch brachial die Einkaufspreise, schloss Fabriken und baute knapp 30000 Arbeitsplätze ab. Doch gleichzeitig wurden die Autos immer besser, und heute ist Chrysler der einzige US-Hersteller, der auf dem Heimatmarkt seinen Marktanteil steigert. Vermutlich auch deshalb, so wird jedenfalls kolportiert, haben sich auch General Motors und Ford um Bernhard bemüht, als dessen Mercedes-Karriere plötzlich beendet war.

IST ES TYPISCH FÜR IHN, SICH MIT SEINEM CHEF ANZULEGEN?

Bernhard sei „ein guter Freund“, sagte Chrysler-Chef Dieter Zetsche, als der Weggefährte aus der Spur geraten war. Zetsche war denn auch der einzige Daimler-Chrysler-Manager, der öffentlich Bedauern über das Ausscheiden Bernhards äußerte. Doch auch Jürgen Schrempp, der schließlich den Stab brach, hat sich nur sehr ungern von seinem Lieblingsschüler getrennt. Wenn sich Bernhard nicht dermaßen ungeschickt verhalten hätte, wäre er heute Chef der Mercedes Car Group und damit erster Kandidat für die Schrempp-Nachfolge in drei Jahren. Stattdessen sitzt er nun in Wolfsburg.

Passiert war zweierlei. Bernhard, noch Chrysler-Vize, aber bereits nominert als Mercedes-Chef, legte sich mit dem Mercedes-Establishment an, insbesondere mit den stolzen Stuttgarter Betriebsräten und dem langjährigen Mercedes-Chef Jürgen Hubbert. Das war sehr ungeschickt. Noch dämlicher und vermutlich entscheidend war Bernhards Verhalten gegenüber Schrempp. Zu dessen Vision einer Welt AG gehörte neben Chrysler die japanische Mitsubishi, an der Daimler-Chrysler mit 37 Prozent beteiligt war. Doch die Japaner düsten rasant in die Krise und brauchten eine Milliardenspritze von Daimler-Chrysler. Schrempp wollte zahlen, konnten sich aber im eigenen Vorstand nicht durchsetzen. Nur der heutige Mercedes-Chef Eckhard Cordes und Strategievorstand Rüdiger Grube stimmten mit Schrempp, die übrigen acht Vorstandsmitglieder waren dagegen. Darunter Wolfgang Bernhard.

Anstatt nun die Klappe zu halten, trat Bernhard gegen seinen Förderer Schrempp nach: „Tja, Jürgen, shit happens.“ Teilnehmer berichten von einem „genüsslichen Auftritt“ des Jungstars. Aber man kann eben auch im falschen Moment triumphieren.

Oder das Falsche sagen. Kurz bevor er sich auf den Mercedes-Chefposten setzen sollte, bezeichnete Bernhard die Edelmarke als Sanierungsfall. Heute, ein Jahr später, bekommt er sogar fast Recht. Mit Milliardenaufwand versuchen die Stuttgarter derzeit, die Qualitätsprobleme in ihren teuren Autos in den Griff zu kriegen, und im vierten Quartal schrammte die Mercedes Car Group, wozu auch Smart und Maybach gehören, nur 20 Millionen Euro an roten Zahlen vorbei. Aber Sanierungsfall? Das darf man vielleicht denken, aber nicht sagen.

Der damalige Mercedes-Chef sah sein Lebenswerk beschädigt und schloss sich zusammen mit Daimler-Chrysler-Betriebsratschef Erich Klemm. Die Arbeitnehmer hatte Bernhard nämlich mit der Bemerkung aufgeschreckt, in Stuttgart müsse „Blut fließen“. Auch die Verlagerung von Mercedes-Fertigungen ins Ausland hatte der designierte Chef angekündigt. Unerhört. Schließlich war das Trio Schrempp, Hubbert und Klemm zu schwergewichtig für das Lästermaul.

Bernhard stammt aus kleinen Verhältnisse und hat sich hochgeackert. Das Studium finanzierte er sich unter anderem als Straßenmusiker. „Er hat einen kämpferischen Ansatz im Blut“, sagt ein Daimler-Mann anerkennend. Hinzu kämen allerdings ein „vorschnelles Temperament und zu wenig Geduld“. Für den zweiten Teil der Karriere wäre es jedenfalls hilfreich, wenn er sich bei Daimler-Chrysler die Hörner abgestoßen hätte.

WELCHE HERAUSFORDERUNGEN KÖNNTEN IHM BEI VW PROBLEME BEREITEN?

„Erst müssen die Eier gelegt werden, bevor gegackert wird“, sagte Bernhard Anfang der Woche in Genf, wo er gemeinsam mit seinem Chef Bernd Pischetsrieder auftrat. Seit Februar ist Bernhard Vorstandsmitglied in Wolfsburg. Noch ohne Geschäftsbereich, doch spätestens Anfang nächsten Jahres soll er die Leitung der Markengruppe VW (mit VW, Skoda, Bentley und Bugatti) übernehmen. Und natürlich profitabel machen.

Denn der Volkswagen-Konzern verdient Geld vor allem mit Audi und der Finanztochter. Die Kernmarke VW fährt dagegen Verluste ein. Das hängt damit zusammen, dass die Erweiterung der Produktpalette um die Ober- und Luxusklasse (Phaeton und Bentley) in den vergangenen Jahren Milliarden gekostet hat. Das Brot-und-Butter-Segment, die echten Volkswagen, wurden vernachlässigt. Bernhard wird also versuchen, den neuen VW-Modellen ein sportlicheres Image zu verpassen und dabei die Marke VW von den übrigen Konzernmarken stärker abzugrenzen. Das wird schwer genug. Vor allem aber braucht der sportliche, zähe Bernhard viel Fingerspitzengefühl, um mit dem Großaktionär Niedersachsen und den Betriebsräten und der IG Metall klarzukommen. Fast jeder VW-Beschäftigte ist Mitglied der IG Metall. Vor allem das Werk in Wolfsburg mit 50000 Beschäftigten und einer Hallenfläche von der Größe Monacos „muss durchgelüftet werden“, meint Autoexperte Dudenhöffer. Ansatzpunkte gebe es bei den Personal-, Kapital- und Zuliefererkosten und überhaupt bei allen Abläufen, von der Idee bis zum fertigen Auto. Die Arbeitnehmervertreter wissen, das etwas passieren muss. „Die anderen verdienen Geld, wir nicht. Also stimmt etwas mit den Strukturen nicht“, heißt es bei der IG Metall in Wolfsburg. Und der globalisierte Wettbewerb ist längst auch in der niedersächsischen Provinz angekommen. „Die Zeit zwingt viele zum Umdenken, wir sind kein Nationalstaat mehr“, sagt der Gewerkschafter. Und hofft auf Bernhard. „Das ist ein Mann, der weiß, wie es geht.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben