Zeitung Heute : „Er war wirklich westeuropäisch“ Hans Koschnick über die Zukunft Serbiens

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HANS KOSCHNICK (73)

war von 1994 bis ’96 EUAdministrator im bosnischen Mostar und von 1998 bis ’99 Bosnien-Beauftragter der Bundesregierung.

Foto: dpa

Herr Koschnick, was bedeutet das Attentat auf Zoran Djindjic für den Demokratisierungsprozess in Serbien?

Wenn man weiß, dass die die Regierungsmehrheit bildende Gruppe des Dos-Bündnisses im Zusammenhalt auf Djindjic gepolt war, ist das ein großer Einschnitt. Man weiß nicht, ob ein Nachfolger in der Lage sein wird, diese Gruppe zusammenzuhalten. Und da die Auseinandersetzungen mit den Freunden von Vojislav Kostunica immer noch weitergehen und zur gleichen Zeit die alten Unbelehrbaren ihr Handwerk treiben, kann das ganz schwierig werden. Für Belgrad, aber auch für uns im Verhältnis zu Serbien.

Was hat Zoran Djindjic ausgezeichnet?

Das Entscheidende war nicht, dass er hervorragend Deutsch sprach oder in Konstanz seine Examina gemacht hat, sondern dass er wirklich westeuropäisch orientiert war. Er versuchte mit aller Energie, Serbien in die Gemeinschaft der westeuropäischen Staaten einzuführen. Eine Sonderrolle für Serbien hat er immer abgelehnt.

Besteht die Gefahr, dass reaktionäre Kräfte in Serbien jetzt wieder die Oberhand gewinnen?

Das glaube ich noch nicht. Man kann auch den Kreis um Kostunica nicht als reaktionär bezeichnen. Aber es sind eben nationalkonservative Serben, wenn auch Anti-Milosevic-Leute. Das Bündnis Dos vertritt im Gegensatz dazu die offenere, demokratische Grundposition Europas.

Serbien steht noch nicht am Abgrund.

Nein, nicht am Abgrund. Aber es kann sehr schwer werden, eine neue, stabile politische Führung zu organisieren, die das Vertrauen der eigenen Bevölkerung gewinnt und zur gleichen Zeit das Vertrauen der Westeuropäer und Amerikaner besitzt.

Wie kann die internationale Gemeinschaft irgendwie helfen?

Das ist eine ganz schwierige Frage. Die Dos ist ja eine Gruppierung von vielen Parteien. Die müssen jetzt erst einmal einen Weg finden, wie sie zusammenbleiben und was sie gemeinsam vertreten wollen. Ich hoffe, dass das, wofür Djindjic stand, nicht nur für ihn als Person galt. Ich hoffe, dass eine Reihe von Kräften in dem Bündnis den gleichen Weg gehen will. Jetzt kommt die Zeit der Unsicherheit für Serbien.

Sehen Sie einen Nachfolger?

Das wäre Spekulation, Namen will ich nicht nennen. Djindjic war einer der wenigen, die Gruppen mit gegenteiligen Meinungen zusammenhalten konnten.

Das Gespräch führte Lutz Haverkamp.

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