Zeitung Heute : Er wollte nur den Tod

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Von Silke Becker, Sandra Dassler, Anke Schmidt-Kraska und Matthias Thüsing, Erfurt

Der junge Robert S. ist vor einiger Zeit von der Schule verwiesen worden. Am Freitag – es ist der Tag der Mathe-Abiturprüfung – kehrt er ins Erfurter Gutenberg-Gymnasium zurück: ganz in Schwarz, von Kopf bis Fuß, man sieht nur seine Augen. Er trägt eine Pumpgun und eine Pistole. Der 19-Jährige stürmt die Schule und schießt um sich. Die Schüler, die den Lärm hören, halten das zunächst noch für einen Scherz. Da lässt einer Knaller losgehen.

Um fünf nach elf geht bei der Polizei der Notruf des Hausmeisters ein. „Hier in der Schule wird geschossen“, sagt er. Wenige Minuten später treffen die ersten Streifenwagen ein. Es sind Schutzpolizisten, und sie wissen noch nicht, dass sie heute beim schlimmsten Amoklauf der deutschen Geschichte eingesetzt werden. Sie kommen ins Foyer der Schule und sehen zwei Leichen am Boden liegen – später wird sich herausstellen, dass es zwei Lehrer sind. Der Junge in Schwarz eröffnet das Feuer. Einer der Beamten stirbt sofort – er ist Polizeiobermeister, 42 Jahre alt, Vater zweier Kinder.

Eine Fensterscheibe des Gutenberg-Gymnasiums: Von der Innenseite drücken Schüler ein Zeichenblatt gegen die Scheibe. „Hilfe“ haben sie darauf geschrieben. Einige Eingeschlossene nehmen Kontakt nach draußen auf. Die Schüler verschicken SMS und telefonieren übers Handy, bis die Akkus leer sind. Die tränenerstickte, atemlose Stimme eines Mädchens ist im Fernsehen zu hören: „Wir sind alle in einen Raum gebracht worden, es sind mehrere Täter. Hier ist eigentlich alles am Weinen.“

Robert S. hält sich im ersten und zweiten Stock auf. Er rast durch die Gänge; die Lehrer halten die Türen der Klassenzimmer zu, schärfen ihren Schülern ein, leise zu sein, damit der Täter sie nicht hört. Im Physikraum, wohin sich einige geflüchtet haben, stellen die Schüler einen Tisch vor die Tür, setzen sich drauf, damit der Amokläufer nicht reinkommt. Irgendwann bricht der Tisch zusammen, da denken sie, der Täter ist im Raum, Panik bricht aus. Aber der Amokläufer ist im Lehrerzimmer und schießt und schießt.

Polizisten ducken sich hinter Hecken

Auf dem benachbarten Sportplatz, ein paar hundert Meter hinter der Schule, betreuen unterdessen Polizisten und Feuerwehrleute hysterisch weinende und sichtlich verstörte Kinder und Eltern in einem Rettungszelt. „Mein Enkel Benjamin ist noch in der Schule“, sagt Renate Rüger. In ihrem Bäckerladen nahe der Schule holen sich viele Schüler jeden Tag ihr Frühstück.

Das Gutenberg-Gymnasium ist Traditionsschule. Sie steht in einem Gründerzeithaus in einem belebten Wohnviertel, das bei den Erfurtern „Blumenviertel“ heißt, weil es hier eine Tulpenstraße gibt, eine Veilchen- und eine Nelkenstraße. Seitdem die ersten Schüsse gefallen sind, ist das Gelände mit rot-weißem Plastikband abgesperrt.

Panzerwagen des Sondereinsatzkommandos (SEK) fahren durch die schmalen Straßen, vorbei an besorgten Anwohnern, an rennenden Männern und Frauen, die wissen wollen, wie es um ihre Kinder steht. Großeltern suchen verzweifelt nach ihren Enkeln. Ein Mädchen, das es nach draußen geschafft hat, erzählt, direkt neben ihm sei eine Lehrerin erschossen worden. Sie habe es nur ihrer Freundin zu verdanken, dass ihr nichts passiert sei. „Sie hat mich schnell weggezogen, und dann sind wir nur noch gerannt.“ Sanitäter tragen sechs Verletzte aus der Schule, dabei ducken sie sich hinter Hecken und Autos, um nicht ins Schussfeld zu geraten. Ein Mann bricht in Tränen aus. Seine Tochter stürzt auf ihn zu und umarmt ihn. Dann bringt das SEK Scharfschützen in Stellung.

Es ist vier Stunden nach Beginn des Amoklaufs, als das SEK beschließt, die Schule zu stürmen. Von Etage zu Etage, von Raum zu Raum suchen die Beamten nach dem oder den n Tätern. In den Chemieraum, wo eine neunte Klasse festsitzt, kommen Polizisten gerannt, rufen: „Ist hier der Täter?“ und dann nur noch: „Lauft!“ Auf dem Weg in die Freiheit rennen die Schüler vorbei an ihrem Mathelehrer. Er liegt verblutet am Boden.

„Auf den Gängen, in einzelnen Zimmern, auf einer Toilette wurden getötete Personen festgestellt“, wird später der Einsatzleiter der Polizeidirektion, Manfred Grube, sagen, stockend und mit versteinerter Miene. Nach dem möglichen zweiten Täter sucht die Polizei in der Kanalisation. 18 Tote werden gezählt. 14 davon sind Lehrer und drei Schüler, davon zwei Mädchen. Robert S. zieht sich in die oberen Stockwerke zurück, die Beamten folgen ihm. Als er sieht, dass er keine Chance mehr hat, erschießt er sich mit der Pistole selbst. Überlebende berichten, er habe noch gesagt: „Es hat alles keinen Sinn.“

„Er war lustig“

Der Nachrichtensender n-tv strahlt am späten Nachmittag ein Interview mit Isabell Hartung aus, einer ehemaligen Mitschülerin, die acht Jahre lang mit dem Attentäter zur Schule gegangen ist. Er sei aufgeschlossen und ruhig gewesen. Gefragt danach, warum er von der Schule flog, sagt sie: „Weil er oft unachtsam war, er wollte im Mittelpunkt stehen, er war lustig, den Schülern hat das gefallen, den Lehrern nicht.“ Sie erinnert sich auch daran, dass er mal gesagt hat: „Ich möchte einmal, dass mich alle kennen.“

Verstehen kann das alles noch niemand an diesem Tag. Das Gutenberg-Gymnasium habe einen guten Ruf in Thüringen, sagt Isabell Hartung. „Mir ist kein Fall von gewalttätigen Auseinandersetzungen bekannt.“ Die Erfurter fragen nach dem Warum. Christine Kromke, Bahnhofsmanagerin, wird an diesem Tag den Schüttelfrost nicht mehr los. Bei der Arbeit hatten Kollegen gegen Mittag vorsichtig gefragt, auf welche Gymnasien ihre beiden Söhne gehen. Erst danach erzählten sie der 40-Jährigen, was sie aus dem Radio wussten: „Ich konnte es nicht erwarten, nach Hause zu kommen. Da habe ich meine beiden Jungen einfach nur in den Arm genommen und gedacht: ,Christine, du gehörst heute zu den glücklichen Müttern in Erfurt.’ Obwohl ich heulen könnte, wenn ich an die Opfer denke.“ Ihre 14 und 16 Jahre alten Söhne durften am Freitag wie die meisten Schüler in der Stadt früher nach Hause gehen. Gefreut haben sie sich nicht – der Schock sitzt tief.

Auch Dieter Walde macht sich Sorgen um Bekannte. Er ist am Nachmittag von der Arbeit in Frankfurt am Main nach Erfurt zurückgekehrt. Schon iIm Zug hat uns ein Schaffner informiert, aber jeder, der gestern in Erfurt ausstieg, hat gemerkt, dass die Stadt verändert war. Nirgends sah man fröhliche Gesichter, keiner hat gelacht. Meine Kinder sind noch an der Grundschule, sie verstehen die Tragweite des Geschehens noch nicht, und ich bin froh darüber.“ Mit seiner Frau hat Dieter Walde immer wieder über die „Schuldfrage“ geredet: Wie konnte der Täter an Schnellfeuerwaffen gelangen?

Christa Taube, die 30 Jahre lang als Deutschlehrerin in Erfurt gearbeitet hat, stellt sich eine ganz andere Frage: „Wie können Lehrer jetzt noch unbefangen zur Arbeit gehen?“ Die Rentnerin hat den Fernseher ausgeschaltet, sie kann es nicht mehr sehen. Sie will es nicht mehr hören. Am Vormittag war sie am Grab ihres Mannes auf dem Westfriedhof, ganz in der Nähe des Gutenberg-Gymnasiums. Hat sich gewundert, dass da so viele Polizeihubschrauber kreisten. Als sie dann mit der Straßenbahn zurückfuhr, erzählte eine Frau von zwei jungen Mädchen, die an der Haltestelle der Schule eingestiegen waren und hemmungslos weinten.

Während das Land an diesem Freitag über das Motiv für die Tat rätselt, taucht die Erinnerung an eine „Tatort“-Folge vom Dezember auf. Die Krimifolge beginnt mit einem Massaker im Lehrerzimmer eines Gymnasiums. Die Polizei findet die Leichen von drei Lehrern und einem Schüler. Als der „Tatort“ mit dem Titel „Gewaltfieber“ im Ersten lief – das muss ungefähr die Zeit gewesen sein, in der Robert S. von der Schule flog. Er hatte zum zweiten Mal die Zulassung zum Abitur versäumt. Ein Krimi im Fernsehen mit prominenten Schauspielern wie Ulrike Folkerts und Corinna Harfouch – hat er ihn gesehen? Hat Robert S. etwa nicht die Schützen von Littleton nachgeahmt, wie viele jetzt vermuten, sondern einen Sonntagabendkrimi aus dem friedlichen Deutschland?

An der Schule treffen nach und nach Interventionsspezialisten ein, um die Überlebenden psychologisch zu betreuen. Die Polizei bricht die Suche nach dem zweiten Täter ab, in der Andreaskirche beginnt man mit Vorbereitungen für einen Gedenkgottesdienst.

Vielleicht 1000 Menschen kommen zur Kirche, so viele, dass nicht alle Platz finden. Nur wenige weinen, die meisten halten ungläubig die Hände vor den Mund. Gott muss sich viele Fragen anhören an diesem Abend: „Wo warst du heute?“, „Woher nehmen Kinder diese Waffen?“ Die meisten singen mit beim Lied „Hoffet und betet“. Im Hintergrund sind Polizeisirenen zu hören.

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