Erdbeben in China : Aus Trümmern geborgen

Benedikt Voigt

Um der traurigen Wahrheit von Tangshan näher zu kommen, hatte es vor knapp drei Jahrzehnten eines Reporters der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua und großen Mutes bedurft. Der Journalist hatte es gewagt, die Anzahl der Toten, die 1976 beim schlimmsten Erdbeben des zwanzigsten Jahrhunderts ums Leben gekommen waren, öffentlich zu nennen. Er bezifferte sie auf 250 000. Die kommunistische Partei Chinas hatte diese Opferzahl, die wohl noch deutlich zu niedrig gegriffen ist, bis zu diesem Zeitpunkt geheim gehalten. Drei Jahre lang!

Wie anders verhält sich China nach dem katastrophalen Erdbeben am Montag in Sichuan. Diesmal dauerte es nur wenige Stunden, ehe die staatlich kontrollierten Medien die ersten Opferzahlen meldeten. Seitdem steigen diese Zahlen ohne Pause – gestern wurden mehr als 20 000 Tote befürchtet. Sogar für aktuelle chinesische Medienverhältnisse berichten die Fernsehprogramme und Zeitungen erstaunlich offen, detailliert und temporeich über die Tragödie, die den Südwesten des Landes heimgesucht hat. Eine Sondersendung löst die nächste ab, der Fernsehsender CCTV schickt unaufhörlich Livebilder aus dem Katastrophengebiet in die Wohnzimmer und erinnert, vielleicht nicht unfreiwillig, an den zuletzt in China lautstark kritisierten amerikanischen Nachrichtensender CNN. Und nicht an ein von der kommunistischen Partei kontrolliertes Fernsehprogramm, das seine Inhalte vom Propagandaministerium abnicken lassen muss. „Staatsfernsehen auf Speed“ nennt ein Blogger der Zeitschrift „Newsweek“ das ungewöhnliche Mitteilungsbedürfnis.

Doch in Chinas Medien passiert weiterhin kaum etwas ohne die Genehmigung der Kommunistischen Partei. Welche Absicht steckt hinter dieser neuen Offenheit? Die kommunistische Regierung hat in der Tragödie offenbar auch eine Chance entdeckt. Das traurige Ereignis bietet China die Möglichkeit, in der Weltpolitik aus der defensiven Rolle der vergangenen Wochen und Monate herauszukommen. Seit den Unruhen von Tibet und seiner harschen militärischen Reaktion darauf hatte das Reich der Mitte international auf der Anklagebank gesessen. Seit Montag aber eint China und die übrige Welt das Interesse, in Sichuan so viele Menschenleben wie möglich zu retten und die Versorgung der Überlebenden sicherzustellen. Ausgerechnet ein Erdbeben hat den tiefen Graben zwischen der internationalen Gemeinschaft und China etwas zuschütten können.

Zumal nach dem verheerenden Zyklon in Birma der internationale Druck noch zugenommen hatte. China unterstützt aus wirtschaftlichem und politischem Interesse das dortige Militärregime. Dieses hat sich spätestens in der letzten Woche als menschenverachtend entlarvt, als es DVD-Player statt Lebensmittel an die notleidende Bevölkerung verteilt hat. Mit seiner schnellen und riesigen Hilfswelle grenzt sich China nun deutlich von Birmas Militär ab. Wir sind anders, wir tun etwas, lautet die Botschaft, die Tag und Nacht über alle Kanäle läuft. Der chinesischen Regierung kommt zugute, dass sie große Erfahrung im Umgang mit Naturkatastrophen hat und über völlig andere Ressourcen als Birmas Machthaber verfügt. Zuletzt im Januar hatte China mit einem ungewöhnlich heftigen Winterwetter im Süden fertig werden müssen.

Doch der ungewöhnlich große Aktionismus der chinesischen Regierung muss auch nach innen wirken. Wenige Stunden nach dem Erdbeben zeigte CCTV bereits, wie Wen Jiabao im Flugzeug nach Sichuan saß und Interviews gab. Später kletterte der chinesische Premierminister über Steinbrocken und versuchte verzweifelt, Eingeschlossenen mit einem Megafon Mut zuzusprechen. Es war ein innenpolitischer Einsatz. In der Not könnt ihr euch auf uns verlassen, lautete der Subtext von Wen Jiabaos Einsatz.

Eine Regierung, die nicht demokratisch gewählt ist und nicht ständig militärische Mittel anwenden will, steht ihrer Bevölkerung gegenüber unter ständigem Rechtfertigungsdruck. Dem muss sie nachgeben, wenn sie neue Unruhen vermeiden will.

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