Zeitung Heute : Erdbeeren pflücken

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Jan und Josefine sind Stadtkinder, wie sie im Buche stehen: Etagenwohnung, mickrige Blumen auf dem Balkon, das Tierleben kennen sie aus Begegnungen mit Berliner Kötern. Deshalb zieht es uns immer am Wochenende in die freie Natur – oder was man so nennt. Zuletzt sind wir der Sache nachgegangen, woher die Marmelade kommt. Rundum gewandet in Regenhaut, jeder bewaffnet mit Plastikeimerchen, haben wir uns auf den Weg nach Potsdam-Bornim gemacht. Den roten Pfeilen nach zu Neumanns Erntegarten.

Allein die Anfahrt hat uns tief beeindruckt: die gewagte Wegführung querfeldein und wie sich auf dem flachen Lande ein Gewitter entlädt. Im Nachhinein sollte sich das als unser Vorteil erweisen, denn außer uns war sonst niemand auf die Idee gekommen, bei solchem Wahnsinnswetter Erdbeeren zu ernten. Wo sich im letzten Jahr parkende Autos gegenseitig verkeilten und eifrige Selbstpflücker geschlagene drei Stunden warten mussten, bis sie auf das geplünderte Feld vorgelassen wurden, hätten wir beinahe die Zufahrt verpasst. Umso größer unser Erstaunen, dass mittendrin und mutterseelenallein auf einem rostigen Gerüst ein polnischer Landarbeiter mit DJ-Pult thronte. Schließlich waren wir die Einzigen bei diesem Erdbeer-Rave – bis auf jede Menge Stare, für die der Sound aus Habicht- und Bussardschrei zur Abschreckung auch gedacht war.

Jan und Josefine interessierten sich ohnehin mehr für die gleich daneben eingepferchten Schweine, die Jan unbedingt streicheln wollte. Zum Glück konnten wir ihn schnell zu den Erdbeeren locken, wo er sogleich den Sinn des Ganzen erfasste: nicht so sehr sammeln, sondern selber essen. Ihn konnte auch nicht verdrießen, dass es durch den vom Regenwasser aufgespritzten Sand mächtig zwischen den Zähnen knirschte. Auch rein äußerlich ergab das eine aparte Mischung: erdbeerrote Finger und Münder mit matschbraunem Hosenboden. Trotzdem haben wir unser Soll geschafft und über fünf Kilo gepflückt, um einen günstigeren Preis zu bekommen. Zu Hause wurden dann diese Massen zu Marmelade verarbeitet. Und Jan und Josefine bestellen seitdem morgens ihr Marmeladenbrot immer mit dem Hinweis: selbst gepflückt.

Neumanns Erntegarten, Heineberg 2, 14469 Potsdam-Bornim, Tel. 0331/501651

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