Zeitung Heute : Erdbeermarmelade teilen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Immer das, was man nicht hat, das gerade bräuchte man so sehr. Bei mir war es jahrelang ein Balkon, der fehlte. Die Wohnung, in der ich damals lebte, war perfekt, bis auf eben dieses eine kleine, aber sehr entscheidende Manko. Jedes Jahr um diese Zeit steigerte sich die durch Balkonlosigkeit ausgelöste Melancholie in wahre Freiluftkrämpfe. Nachts irrte ich durch die Straßen und blickte sehnsuchtsvoll empor zu den von Blüten und schmiedeeisernen Gittern umrankten Idyllen, hinter denen Kerzenlicht ahnbar war, kühler Wein und glückliche Menschen in freier Luft. Später, wenn es Sommer wurde, malte ich mir aus, wie es sein könnte, in einer Hängematte auf dem Balkon zu schlafen, und wie alle unangenehmen Tätigkeiten, die mit dem Sortieren von Papieren oder dem Warten von Kleidungsstücken zusammenhingen, sich zu wahren Genussorgien wandeln würden, wenn sie nur auf einem Balkon verrichtet werden könnten. Von schönen Dingen, wie lesen oder mit lieben Menschen zu Abend essen, nicht zu reden.

Manchmal saß ich trotzig abends am Ufer der Spree. Um den Kopf gewunden ein Stirnband, an dem eine Taschenlampe befestigt war. Hatte ich mal in einem Globetrotterladen gefunden. Ich saß also da und las und sah aufs glitzrige Wasser. Bis irgendwann ein paar unangenehme Leute mit ihren Hunden vorbeikamen.

Seit einigen Jahren besitze ich nun einen eigenen Balkon. Er ist klein, bewahre. Einmal von der alten Wohnung losgelöst, hätte ich natürlich auch eine Terrasse haben können, aber nach all den Jahren musste es einfach ein richtiger, echter Balkon sein. Dort hat man einen wunderbaren Blick auf rotglühende Abendwolken in den erstaunlichsten Formen, auf Sterne, ja, und auch auf glitzriges Wasser, aber aus gebührendem Abstand natürlich. Wenn ich meinen Balkontisch decke, dann immer mit den schönsten Gläsern und dem feinsten Porzellan und natürlich dem Windlicht, von dem ich so lange geträumt hatte. Spielt das Abendrot mit, sieht er aus wie ein Filmbalkon – aus einem extrakitschigen Film, aber das macht nichts. Ich kann nicht aufhören, die Draußenlektüre zu genießen.

Früher habe ich den Sommer immer gefürchtet. Jetzt mag ich am liebsten die langen Juninächte, in denen man bis spät kein künstliches Licht braucht. Wo die Globetrotterlampe hingeraten ist? Keine Ahnung. Jetzt hole ich mir meine vertraute Leselampe hinaus, und wenn ich durstig bin, einen schönen, frischen Schluck kühlen Weins – direkt aus dem Kühlschrank. Die Hunde bellen von ferne, aber sie stören nicht mehr. Alles ist fern auf diesem Balkon, das gibt ihm eine Extraqualität, die früher an den balkonlosen Abenden nicht mal erahnbar war. Längst ist es sogar gelungen, einen Blumenkasten mit wunderschönen zartblauen Margueriten über den Sommer zu bringen. Naja, über dreiviertel des Sommers.

Heute ist Sonntag, der Tag, an dem man bei richtigem Wetter endlos frühstücken kann auf dem Balkon. Und wenn eine Biene kommt und etwas Erdbeermarmelade abhaben möchte? Soll sie doch! Einmal angekommen in dieser Idylle, ist sie ist ja ohnehin schon so viel glücklicher als all die Armen, die da draußen umher streifen und nichts lieber hätten als – einen Balkon.

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