Zeitung Heute : Erdgebunden nach England reisen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Flieder blüht. Naja, nicht ganz, aber fast. Jeden Morgen, wenn ich aus dem Schlafzimmerfenster gucke, sind die Knospen am Strauch wieder ein bisschen größer und grüner geworden. Dann weiß ich, dass das Schlimmste überstanden ist. Winter adé, die Uhr zeigt schon Sommerzeit, bald ist Osterferienzeit, Ferienzeit ist Reisezeit…

So hab’ ich vor mich hingeträumt. Bis mir wieder eingefallen ist: Ferienzeit ist Krisenzeit. Wer mag sich schon in ein Flugzeug setzen, zumal, wenn es nach England fliegt? Die Leute wollen nicht, jammern die Airlines. Und die, die wollen, dürfen nicht. Schon vor Monaten hatte ich einen Flug nach London gebucht, zum City Airport, der ist so klein und übersichtlich wie Tempelhof, für Terroristen uninteressant, und schön bequem mitten in der Stadt. Vor ein paar Tagen dann die Nachricht auf dem Anrufbeantworter: Sorry, cancelled, die ganze Verbindung. Lufthansa bietet keinen Direktflug mehr von der deutschen in die britische Hauptstadt an.

Also machen wir aus der Not eine Mode: Flugreisen sind out, „erdgebundene Reisen“, wie die Branche sie nennt, sind in. Am sonnigen Samstag bin ich ganz erdverbunden nach England gereist, mit dem Fahrrad durch den Tiergarten nach Mitte, ohne Um- und fast ohne Absteigen. In der Linienstraße habe ich mir Fotos von britischen Feriencamps angeschaut. Ich stand davor und dachte: Das gibt’s doch nicht, diese quietschend leuchtenden Farben, diese surreale Szenerie, diese Frauen mit den hochtoupierten Haaren, diese Männer im Aquarium, diese irren Kindergärtnerinnen, dieser ganze schrille Retrolook… Das muss erfunden sein, von Lars von Trier.

Gibt’s aber doch - oder gab’s zumindest. Millionen von Briten haben in Butlin’s Camps Urlaub gemacht, bevor sie pauschal an die Costa Brava flogen. Eine Art Robinson Club fürs britische Volk, billig, aber bunt; Zwangsbeglücker in Rot animierten zum Tanzen, Trinken und Spielen. John Hinde, ein Pionier der kommerziellen Farbfotografie, ließ diese Lager in den 60er Jahren als schöne schillernde Urlaubswelt ablichten, für die Postkarten nach Hause. Allerdings weigerten sich die Fotografen, die diese Lager mit der Kamera inszenierten, dort selbst zu übernachten. Zu schäbig war es ihnen da, zu laut, das Essen ungenießbar. Und heute? Heute gibt es nur noch drei der Camps, der Kollege von der „Zeit“ hat eins neulich besichtigt und – he was not amused. Nur eine halbe Nacht hat er’s ausgehalten.

Und die Moral der herrlichen Ausstellung? Zuhausebleiben ist viel lustiger als verreisen. Das ist das Geheimnis aller Komödien, erst der Abstand, ob räumlich oder zeitlich, verwandelt das Leiden in Lachen. Und: Jede Krise hat was Gutes. Ihr verdanken wir schließlich auch die Ausstellung in Berlin. Eigentlich sollte ein Startup-Unternehmen in die frisch renovierten Räume in die Linienstraße einziehen. Was aus der Branche wurde, ist bekannt. Statt zu jammern, richteten der Architekt, der Designer und ein Fotograf hier kurzerhand ein lebendiges Zentrum der Fotografie ein. Auch eine Art, mit der Krise umzugehen: Nicht jammern, sondern machen. Und lachen. Schadet nie.

C/O Berlin, Linienstraße 144, Mitte, bis 18. Mai, täglich 11-19 Uhr. www.co-berlin.com

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