Zeitung Heute : Erdwallstellen erkunden

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Als Robin Hood spürte, dass es mit ihm zu Ende ging, bat er seinen alten Kumpel Little John, ihm seinen Bogen zu reichen, und er schickte nochmal einen Pfeil los. Wo der landete, wollte er begraben werden. Im Sherwood Forest, dem Wald, in dem er sich mit seiner fröhlichen Schar seit Jahren vor den Schergen des Sheriffs versteckt hielt.

Meine Nichte Paula, der ich dieses Buch neulich vorgelesen habe, sagt immer „Robin Hund“. Sie ist noch recht jung. Aber ich glaube, sie mag die Geschichte schon fast so gern wie ich.

Manchmal überlege ich, wo ich später selbst mal begraben werden möchte. Gut eignen sich ja Orte, die man bereits als Lebender gern besucht hat, denke ich. Wie bei Robin Hund. Aber ob man sich im Basler Zolli beerdigen lassen kann? Oder im Kaffee Burger?

Ein Bekannter von mir bewahrt die Asche seiner Mutter in einer Urne bei sich im Wohnzimmer auf. Das ist verboten, aber er hat sich bisher nicht erwischen lassen. Ich bin in solchen Dingen eher konservativ. Ich möchte nicht bei Verwandten im Regal ewig ruhen. Ich will mich ganz konventionell begraben lassen. Und diese Woche habe ich mich entschieden wo: direkt an der Bergmannstraße, ganz in der Nähe meiner neuen WG.

Nein, nicht im Gasthaus „Dietrich Herz“ oder beim Dönermann meines Vertrauens. An der Bergmannstraße gibt es einen wunderbaren Friedhof. Dort fahren Leute auf dem Fahrrad umher, und Jogger nutzen die Anlage ebenfalls gerne. Im Sommer legen sich manchmal Leute zwischen den Grabsteinen in die Sonne. Auf dem Basler „Friedhof Hörnli“ gab es so was nicht.

Vielleicht hat die Atmosphäre der Toleranz auf dem Bergmannstraße-Friedhof ja mit der Geschichte des Geländes zu tun. „Früher waren hier weit und breit nur Weinberge“, erzählte die Dame von der Friedhofsverwaltung begeistert. Die war überhaupt sehr nett: Auch wenn ich nicht hier in der Kirchgemeinde sei, könne ich bei ihr ohne weiteres eine „Erdwallstelle“ – so nennen sie die Gräber hier – für mich reservieren. Die Standardmaße sind 1 Meter mal 2 Meter.

Die Erdwallstellen direkt an der Friedhofsmauer zur Bergmannstraße hin kosten weniger als die weiter innen, hat die Dame mir erklärt. Wahrscheinlich wegen des Verkehrslärms. Aber ich habe es ja gerne etwas lebendig. Und die Einkaufsmöglichkeiten sind hier einfach ideal: Gleich an der Ecke, bei „Birk der Blumenladen“, gibt es alles, was Angehörige gerne aufs Grab legen. Charmanter Name, übrigens. Fast wie „Bernd das Brot“.

Ärgerlich ist nur, dass es sich an der Bergmannstraße eigentlich um vier verschiedene Friedhöfe handelt, die direkt nebeneinander liegen: „Dreifaltigkeit II“, „Friedrichswerder“, „Alter Luisenstadt“ und „Jerusalem IV“. Wer will sich da entscheiden?

Auf „Dreifaltigkeit II“ liegt Ludwig Tieck begraben. Das wäre ein netter Nachbar. Aber ich glaube trotzdem: „Jerusalem IV“ ist eher das Richtige für mich.

Wer an der Bergmannstraße das Grab von Ludwig Tieck besuchen möchte, erhält bei der Friedhofsverwaltung kostenlos einen Lageplan; Südstern 8-10, Tel. 691 61 38 .

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